Unter den deutschen Politikwissenschaftlern ist Wilhelm Hennis einer der wenigen Großen. Nach einer Schulzeit in Lateinamerika leistete er Kriegsdienst bei der Marine. Danach promovierte er in Göttingen bei Rudolf Smend, dem souveränen Mentor der Heimkehrer auf ihrer Suche nach einer neuen geistigen und moralischen Orientierung. Bald gelang es ihm, politische Erfahrungen aus erster Hand mit strenger wissenschaftlicher Arbeit zu verbinden.

Hennis wurde Schüler und Helfer herausragender Köpfe in der Politik – zunächst bei Adolf Arndt, dem ersten führenden Rechtsexperten im Bundestag, danach sieben Jahre bei Carlo Schmid, dem großen alten Mann der Sozialdemokraten. Von 1962 bis zur Emeritierung 1988 war Hennis Professor der Politikwissenschaft, zunächst in Hamburg, danach über 20 Jahre als Nachfolger von Arnold Bergsträsser in Freiburg. Sein zentrales Forschungsthema fand er in der Person und dem Werk von Max Weber, dem großen Vorbild. Drei Bände hat er ihm gewidmet, der dritte, soeben vollendete über Max Weber und Thukydides, eine gigantische wissenschaftliche Leistung. Hennis lehrt uns, Max Weber als einen universellen Denker, einen groß gesinnten Charakter, einen wahrhaft hellenischen Redner zu begreifen.

Jakob Burckhardt hat einmal gesagt: "Wissenschaft kann eine Leidenschaft sein, sollte auch nicht ganz ohne sie betrieben werden" – ein Gedanke, als sei er für Hennis erdacht! Bei Weber und Thukydides ging es um die Gefahr der Selbstzerstörung Athens durch seine Hybris, um die Exzesse der Demokratie. Darum kreisen auch die Gedanken von Hennis in unserer Zeit. Er hält sich von jeder abstrakten Systemforschung fern. Sein Thema ist die Lehre und die Praxis des Regierens im modernen Staat.

Ende der sechziger Jahre verließ er die SPD, weil ihr der Mut zum Mehrheitswahlrecht fehlte; Hennis versprach sich davon eine Stärkung der parlamentarischen Demokratie. Später arbeitete er in der ihm eigenen unerbittlichen Unabhängigkeit in der Grundsatzkommission der CDU mit und prägte dort das Staatskapitel.

Die langsame Verwandlung der Parlamente von der souveränen Kontrolle zur willigen Stütze der Regierung beunruhigte ihn ebenso wie die Fehlentwicklungen unseres Bundesratsföderalismus, wonach – anders als beim Senat der USA oder beim Ständerat der Schweiz – die Landesparlamentarier zugunsten der Landesregierungen entmachtet wurden. Nicht die erste Reihe der Parlamentarier des Bundestages, sondern die Ministerpräsidenten spielen heute bei der Entscheidung über Konsens oder Konflikt die führende Rolle. Statt echten Föderalismus zu praktizieren, profilieren sich hier die bundespolitischen Parteilager. Scharf geißelt Hennis die Auswüchse im Parteienstaat: die unerträglichen Spendenaffären; den treuherzigen Anspruch, mit dem ein Vorrang für ein privates Ehrenwort vor einem Verfassungseid begehrt wird; die "untertänige Justiz", die das Verschwinden von Akten beim Regierungswechsel auf sich beruhen lässt.

Die Überzeugungen von Hennis münden in dem Satz, dass die Form die Mutter der Freiheit ist. Unerträglich ist ihm jene deplazierte Leichtigkeit im politischen Alltag, die Suggestion einer Spaßgesellschaft inmitten einer ernsten Lage: der überhebliche Umgang mit den Formen, zuletzt bei der Verabschiedung des Zuwanderungsgesetzes im Bundesrat. Die Kultur lehrt uns, human zusammenzuleben. Ihr Kernstück ist das Recht. Sein Ausdruck ist die Form. Wer leichtfertig mit ihr umgeht, hat keinen Sinn für ihre Würde und bedroht mit seiner Lässigkeit die Demokratie.

Hennis ist alles andere als ein Romantiker. Er ist ein Widerständler, dem es um die Ernsthaftigkeit geht, die uns die Freiheit abfordert. Wenn er uns die Leviten liest, denkt er positiv. Wir haben Grund zur Dankbarkeit für seinen reichen, kraftvollen, hochherzigen Geist. Am 18. Februar vollendet Wilhelm Hennis sein 80. Lebensjahr.