Rebellenrentner
Fotos:
Jens Neumann
(2),
Abisag Tüllmann BPK (o.r.), privat (u.l.)
Alt, 68er
Bald gehen die ersten Rebellen von damals in Pension. Sie wollten anders als ihre Eltern zusammenleben, Kinder erziehen, arbeiten. Wollen sie jetzt auch ganz anders älter werden?
Einen Anteil an diesem alten Klinkerhof in Mecklenburg-Vorpommern zu erwerben hat Günter Langer noch einmal verworfen. In seiner bescheiden eingerichteten, nur von Papieren, Platten, Büchern überbordenden Wohnung in Berlin neben dem Jüdischen Museum kramt er das Immobilienangebot hervor: »Wunderschön wäre es ja gewesen.« Doch zu teuer. So suchen er und seine fünf Mitkäufer, allesamt studentenbewegt in den Sechzigern, eben weiter. Déjà-vu? »Uns schweben«, sagt der 56-jährige Berufsschullehrer, »kommuneähnliche Dinge vor.«
Mehr Privatheit als 1968 soll es dabei wohl geben. Damals, erzählt Günter Langer, lebte er als umherschweifender Hasch-Rebell zeitweise ganz ohne eigenen Wohnsitz mal in dieser, mal in jener WG. Endlos über den Kapitalismus diskutiert; den Django-Film-Kult zelebriert; Bürger mit Bakunin-Plakaten verschreckt: Sehnsucht schwingt mit, wenn er mit freundlichem wie streitlustig verschmitztem Blick von jener »Zeit der Ekstase zwischen Ohnmacht und Allmacht« erzählt. Ihretwegen wollte den Volkswirt dann kein Unternehmen haben. Gegen politische Einstellungsschranken vor öffentlichen Schulen hingegen konnte er erfolgreich klagen.
Nach wie vor ist »unser letzter Revolutionär«, wie Kollegen frotzeln, mit Passion dabei, seinen Schülern Englisch und Wirtschaft »ideologiekritisch« und so anspruchsvoll beizubringen, dass er auch selbst weiterlernt. Zugleich denkt er jetzt darüber nach, »wie wir unser Alter anders als unsere Eltern in den Griff kriegen«. Das heißt vor allem, »nicht als Rentnerpaar ohne den Ausgleich Dritter total aufeinander fixiert zu sein«. Doch erst recht wäre ein fremd regiertes Altenheim für einen Antiautoritären vom Gottseibeiuns.
»Nichts gegen die 68er, aber sie werden bald 68«, lästerte der SPD-Politiker Sigmar Gabriel. Das ist zwar für Leute Mitte 50 übertrieben. Aber auf die Pensionierung gehen tatsächlich immer mehr jener einst Neuen Linken zu, die in Feuilletons zur Vorsilbe »Alt-« schon seit langem verdammt sind. Als eine mit den späteren Sponti-, Friedens- und Ökologiebewegungen oft ungenau verrührte Minderheit verliehen die 68er als Erste der mächtigsten von mehreren Modernisierungswellen Schwung. Doch weil die Verhältnisse, die sie zum Tanzen brachten, jedem nahe gehen – »Das Private ist politisch« –, reibt man sich an ihnen nach wie vor bei jedem gesellschaftspolitischen Thema; meist aufgeladen mit Projektionen. Jetzt also die überalterte Gesellschaft: Wie kommen die als Dauerjugendliche verschrienen Rebellen mit der unpopulären Rolle als Gruftis zurecht? Wie reagieren sie auf schrumpfende Rentenkassen? Wagen sie, die beim Heiraten und Erziehen alles anders machen wollten, auch am anderen Ende ihrer Biografie einen Aufbruch?
»Kooperativ« will jedenfalls Günter Langer in Zukunft wieder leben. Mit seinem Sohn unternimmt er zwar noch viel, doch der ist längst erwachsen und im Studium. Von seiner Frau ist er nach zwölf Jahren Trennung geschieden: »Wir sind gescheitert an allem, was wir schon vorher über die Kleinfamilie wussten. Ich wäre besser meinen theoretischen Erkenntnissen gefolgt.« Nun aber geht demnächst wohl rund die Hälfte seiner Altersversorgung an die Frau, und weil er bis auf einen kleinen Bausparvertrag nichts besitze, »könnte ich bei schrumpfenden Pensionssätzen ziemlich verarmen« – ein Zusatzmotiv für die Kommune.
»Man liebt sich ja noch, in unserem Alter«
So ist es, als schließe sich ein Lebenskreis, ob für einen Nostalgieverein oder die neue Avantgarde: Am 2. Juni 1997, zum 30. Jahrestag der Ermordung Benno Ohnesorgs, sahen sich viele SDS-Veteranen in der Berliner TU wieder. Fortan traf sich jahrelang ein bis zu 70-köpfiger Debattierclub. Aus dieser Runde ging eine zwölfköpfige »Biografiegruppe« zur verschärften Aufarbeitung hervor; wiederum daraus Günter Langers Landkommunen-Projekt, in dem die fünf Freunde, teils mit Partnern und Kindern, gemeinsam theoretisch arbeiten, politische Aktionen planen und »sich gegenseitig unterstützen« wollen. Dabei denkt Langer an so etwas wie Pflegebedürftigkeit am allerwenigsten, dafür ist er mit 56 wohl noch zu jung. »Mag ja sein, dass man die Vorstellung, vollständig in Abhängigkeit zu geraten, verdrängt«, sagt er. »Aber die geistige Einsamkeit schreckt mich mehr als die Angst, dass mir niemand den Arsch wischt.« Mit dieser Weigerung, das Alter einzig mit fortschreitendem Siechtum gleichzusetzen, steht er innerhalb seiner Kohorte nicht allein.
Vielmehr betrachtet er die neue Lebensphase als Anfang. Äußerlich wird man ihm das mit seinen Strickpullis über Jeans kaum ansehen: Manchmal legen ihm Freunde nahe, dass er »endlich zu seinem Alter stehen« solle. Das findet Günter Langer dann »total spießig«. Auch wenn er mal mit seinen Schülern zur Polish Pleasure Party in den Diva Club gehe, »zeigt das doch Interesse, nicht Anbiederung! Außerdem…« – er macht eine Pause: »Man liebt sich ja noch, in meinem Alter.« Und zwar mit einer Sozialarbeiterin aus den USA. Vielleicht werde er nach der Pensionierung auch zu ihr nach Florida ziehen. Und die Falle der fixierten Zweierbeziehung? »Tja«, sagt Günter Langer, »die alten Widersprüche.« So könnte der Traum vom Altersprojekt in Deutschlands Osten in der warmen Sonne eines amerikanischen Rentnerparadieses untergehen.
Auch andere 68er scheint indes die alte Hoffnung auf gemeinschaftliche Lösungen, noch oder wieder, zu verbinden. Undogmatischer, diskreter als in den WGs früher, weniger überfordernd und überheblich. Der Münchner Kabarettist Wolfgang Zauner etwa weiß aus seinem linken Freundeskreis vom Aufkauf ganzer italienischer Dörfer zu erzählen und sucht selbst einen für Patchwork-Großfamilien geeigneten Alpenhof. Andere ziehen vom Land in die Stadt, in Bauten, wo mehrere Generationen leben können. Oder der Soziologe Reinhard Blomert: Den freien Publizisten erwartet wie viele »nur eine Minimalrente aus der Künstlersozialkasse«. Während er also am Schreibtisch die Rentenprivatisierung als Manöver der Banken kritisiert, um die europäischen Finanzmärkte zu stärken, hofft er für sein eigenes Älterwerden mit leisem Witz, »dass ich mit meiner Frau und guten Freunden noch in der Lage sein werde, auf einem mietfreien Grundstücklein Gemüse und Bohnen zu züchten und einen Esel zu halten, mit dem ich in die Stadt reiten kann, wenn ich einen Espresso trinken will«.
Ingrid Karsunke von der Zeitschrift Kursbuch will mit niemandem in eine Wohnung ziehen; sie lebt und reist am liebsten mit ihrem Mann. Doch auch sie plant als verbindliches Projekt, mit Freunden »endlich alles bisher Aufgesparte« zu unternehmen, etwa Kunstgeschichte und Film-Retrospektiven zu studieren. Und Kosten zu teilen: »Muss jeder einen Internet-Anschluss haben? Wie viele Autos brauchen wir?« Karsunke redigiert gerade ihre letzte Ausgabe vor der Nachfolgerin, Thema: Das Alter. Dabei hat sie über das Verhältnis der 68er zu ihren Kindern erfahren, dass sie zwar »eine heilige Verpflichtung« empfinden, deren Ausbildung zu finanzieren. Sonst aber gelte: Ihr müsst für euch selbst sorgen – so wie wir Eltern von euch nichts verlangen.
Doch Vorsicht vor Verallgemeinerungen, warnt Günter Langer. Zwar habe die Bewegung wie bei Stammesangehörigen die Identität jedes Einzelnen tief geprägt. Doch die Selbstanalyse seiner Berliner SDS-Runde erbrachte nur eine einzige wirkliche Gemeinsamkeit: »Wir stellen noch immer alles radikal infrage. Diese Grundhaltung verlernt man nicht. Das ist wie Fahrradfahren.« Darüber hinaus aber blicken vom Rauschgift ausgezehrte Drop-outs ganz anderen Zeiten entgegen als wohlversorgte Hochschulprofessoren; gibt es Investmentbanker wie Taxifahrer, Eigenheimbesitzer wie Mieter von Hinterhofbuden, loyal Verheiratete wie dreifach Geschiedene. Gerade wegen dieser Vielfalt der Entwicklungen kann sich ja jeder »die 68er« heraussuchen, denen er dann wahlweise Verbohrtheit oder Angepasstheit bescheinigt, verkniffene Verzichtsmoral oder Konsumismus. Oder Theoretiker eines neuen Generationenstreits schieben ihnen die Schuld für alles in die Schuhe, was demografisch schief gelaufen sei: Reformverweigerung, den Verfall der Familie.
Dass zumindest die schrumpfenden Kinderzahlen neben dem Druck von Arbeitslosigkeit, Unsicherheit und Mobilität auch den Erfolgen der Frauenbewegung zuzuschreiben seien, bestätigt die Filmemacherin Helke Sander, die kürzlich von der Hamburger Hochschule für Bildende Künste emeritiert wurde. »Natürlich«, sagt sie – »wenn Frauen mehr Rechte haben, dann kann die traditionelle Familie nicht mehr funktionieren.« Doch nicht zu sehr, viel zu wenig ist die Hefe der Emanzipation in ihren Augen aufgegangen, auch weil sich die Frauenbewegung mehr für Sex und Berufstätigkeit als für Kinder interessierte: »Bis heute beschäftigt sich doch niemand radikal mit dem entscheidenden Problem: In welchen anderen Lebensformen als der unstabilen Ehe, mit welcher Unterstützung können Frauen Kinder haben, ohne zu leiden?«
Wie sehr Betreuung, Beruf, Beziehung und Politik gleichzeitig zermürben, hat die damalige Theaterregisseurin selbst erfahren, als sie aus Finnland, von ihrem Mann getrennt, zur Studentenbewegung stieß. Auch wie hilfreich die Kommune sein konnte, weil für ihren Sohn immer jemand da war; »aber für ihn waren die Beziehungen wegen der hohen Fluktuation der Studenten langfristig nicht verlässlich«. Die »Reproduktionsfrage« treibt sie nach wie vor um, in stets neu gedachten Aktualisierungen ihrer »Tomatenrede« von 1968: Das Gemüse flog aufs Podium, weil die SDS-Männer für den »Nebenwiderspruch« schlicht kein Ohr hatten. Aus der legendären Delegiertenversammlung ging die Kinderladenbewegung hervor.
Heute lebt Helke Sander bei Salzwedel, in einem renovierten Häuschen auf dem Land. Am Holztisch in der Küche mit Blick in den winterbraunen Garten sitzt eine attraktive, neugierige Frau mit pechschwarzen Kurzhaarfransen, der man 66 Lebensjahre schlicht nicht abnimmt. Zwischen Schneidetisch und endlosen Bücherregalen gibt es Ruhe zum Lesen und Schreiben und Musizieren. Aber ein wenig einsam ist es hier auch.
Viele alleinstehende Frauen seien die eigentliche Errungenschaft von 68, mit diesem Satz wurde Helke Sander auch triumphierend zitiert: Das haben sie nun davon, die Feministinnen. Doch gemeint hat sie ihn weniger bitter als ironisch schillernd: Diese durch alle Beziehungsformen und Veränderungen gegangenen, gebildeten, freien Frauen seien auch zu selbstbewusst, zu vital und kompliziert für viele der möglichen gleichaltrigen Partner, sagt sie. »Männer mussten nicht so viel lernen und sind daher oft eingefahrener, uninteressanter – und nach dem klassischen Modell in den Armen einer Jüngeren.« Dann erinnert sie lachend an den Stummfilmstar Asta Nielsen, die bei ihrer dritten Hochzeit in den hohen Achtzigern gesagt haben soll: »Jetzt weiß ich endlich, was Liebe ist.«
Aus Theorielust diskutiert Sander auf Einladung des Essener Kollegs für Geschlechterforschung mit neun Frauen zwischen Mitte 50 und 80 über mögliche »weibliche Altersbilder«. Eher praktisch lebt sie in ihrem Dorf, von dem auch ihr jüngster Film handelt, »eigentlich wieder in einer Kommune; jedenfalls unter Beobachtung und mit gegenseitiger Hilfe«. Und nur rund eineinhalb Stunden sind es bis Hamburg oder Berlin, wo sie regelmäßig ihren Sohn besucht und die vielen Freunde. Weil man für diese Art zu leben beweglich sein muss, habe sie »nur vor Krankheit manchmal Angst«. Insofern sei es »natürlich schon schwierig, wenn man tendenziell auf dem absterbenden Ast sitzt«.
Matthias Dose fiele bei strenger Auslegung nicht unter den 68er-Begriff. Denn wenig ideologiekritisch erlag er im Bochumer Arbeitskreis zur »Kritik der bürgerlichen Medizin« irgendwann der Romantik der Decknamen und Wachsmatrizen und stieg vom »Starsympathisanten« der Studentenorganisation der KPD zu deren langjährigem »Superkader« auf. Doch dem Geiste des permanenten Infragestellens entspricht es wieder, wie Dose über seine damalige »intellektuelle Verführbarkeit« reflektiert. Groß und kräftig gebaut, im weißen Arztkittel, verschränkt er dabei entspannt zurückgelehnt die Hände hinter dem Kopf.
Reines Glück war es angesichts seines polizeilichen Führungszeugnisses, dass ihn das Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie erst in der Grundlagenforschung einstellte, dann in der Klinik. Heute ist er als renommierter Psychiater, Therapeut und Psychopharmakologe Ärztlicher Direktor im Bezirkskrankenhaus von Taufkirchen.
»Dem Volke dienen – dieses Prinzip gilt für mich noch immer«
Aus seiner Mao-Zeit sind ihm durchaus noch Charakteristika geblieben. Zum einen das Prinzip »Dem Volke dienen«: Bei Professor Dose gibt es Selbsthilfeprojekte, aber keine Privatliquidation, er engagiert sich nebenher für Gefangene in Bayern. Zudem sei er materiell kaum verführbar: »Im Grunde fände ich nach wie vor«, sagt er lachend, »dass ein Blaumann und der Flanellanzug für den Sonntag reicht.« Vielleicht auch deshalb erscheint ihm die ganze Art, wie über die sozialen Systeme debattiert wird, als »Lamento auf hohem Niveau, bei dem ich innerlich ziemlich unbeteiligt bin«. Im Gesundheitswesen jedenfalls, wo er sich auskennt, sieht er »noch breite Spielräume zwischen dem vorgeblichen Zusammenkrachen und der Anstrengung, erst mal eine Menge Unsinn abzuschaffen«; zum Beispiel überteuerte Medikamente oder überflüssige Untersuchungen. »An die Veränderbarkeit der Verhältnisse glaube ich ja auch noch immer.«
Zugleich lässt sich an Doses Beispiel gut studieren, dass selbst eine nachhaltige Kaderphase nur eine von vielen Prägungen ausmacht. Denn dass dem 54-Jährigen das Altwerden – noch? – keine Sorgen bereitet, »auch weil ich den Tod nicht fürchte«, führt er allein auf seine Großeltern, »den Pol der Familie«, zurück. Das weltoffene protestantische Pfarrerspaar hatte zwei Kinder früh verloren, »und so war der Tod für uns nicht tabu, sondern allgegenwärtig: Nach jedem Kaffeetrinken ging man Martin und Heinz besuchen, und während Großmutter die Gräber der beiden pflegte, jagte ich mit meinen Spielzeugautos darauf herum«.
»Ich werde kein Auto brauchen und nur wenig Geld«
Auch Altenheime sind für Mathias Dose durch die Großeltern eher positiv besetzt: »Aufgewachsen bin ich praktisch in einer Clique von 72- bis 93-Jährigen.« Und bejahend ist sein Verhältnis zur Ehe, ob bürgerlich oder »treu proletarisch« (»Wir fanden ja offiziell das Herumgevögele spießig«): Zu seiner ersten Frau und deren drei Kindern hat er auch nach 30 Jahren noch Kontakt, und ihn schmerzt sichtlich die kürzliche Auflösung der zweiten Verbindung. Sohn und Tochter haben auch bei ihm zu Hause ein Zimmer.
So wird er womöglich allein die Eigentumswohnung in München besiedeln, die noch die Eheleute für die Zeit nach der Arbeit gekauft haben. Zielstrebig hat er das Domizil in der Nähe des Ungererbades und guter Freunde gesucht: »Ich werde kein Auto brauchen und Geld nur für Stadtbibliothek, Theater und Museen.« In seinem Kopf reift bis dahin zudem ein Wissenschaftskrimi und ein »geheimes Projekt« zu seinem Lieblingsthema: Gier. Überhaupt, Bücher wollen sie früher oder später alle schreiben. Und sie hoffen, dass die dann auch jemand liest.
* Die ZEIT-Serie "Land ohne Leute" ist mit diesem Artikel (Teil 7) abgeschlossen. Die bisher erschienenen Artikel finden Sie unter www.zeit.de/dossier/landohneleute
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- Quelle (c) DIE ZEIT 08/2003
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