Stellen wir uns ein deutsches Geschichtsbuch in zehn, zwanzig Jahren vor. Hoffentlich steht dann nicht am Ende des Kapitels "Gerhard Schröder" diese Passage: "Und dann entschied sich der Kanzler, alles auf eine Karte zu setzen, um in der Machtprobe mit Amerika zu obsiegen. Seine Gründe mögen nobel oder eigensüchtig, richtig oder kurzsichtig gewesen sein. Die Folge war der Kollaps zweier Pfeiler deutscher Außenpolitik, die fünfzig Jahre lang gehalten hatten: die deutsch-amerikanische Freundschaft und das atlantische Bündnis. Schröders Kanzlerschaft hat dieses waghalsige Spiel nicht überlebt."

Was im Sommer als profitabler Wahlkampf-Einsatz begann, hat sich zur schlimmsten Krise deutscher Außenpolitik seit 1949 gesteigert. Der Irak-Krieg hat noch nicht begonnen, und schon liegen drei blutende Opfer auf der Walstatt. Und selbst die zungenflinksten Apologeten können nicht glaubhaft behaupten, Schröders Politik trage an deren Schicksal keinen Anteil.

Europa contra Europa

Opfer Nummer eins ist Europas gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik. Schröder und Chirac hatten in Versailles, zum 40. Jubiläum des Freundschaftspaktes, geglaubt, ihre ermüdete "Achse" aufpolieren zu können. Rasch aber zeigte sich, dass sie ihre Rechnung ohne die anderen 18 Wirte in Europa gemacht hatten. Zuerst murrten die "Euro-8", unter denen sich auch London, Rom und Madrid befanden. Dann kamen die "Vilnius-10", von A wie Albanien bis S wie Slowakei. Im Klartext lautete die Botschaft der 18: "Wir verwahren uns gegen den Führungsanspruch von Berlin und Paris; vor die Wahl gestellt, stehen wir an der Seite Amerikas."

Kein Wunder. Je näher ein Land geografisch bei Russland liegt, desto dichter will es politisch an Amerika heranrücken – nach dem kühlen Kalkül, dass seine Sicherheit dort besser aufgehoben ist als unter der Fuchtel von Paris und Berlin. Oder: Wenn schon abhängig, dann lieber von der entfernten Supermacht als von zwei vormachtheischenden Nachbarn. Auch für Madrid, Rom, London et al. gilt: Amerika, das ist ein hübsches Zusatzgewicht im neuen Spiel um Europa.

Es wird also etwas dauern, bis Europa wieder "mit einer Stimme" spricht. Dieses Risiko hätten die beiden Dirigenten im Elysée und Kanzleramt bedenken sollen: Wer unilateralistisch (genauer: bilateralistisch) handelt, schafft Gegenwehr, nicht Gefolgschaft. Überdies verstärkt es nicht die Glaubwürdigkeit, wenn man selbst die Sünden begeht, die zu Recht den Bushisten anzukreiden sind. Doch ist das nicht der schlimmste Kunstfehler. Gefährlicher ist der zweite Schlag – gegen die Nato –, den das Duo mit der Pralinen-Supermacht Belgien geführt hat.

Diese Geschichte ist so trivial, wie ihr Ausgang für das Bündnis letal sein kann. Das Trio wollte ja nichts "präjudizieren" und legte deshalb mit unschuldigem Augenaufschlag sein Veto gegen die bloße Nato-Planung für den Schutz der Türkei ein. Es wäre eine kleine, aber feine Geste gegenüber dem meistexponierten Nato-Mitglied gewesen – und noch kein Ja zu den amerikanischen Kriegsplänen. Doch scheinen Chirac und Schröder so besessen davon zu sein, die Amerikaner auch im Kleinsten zu konterkarieren, dass sie gleich zweierlei vergessen haben.

Erstens: Dieses Bündnis funktioniert nur so lange, wie das Prinzip "Einer für alle, alle für einen" gilt – jedenfalls, wenn es um Abschreckung und Verteidigung geht. Patriots sind keine Angriffswaffen. Westdeutschland hat hinter dem Nato-Schild vierzig Jahre lang prächtig floriert. Mag sein, dass diese Wohltat aufgebraucht und Dank nicht der Kern aller Staatsräson ist. Bloß: Wer dieses Bündnis auf den Müllhaufen der Geschichte kippen will, muss es aus triftigem Grund (und mit gewichtigen Neu-Verbündeten) tun – nicht, um auf den unilateralistischen Schelmen anderthalb zu setzen.