Festival Fünfzig Jahre Sehnsucht

"Europa schreibt" - in Hamburg suchen 33 Autoren nach dem alten Kontinent

Alle paar Jahre wieder erinnert sich die Literatur an Europa. 1988 im geteilten Berlin träumten die Autoren gemeinsam in der Kongresshalle den Traum vom blockfreien Europa, der überraschenderweise kurz darauf den Konferenzsaal verließ und Wirklichkeit wurde. So viel Fortüne ist der Literatur selten beschieden, weshalb man zehn Jahre später am selben Ort wieder rund dreißig zusammengeflogene Intellektuelle zum nämlichen Thema einvernahm. Europa - Wunschtraum oder Alptraum hieß die damals schon in den zu eng gewordenen Kinderschuhen solcher Nachkriegsfragen mühsam vorwärts stolpernde Tagung. Ob Europa ein kürzeres Wort für Menschenrechte oder vielleicht doch eine Party ist, auf der man in schäbigen Anzügen rumsteht, schlechtes Essen bekommt und dauernd Englisch sprechen muss, war nicht zu eruieren.

Rund vier Jahre später ist wieder Konferenz über Europa, diesmal in Hamburg, ausgerichtet vom Literaturhaus und dessen erfindungsreicher Leiterin Ursula Keller. Hier glückte, was der Berliner Konferenzmaschinerie nicht einfallen würde: eine Europa-Woche, zu der nicht jeder geladen wird, der lediglich Rang und flugtaugliche Redemanuskripte zu bieten hat. Der einzige Gast im neuen Konferenzjahrtausend war die großeuropäische Idee als solche, vertreten durch 33 Autoren aus 33 europäischen Ländern von Albanien bis Zypern (einzig das britische Imperium fehlte unentschuldigt, Bosnien wegen Windpocken).

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Der Eiserne Vorhang hat einen tiefen Graben hinterlassen

Eröffnet wurde diese europäische Schulstunde vom Klassenprimus Durs Grünbein, der wieder einmal tief und dieses Mal ausnahmsweise nahezu fehlerfrei die mythologischen Wörterbücher konsultiert hatte und von den Chariten, über die ätiologischen Sagen bis zu Goethes Urworten und der "Lieblichkeit der Lagunenstadt Venedig" alles aufbot, was die neokonservative Gemütlichkeit ihm derzeit so willig abkauft. Bildungsschmuck, wie er in besseren Zeiten die Eingangsportale ins Kulturbürgertum verzierte, bis der Zweite Weltkrieg diese Gipsgirlanden und alles, worauf sie sich gründeten, in Schutt und Asche legte. In Grünbeins im Spiegel nachgedruckten Schulaufsatz, in dem die beiden Weltkriege das Leichtgewicht von Lateinvokabeln annehmen (nachdem sie nach Art der Männerkitsch- und Boden-Dichtung "die Erde gründlich umgegraben und aufgemischt haben"), führen diese klassizistischen Schmuckelemente ein geisterhaftes Nachleben. Als wäre die Zeit nicht wirklich vergangen, als wäre wahr, was Grünbein whiskyselig behauptete, und der "Hegelsche Universalismus" wirklich noch "Gesetz", die deutsche "Systemphilosophie verbindlich für alle".

Nicht alle osteuropäischen Dichter kamen in den Kniebundhosen des jüngsten Neoklassizismus auf die Bühne. Der Rumäne Mircea Cartarescu wischte das europäische "Erstgeburtsrecht in Sachen bedeutender Kultur" genauso brillant vom Tisch wie der Slowene Ales Debeljak, der Europa gerne wieder in den Händen der intellektuellen Eliten sehen will. Und doch war unter den Abgesandten aus ganz Europa, die eine Woche lang in Hamburg auf denselben Stühlen Platz nahmen und über das nämliche Thema diskutierten, eine Epochenverschiebung zu beobachten, wie sie größer kaum sein könnte: Wir alle leben in derselben mitteleuropäischen Zeit, in der Péter Nádas seit vierzig Jahren jeden Morgen um zehn vor acht an seinem Schreibtisch sitzt. Und sind doch Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte voneinander entfernt.

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