Am Start in der SUV-Klasse: Heike Faller, ZEIT-Redakteurin im Leben, im Mitsubishi Pajero 3.5 GDI Elegance
Auto: Mitsubishi;
Composing: Stefan Alsen für ZEIT Leben
Draußen vor der Stadt
Wieso sind SUVs eigentlich so erfolgreich? Weil sie das Flair eines anderen Lebens verströmen, mit Pferdedecken und Jagdhunden
In meinen ersten Tagen mit dem Pajero glaubte ich noch, dass es bei einem Autotest auf die technischen Details ankäme, auf den Allradantrieb, die Automatikschaltung, die fünf Sitze, die Sitzheizung und so. Aber dann wurde mir klar, dass es bei diesem Auto um etwas anderes geht. Ich verstand es in dem Moment, als ich an einem gewöhnlichen Dienstagabend am Potsdamer Platz aus dem Fahrerhäuschen glitt, ich wollte ins Kino, ganz banal. Es muss der vorbeieilende Mann gewesen sein, der mich einen Moment zu lange anschaute, mit dieser Neugier im Blick, als hätte er nicht nur gern mein Auto, sondern auch mein Leben. Ich sprang auf die Straße und fühlte mich plötzlich, als trüge ich Reitstiefel. Genau das war es: Wann immer ich mit diesem Auto gesehen wurde, kam ich mir so vor, als hätte ich Reitstiefel an den Füßen, nein, mehr noch: ein Landgut im Rücken. Warum sonst in aller Welt würde eine Frau Anfang 30 einen so riesengroßen Geländewagen fahren?
Einen vernünftigen Grund gibt es nicht, und doch stehen die SUVs, also Sport Utility Vehicles, für die größte Erfolgsstory der amerikanischen Autoindustrie seit Jahrzehnten. Im vergangenen Jahr war jedes vierte verkaufte Fahrzeug in Nordamerika ein SUV, der Kontinent ist voll von diesen Reptilien, dabei spricht doch eigentlich alles gegen sie: Die Straßen dort sind (ganz ähnlich wie in Europa) zum größten Teil geteert. Geländewagen verbrauchen extrem viel Benzin und geben dabei 50 Prozent mehr Kohlendioxid ab als ein amerikanisches Durchschnittsauto, behauptet der Journalist Keith Bradsher, der seine Zeit als Detroit-Korrespondent der New York Times genutzt hat, den SUVs hinterherzurecherchieren. Gerade ist sein Buch erschienen, begleitet von einer Protestbewegung, und es gibt an diesen Autos eigentlich nichts, wogegen man nicht protestieren könnte: Sie überschlagen sich leichter als normale Fahrzeuge, gefährden bei Kollisionen die Fahrer kleinerer Wagen, Fußgänger treffen sie da, wo sie am verwundbarsten sind: am Oberkörper und am Kopf. Keith Bradsher vermutet sogar, dass es in seinem Land 3000 Verkehrstote im Jahr weniger gäbe, wenn alle SUVs durch altmodische Autos ersetzt würden. Wie zum Hohn sind die Geländewagen dort auch noch steuerlich begünstigt, weil sie nicht als Autos, sondern als Leichtlastwagen klassifiziert werden, für die auch weniger strenge Sicherheitsstandards gelten.
Mit anderen Worten: Es gibt keinen Grund, mit einem Pajero durch eine Stadt zu fahren, jedenfalls keinen, der offensichtlich wäre. Sodass man nur vermuten kann, dass die Fahrerin einen anderen Grund für dieses Auto haben muss, und zwar einen, der außerhalb der Stadt liegt. Serienmäßig mitgeliefert: ein imaginäres Landgut. Familienbesitz seit 300 Jahren (mit Unterbrechungen). Ein schlammverspritztes Leben, voller Verpflichtungen und Familientreffen und Jagdhunde. Ich glaube, das war es, was der Mann am Potsdamer Platz in mir sah und weshalb er nicht aufhören konnte, mir beim Aussteigen zuzusehen.
Vielleicht ist das das Geheimnis des Pajero und der anderen seiner Art: dass SUVs die letzte Sorte Autos sind, an die heutzutage noch jemand glaubt, die letzte Projektionsfläche. Beim Fahrer eines vergleichbar teuren Wagens, eines Sportwagens oder eines riesigen BMW, würde man Selbstwertprobleme oder Geltungsdrang oder bestenfalls Ironie vermuten. Man würde ihn, wenn überhaupt, um sein Auto beneiden. Aber niemals um sein Leben.
Aus müden Augen erwiderte ich den Blick des Passanten. Woher sollte er wissen, dass mein Leben auf dem Land gar nicht so glamourös war, wie es auf den ersten Blick erscheinen mochte? Ich zuckte leicht mit den Schultern. Die Wirklichkeit ist so holprig wie der Feldweg zu unserem Landhaus an einem Hochsommernachmittag, sollte das heißen. Sehen Sie, es ist so: Ich fahre den Pajero ja nicht, weil ich ein, wie nannte man das früher, Statussymbol bräuchte. Ich meine, was soll man machen? Wir sind auch nicht glücklich, dass die Wege zum Haus nicht geteert sind, sodass wir um diese Jahreszeit ohne Allradantrieb verloren wären. Und davon abgesehen ist es GANZ schön teuer, diese alten Gemäuer instand zu halten. In der Schinkel-Kapelle blättern die Fresken von den Wänden, Kunstgeschichte unwiederbringlich verloren, wenn nicht jemand schnell eine Lösung findet (wer wohl?). Im westlichen Teil des Haupthauses steht eine Dachrenovierung an. Wissen Sie, was ALLEIN DIE DACHRINNE kostet? Und ständig ist man voller Hundehaare. (Oder haben Sie geglaubt, ich trage einen Pelzmantel?)
Das Pferd hat sich den Knöchel gebrochen, das polnische Au-pair sich in meinen Mann verliebt (das arme Mädchen). Im Winter sind schon wieder ein paar Bauernfamilien weggezogen, und wer soll eigentlich das ganze Land bewirtschaften? Und beim »Sommernachts-Raum«, einem Kammermusik-Festival, das wir ja im August immer in der »Scheune« veranstalten, hängt auch alles an mir. Pierre Boulez hat die Zusage von Yo-Yo Ma abhängig gemacht, und Yo-Yo Ma glaubt, es sei unmöglich, sein Cello vom Flughafen zu uns aufs Land zu transportieren, aber da habe ich ihm einfach nur entgegengeschmettert: Pa-cello!!! Ihr Cello wickeln wir in die Pferdedecke und tun’s dann hinten rein, denn unser Pajero hat mit umgeklappter Rückbank enorme Ladekapazitäten. Wie der Name schon sagt. Utility Vehicle. Utility!!! Ist einfach nützlich, so ein SUV, ich meine, warum auf Gottes Erden sollte man sonst einen Geländewagen fahren?
Aber der Typ hatte immer noch nicht begriffen. Er konnte einfach nicht den Blick von mir wenden. Er kam mir vor wie ein junger Banker, der über Nacht zu Geld gekommen war, aber der gar nicht wusste, dass Besitz nicht nur Privilegien bedeutet, sondern auch Verantwortung.
Ich bin Vorsitzende mehrerer Charity-Organisationen. Letztes Wochenende zum Beispiel, letztes Wochenende haben wir Rotary-Ehefrauen eine Auktion veranstaltet. Ich habe unsere ausrangierten Krocketschläger spendiert und war mal wieder froh und glücklich um unseren Paj: Ich habe sie einfach in den Kofferraum geschmissen – so praktisch! Der Erlös kommt einem Tierheim im Iran oder Irak zugute. Klingt superspannend? Ist es auch. Aber man wird mit so viel Elend konfrontiert! Und nie hat man das Gefühl, genug getan zu haben.
Aber es half nichts. Er schaute immer noch, als wollte er mit mir tauschen. Lernen die Menschen denn nie, murmelte ich, als ich abschloss und einen prüfenden Blick auf den Pferdesattel im Kofferraum warf (ob den hier jemand klauen würde? Egal).
Die Hochhäuser der Stadt strahlten vor dem Winterhimmel. Bright lights, big city! Ab und zu braucht man das einfach. Ich klopfte mir die Hundehaare vom Dufflecoat und freute mich aufs Kino, in der Hoffnung, den Alltag zumindest für einen Abend vergessen zu können.
Wahrscheinlich, dachte ich, als ich mit einem Daumenklick die Zentralverriegelung aktivierte, wahrscheinlich ist es einfach eine anthropologische Grundkonstante: Es sind immer die Probleme der anderen, die einem sexy und erstrebenswert vorkommen. Aber glauben Sie mir: Das sind sie nicht! Jedes Leben, auch meines, hat seine Holperstrecken. Und der Pajero hilft mir dabei, aus dem Gröbsten rauszukommen, das ist alles.
PS Nächste Woche am Start: Josef Joffe, ZEIT-Chefredakteur, im BMW 330 xd und xi
- Datum
- Serie Autotest
- Quelle (c) DIE ZEIT 08/2003
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