Einen Anteil an diesem alten Klinkerhof in Mecklenburg-Vorpommern zu erwerben hat Günter Langer noch einmal verworfen. In seiner bescheiden eingerichteten, nur von Papieren, Platten, Büchern überbordenden Wohnung in Berlin neben dem Jüdischen Museum kramt er das Immobilienangebot hervor: "Wunderschön wäre es ja gewesen." Doch zu teuer. So suchen er und seine fünf Mitkäufer, allesamt studentenbewegt in den Sechzigern, eben weiter. Déjà-vu? "Uns schweben", sagt der 56-jährige Berufsschullehrer, "kommuneähnliche Dinge vor."

Mehr Privatheit als 1968 soll es dabei wohl geben. Damals, erzählt Günter Langer, lebte er als umherschweifender Hasch-Rebell zeitweise ganz ohne eigenen Wohnsitz mal in dieser, mal in jener WG. Endlos über den Kapitalismus diskutiert; den Django-Film-Kult zelebriert; Bürger mit Bakunin-Plakaten verschreckt: Sehnsucht schwingt mit, wenn er mit freundlichem wie streitlustig verschmitztem Blick von jener "Zeit der Ekstase zwischen Ohnmacht und Allmacht" erzählt. Ihretwegen wollte den Volkswirt dann kein Unternehmen haben. Gegen politische Einstellungsschranken vor öffentlichen Schulen hingegen konnte er erfolgreich klagen.

Nach wie vor ist "unser letzter Revolutionär", wie Kollegen frotzeln, mit Passion dabei, seinen Schülern Englisch und Wirtschaft "ideologiekritisch" und so anspruchsvoll beizubringen, dass er auch selbst weiterlernt. Zugleich denkt er jetzt darüber nach, "wie wir unser Alter anders als unsere Eltern in den Griff kriegen". Das heißt vor allem, "nicht als Rentnerpaar ohne den Ausgleich Dritter total aufeinander fixiert zu sein". Doch erst recht wäre ein fremd regiertes Altenheim für einen Antiautoritären vom Gottseibeiuns.

"Nichts gegen die 68er, aber sie werden bald 68", lästerte der SPD-Politiker Sigmar Gabriel. Das ist zwar für Leute Mitte 50 übertrieben. Aber auf die Pensionierung gehen tatsächlich immer mehr jener einst Neuen Linken zu, die in Feuilletons zur Vorsilbe "Alt-" schon seit langem verdammt sind. Als eine mit den späteren Sponti-, Friedens- und Ökologiebewegungen oft ungenau verrührte Minderheit verliehen die 68er als Erste der mächtigsten von mehreren Modernisierungswellen Schwung. Doch weil die Verhältnisse, die sie zum Tanzen brachten, jedem nahe gehen – "Das Private ist politisch" –, reibt man sich an ihnen nach wie vor bei jedem gesellschaftspolitischen Thema; meist aufgeladen mit Projektionen. Jetzt also die überalterte Gesellschaft: Wie kommen die als Dauerjugendliche verschrienen Rebellen mit der unpopulären Rolle als Gruftis zurecht? Wie reagieren sie auf schrumpfende Rentenkassen? Wagen sie, die beim Heiraten und Erziehen alles anders machen wollten, auch am anderen Ende ihrer Biografie einen Aufbruch?

"Kooperativ" will jedenfalls Günter Langer in Zukunft wieder leben. Mit seinem Sohn unternimmt er zwar noch viel, doch der ist längst erwachsen und im Studium. Von seiner Frau ist er nach zwölf Jahren Trennung geschieden: "Wir sind gescheitert an allem, was wir schon vorher über die Kleinfamilie wussten. Ich wäre besser meinen theoretischen Erkenntnissen gefolgt." Nun aber geht demnächst wohl rund die Hälfte seiner Altersversorgung an die Frau, und weil er bis auf einen kleinen Bausparvertrag nichts besitze, "könnte ich bei schrumpfenden Pensionssätzen ziemlich verarmen" – ein Zusatzmotiv für die Kommune.

"Man liebt sich ja noch, in unserem Alter"

So ist es, als schließe sich ein Lebenskreis, ob für einen Nostalgieverein oder die neue Avantgarde: Am 2. Juni 1997, zum 30. Jahrestag der Ermordung Benno Ohnesorgs, sahen sich viele SDS-Veteranen in der Berliner TU wieder. Fortan traf sich jahrelang ein bis zu 70-köpfiger Debattierclub. Aus dieser Runde ging eine zwölfköpfige "Biografiegruppe" zur verschärften Aufarbeitung hervor; wiederum daraus Günter Langers Landkommunen-Projekt, in dem die fünf Freunde, teils mit Partnern und Kindern, gemeinsam theoretisch arbeiten, politische Aktionen planen und "sich gegenseitig unterstützen" wollen. Dabei denkt Langer an so etwas wie Pflegebedürftigkeit am allerwenigsten, dafür ist er mit 56 wohl noch zu jung. "Mag ja sein, dass man die Vorstellung, vollständig in Abhängigkeit zu geraten, verdrängt", sagt er. "Aber die geistige Einsamkeit schreckt mich mehr als die Angst, dass mir niemand den Arsch wischt." Mit dieser Weigerung, das Alter einzig mit fortschreitendem Siechtum gleichzusetzen, steht er innerhalb seiner Kohorte nicht allein.

Vielmehr betrachtet er die neue Lebensphase als Anfang. Äußerlich wird man ihm das mit seinen Strickpullis über Jeans kaum ansehen: Manchmal legen ihm Freunde nahe, dass er "endlich zu seinem Alter stehen" solle. Das findet Günter Langer dann "total spießig". Auch wenn er mal mit seinen Schülern zur Polish Pleasure Party in den Diva Club gehe, "zeigt das doch Interesse, nicht Anbiederung! Außerdem…" – er macht eine Pause: "Man liebt sich ja noch, in meinem Alter." Und zwar mit einer Sozialarbeiterin aus den USA. Vielleicht werde er nach der Pensionierung auch zu ihr nach Florida ziehen. Und die Falle der fixierten Zweierbeziehung? "Tja", sagt Günter Langer, "die alten Widersprüche." So könnte der Traum vom Altersprojekt in Deutschlands Osten in der warmen Sonne eines amerikanischen Rentnerparadieses untergehen.