Wirtschaft

Fluch der Rohstoffe

Bodenschätze korrumpieren die Staaten und verhindern den Wohlstand ihrer Bürger

Man kann es ganz einfach auf den Punkt bringen: Das große Problem des Mittleren Ostens ist das Öl – wenngleich in einem anderen Sinn, als gemeinhin angenommen. Wegen Öl werden Kriege geführt, es führt zu politischer Instabilität. Das liegt aber nicht daran, dass die USA oder die Länder Europas diesen Rohstoff begehren. Öl verdirbt die politische Kultur der Länder, die es besitzen.

Nicht nur für das Volk des Iraks ist der Reichtum an Öl ein Fluch. Auch Venezuela hat es zum Beispiel ins Unglück gestürzt. Präsident Hugo Chávez besäße niemals eine derart große Machtfülle, gäbe es nicht die riesigen Vorkommen in seinem Land. Diese Argumentation lässt sich problemlos auf andere Rohstoffe ausweiten: Nicht nur Öl, sondern auch Diamanten, Kaffee oder Baumwolle können die Verbreitung von Demokratie hemmen und das Streben nach Wohlfahrt bremsen.

Auf den ersten Blick verwirrt der Gedanke von einem Fluch der Rohstof- fe. Sowohl der Internationale Währungsfonds als auch die Weltbank trichtern unterentwickelten Staaten seit je ein, der Handel mit Rohstoffen sei der Schlüssel für ihre wirtschaftliche Prosperität. Richtig ist: Einigen gesunden Volkswirtschaften hat ihr Besitz an Rohstoffen nichts anhaben können. Dies sind Länder, in denen Rohstoffe in Privatbesitz sind und in denen das Eigentum respektiert wird. Ihre Ölreserven konnten weder die Kultur noch die Demokratie Englands oder der USA ernsthaft beschädigen.

Anders sieht das in Ländern aus, in denen Demokratie ein Fremdwort ist. Dort haben Rohstoffvorkommen zu staatlichen Monopolen geführt. Wer die Macht über Ölfelder oder Diamantminen besitzt, hat sein Land in der Hand. Zu Kolonialzeiten war es dabei noch sehr einfach, einen Schuldigen zu finden: den Kolonialherrn mit seinem Gewehr.

In der postkolonialistischen Ära ist es komplizierter. Nun haben Einheimische die Waffen. Dabei zeigt sich, dass die neuen Besitzer von Ölfeldern oder Kohlegruben möglicherweise noch stärker als die Kolonialherren zuvor Gefahr laufen, sich durch Rohstoffe korrumpieren zu lassen. Ihr Besitz ist so wertvoll, dass sie ihn mit Zähnen und Klauen verteidigen. Der neue Rohstoff-Adel bildet deshalb Kartelle wie die Opec, um sich den Wert seines Schatzes zu sichern. Er verstaatlicht den Reichtum und widersetzt sich der Privatisierung. Der Rohstoff-Adel unterdrückt seine Bevölkerung, verweigert ihr Freiheit und gute Schulen – also alles, was den Menschen ermöglichen würde, gesunden Wohlstand zu entwickeln.

Die These vom Fluch der Rohstoffe erklärt, warum der Mittlere Osten zu einer Region der Extreme geworden ist. Sie verdeutlicht, warum fast niemand dort interessiert ist, Schwerter zu Pflugscharen zu machen. Die Bewohner ölreicher Länder haben nur geringe Anreize, in ihrem Leben etwas durch ihrer eigenen Hände Arbeit zu erreichen. Daher begeistern sie sich für das islamische Paradies – viele in Koranschulen, manche aber auch, indem sie zu Selbstmordattentätern werden. Es verwundert nicht, dass der radikale Islamismus genau in diesen Regionen derart große Aufmerksamkeit bekommt.

Aber auch in nichtislamischen Ländern kann man beobachten, wie der Unfrieden wächst und Demokratie vom Reichtum an Rohstoffen behindert wird. Die staatlich kontrollierten Ölreserven haben dem venezolanischen Präsidenten Chávez ermöglicht, seine Macht zu zementieren. Eine Zeit lang hat das Öl sogar seine bemerkenswert rückschrittliche Philosophie populär gemacht. „Freie Märkte“, sagte Chávez, „führen auf direktem Weg in die Hölle.“ Mehr noch: Venezuela muss sogar dafür herhalten, das Argument zu unterstreichen, dass in diesem Teil der Welt freie Märkte einfach nicht funktionieren können. Es ist eine skurrile Logik, denn gerade der Ölreichtum Venezuelas hat das Land daran gehindert, ebenjenen freien Markt zu entwickeln, der es langfristig wirtschaftlich gestärkt hätte.

Landwirtschaftliche Rohstoffe haben den gleichen antidemokratischen Effekt. In den Südstaaten Amerikas hielten Plantagenbesitzer Sklaven, um ihre Baumwoll- und Tabakplantagen zu verteidigen. Alexis de Tocqueville notierte im vorletzten Jahrhundert: „Auf der rechten Seite des Ohio-Rivers ist alles sehr lebendig; Industrieansiedlung und Arbeit wird honoriert. Geh zur anderen Flussseite, und der ganze Unternehmensgeist ist weg.“

Auch Europa ist nicht vor dem schädlichen Einfluss der Rohstoffe gefeit. Wer würde ernsthaft bestreiten wollen, dass die Lobbyisten der Landwirtschaft auch die Europäische Union in einem gewissen Umfang korrumpiert haben? Wer würde bestreiten, dass sie damit eine Freihandelsunion in eine Subventionsmaschine verwandelt haben? In eine Maschine, die – hier hat die Hilfsorganisation Oxfam durchaus Recht – die Dritte Welt in Schach hält.

Man könnte daher argumentieren, das Fehlen von Rohstoffen sei ein Segen. Die Regierungen von Ländern, die keinen Vorrat an Schätzen zu verteidigen haben, suchen nach anderen Einkommensquellen. Sie haben daher ein Interesse daran, ein freiheitliches Umfeld zu schaffen: eines, das Individuen das Gefühl gibt, dass sie etwas zu gewinnen haben, wenn sie andere Formen des Besitzes schaffen – etwa geistige Leistungen. Hongkong ist dafür ein Beispiel.

Hier aber kommen wir an einen wichtigen Punkt: Die Lage ist heute vielversprechender, als sie es in den siebziger Jahren war. Wir haben gelernt, dass tatsächlich alle Menschen der Erde – selbst in kargen Wüsten – etwas besitzen, das sie entwickeln können: ihr intellektuelles Kapital. Die Herausforderung ist nun, diesen Menschen zu beweisen, dass die Macht der Rohstoffe keine Fügung des Schicksals ist.

Aus dem Englischen von Christian Kirchner

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