Infarkt durch Mikroben?

Schon 1996 hatten Infarktforscher Hoffnung geschöpft, das verwickelte Krankheitsgeschehen der Arterienverkalkung auf verblüffend einfache Weise zu erklären: Die eigentliche Ursache, lautete ihr Befund, sei eine bakterielle Infektion, auf die der Körper mit einer unterschwelligen Dauerentzündung der Gefäße reagiere. Erst in deren Gefolge, so das Szenario, komme es zur pathologischen Verschiebung der Blutfette und schließlich zur Gefäßblockade.

Verdächtigt wurde vor allem das Bakterium Chlamydia pneumoniae, ein erst vor 20 Jahren entdeckter Keim, der ansonsten als eher harmloser Erreger von Atemwegsinfektionen gilt. Stimuliert durch die Erkenntnis des finnischen Epidemiologen Pekka Saikku, dass im Blut von Arteriosklerose-Patienten deutlich häufiger Antikörper gegen die Mikrobe zirkulieren, hatte das Team des US-Kardiologen Joseph Muhlestein herausoperierte Gefäßproben von Infarktpatienten genau unter die Lupe genommen. Tatsächlich stießen sie bei vielen ihrer Patienten auf die Erreger.

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"Ist Herzinfarkt ansteckend?", fragte der New Scientist damals bang.

Schleunigst müsse geklärt werden, forderte das Londoner Blatt, ob der Gefahr eventuell durch Antibiotika zu wehren sei. Immerhin ist die Bazille weit verbreitet. Zwischen 60 und 80 Prozent der Bevölkerung sind im Lauf ihres Lebens von dem Erreger infiziert worden - meist, ohne es zu bemerken. Seither haben Herz-Kreislauf-Forscher mit einer Flut von Untersuchungen begonnen, die eine ursächliche Beteiligung der Infektion plausibel machen oder gar nachweisen sollten. Immer wieder fanden sie auffällig häufig Antikörper gegen die Bazille im Blut von Herz-Kreislauf-Kranken, doch nur um in anderen Studien mit gegenteiligen Befunden konfrontiert zu werden.

Zwar ist inzwischen gesichert, dass die Bazille in Gefäßwand und Immunsystem siedelt - in Zellen also, die auch direkt an der Gefäßerkrankung beteiligt sind. Und im finnischen Gesundheitsinstitut gelang dem Pionier Pekka Saikku sogar der Nachweis, dass eine künstlich herbeigeführte Infektion mit Chlamydia pneumoniae präzise jene Verschiebungen der Blutfette nach sich zieht, die als Risikofaktor beim Menschen gelten - hohe Triglyzeride, hohe LDL-, niedrige HDL-Werte. Aber das waren nur Versuche mit Kaninchen.

Nachdem vor allem in kleineren Untersuchungen oft ein Rückgang des Todesrisikos, der Schlaganfallhäufigkeit oder der Arterienverkalkung festgestellt wurde, folgte vor wenigen Monaten die große Ernüchterung.

Britische Mediziner hatten Chlamydien-Infizierte und zur Kontrolle auch nichtinfizierte Infarktpatienten mit verschiedenen Antibiotika behandelt. Die frohe Botschaft: Die Kur war durchaus wirkungsvoll. Niederschmetternd dagegen: Die keimtötenden Medikamente schützten nichtinfizierte Patienten ebenso gut vor dem Herztod wie Infizierte. Nun sollen zwei Großuntersuchungen endlich Klarheit bringen, die Ergebnisse werden für dieses Jahr erwartet.

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