Kennen Sie einen Poul Nielson? Nein? Nicht schlimm, auch bei den Lesern der französischen Zeitschrift L’Expansion rangiert der Mann auf der Hitliste der EU-Kommissare unter ferner liefen. Kommentar: "Der Unsichtbare." Doch gibt es durchaus einen Grund, ihn zu kennen: Poul Nielson verwaltet Geld, viel Geld. Mehr als 21 Milliarden Euro, gespeist aus dem eigenen Budget und verschiedenen Entwicklungsfonds. Eigentlich hätte dieser Betrag längst den Armen dieser Welt zugute kommen sollen. Doch offensichtlich klappt das nicht. Denn von Jahr zu Jahr wächst die Summe, welche die Europäische Union der Dritten Welt vorenthält.

Und niemand protestiert.

21 Milliarden Euro. Das ist viermal so viel, wie die deutsche Entwicklungsministerin jährlich ausgeben darf. Das ist genauso viel wie Luxemburg und fast zehnmal so viel, wie Mali im Jahr erwirtschaftet. Warum nur bunkert die Europäische Union das Geld, das für die Armen bestimmt ist?

Poul Nielson will dazu nichts sagen. Andere aber reden um so bereitwilliger, und je mehr man fragt, desto mehr Gründe finden sich: Weil die von Nielson geleitete EU-Generaldirektion Entwicklung chronisch unterbesetzt ist und mit der Arbeit nicht nachkommt, sagen die einen. Weil die Mitgliedsregierungen bei allem reinreden, vermuten andere. Weil der Europäische Rechnungshof und der Gerichtshof zu aufwändige Kontrollen verlangen. Weil viele korrupte Regierungen Afrikas gute Programme unmöglich machen und so die Auszahlung blockieren. Die Liste der Schuldigen ist lang, doch beim Namen wird immer wieder nur einer genannt: Poul Nielson. Der Kommissar sei, so Simon Stocker vom Dritte-Welt-Verband Eurostep, einfach ein "hoffnungsloser Fall". Er habe nicht nur als Manager versagt: "Er hat alle Kämpfe verloren. Den Kampf um die Macht, die Mitstreiter und die Meinungshoheit."

Fernab vom geschäftigen Treiben, fernab von den Kollegen, dem Parlament und den Journalisten arbeitet Kommissar Nielson mit seinen Leuten in einem schmucklosen Hochhaus. Während für ihn nur hier, am Rande eines Industriegebietes, Büros gefunden wurden, residieren alle anderen außenpolitischen Kommissare im Glaspalast am Boulevard Charlemagne. Zufall oder eher Ausdruck der Machtverhältnisse?

Sicher ist jedenfalls, dass die meisten publikumsträchtigen Aktionen der EU in Sachen Dritter Welt nicht Nielsons Unterschrift tragen. Da richtete Handelskommissar Lamy unlängst ein Sekretariat zur Unterstützung der Entwicklungsländer bei der Welthandelsorganisation ein und engagiert sich für billigere Medizin für Arme. Er und sein Kollege Chris Patten erschweren den Verkauf von Blutdiamanten in Europa. "Von Nielson aber hört man nichts, nicht ein Wort der Kritik am Fischereiwahnsinn der Union und an den Agrarsubventionen, die der Dritten Welt mehr schaden, als viele Millionen Hilfsgelder wieder heilen können", kritisiert Klaus Schilder vom deutschen Lobbyverein für die Dritte-Welt WEED. Und meint: "Der macht sich selbst überflüssig."

Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn tatsächlich leidet die Europäische Entwicklungspolitik nicht erst seit Nielson unter Bedeutungslosigkeit. Seit jeher haben Entwicklungspolitiker in Brüssel wenig zu sagen. Geboren aus der Sorge der Kolonialmächte um den Einfluss in ihren ehemaligen Kolonien, mangelte es diesem Politikfeld zudem lange an jeglicher Kohärenz. Eine undurchsichtige Finanzierung zum Teil aus Entwicklungsfonds, zum Teil aus dem Haushalt, Kompetenzwirrwarr, mangelnde Kooperation, Ineffizienz und Schlampereien in den zuständigen Abteilungen sorgten außerdem dafür, dass auch das Image der Brüssler Entwicklungspolitiker nie sonderlich gut war.

Eines hat sich mit der jetzigen Kommission dennoch verändert: der Anspruch. Die Truppe um den Italiener Romano Prodi versprach beim Amtsantritt, alles sollte anders, besser, effizienter werden. Die Reform der außen- und entwicklungspolitischen Institutionen wollten sie gar zu ihrem "Flaggschiff" machen. "Wir haben die Verpflichtung, bessere Ergebnisse zu erzielen", verkündete daher auch Nielson bei seiner ersten Anhörung im Parlament. Und so begann eine Reform.