Rechts vor links beim Küssen

Wie die Biopsychologie die Asymmetrie des Lebens erforscht

Wenn die empirische Wissenschaft das Küssen definiert, klingt das so: „Lippenkontakt, -Position, keine Objekte im Arm sowie eine offensichtliche Neigung des Kopfes“. So beschreibt es der Bochumer Biopsychologe Onur Güntürkün in der aktuellen Ausgabe von Die neue Erkenntis: Zwei von drei Menschen drehen den Kopf beim Küssen nach rechts. Güntürkün hat 124 Paaren auf Flughäfen und Bahnhöfen, an Stränden und in Parks beim Küssen zugeschaut und eine Strichliste geführt. Am Ende stand es 80 zu 44 für die Rechtsdreher.

Der Fachartikel erscheint publikumswirksam zum Valentinstag, doch schon die sperrige Überschrift (Adult persistence of head-turning asymmetry) lässt darauf schließen, dass die Kussforschung einer ernsten Frage nachgeht: Warum verhalten sich die Menschen so asymmetrisch? Föten im Mutterleib lutschen lieber am rechten als am linken Daumen. Babys drehen den Kopf in den ersten Monaten häufiger nach rechts als nach links. Erwachsene wenden sich meist rechts herum, wenn sie von hinten gerufen werden. Orientierungslos in der Wüste ausgesetzt, gehen sie eine Linkskurve, weil das rechte Bein größere Schritte macht – sogar die meisten Supermärkte lassen ihre Kunden einen Linksparcours durchlaufen, weil die meisten sich dabei wohler fühlen.

Bei all diesen Phänomenen beobachten die Forscher eine ähnliche statistische Verteilung – auf zwei Menschen mit Rechtsdrang kommt einer mit Linkstendenz. Güntürkün vermutet hinter den Zahlen eine tiefere Wahrheit. Er behauptet, dass der Vorzugsdreh bei allen Wirbeltieren schon im fötalen Stadium angelegt sei – möglicherweise in den Genen – und später durch die Umwelt verstärkt werde. So funktioniert es zum Beispiel bei Tauben, die der Links-Rechts-Professor bereits in seiner Doktorarbeit untersuchte. Taubenembryos drehen im Ei den Kopf nach rechts. Der Schnabel verkeilt sich und fixiert diese Stellung. Dadurch liegt das rechte Auge an der Schale, das linke am Körper. Durch die Lichtreize an der Schale wird das rechte Auge stärker gereizt und das Gehirn rechtslastig verdrahtet. „Hier haben wir den Schalter identifiziert“, sagt Güntürkün. Bleibt der Brutkasten dagegen im Dunkeln, verhalten sich die Tauben nach dem Schlüpfen symmetrisch.

Bei den Menschen ist die kausale Kette noch nicht so klar. Auf den ersten Blick deutet das 2:1-Verhältnis bei Neugeborenen und Erwachsenen auf einen kontinuierlichen Übergang vom Baby zum Erwachsenen hin. Doch im Detail beobachtet man etwas Merkwürdiges: Drei Monate nach der Geburt beginnt der Rechtsdrall bei den Babys zu verschwinden. Das passt nicht zu Güntürküns Kontinuitätsthese. Für diesen Fall kennt die Wissenschaft die Methodenkritik. Das Experiment sei zu grob, kritisiert der Biopsychologe. Bei den Babystudien halten die Empiriker den Kopf eines Babys 5 bis 10 Sekunden in Mittenposition. Nach dem Loslassen wird notiert, ob der Kopf zuerst nach links oder rechts ausschlägt. Erst wenn er in fünf aufeinander folgenden Versuchen nach rechts pendelt, bekommt das Baby offiziell einen Rechtsdrang bescheinigt. Subtilere Rechts-Links-Tendenzen fallen dabei nicht auf.

Auch die Kuss-Studie kann die Kontinuitätsthese nicht endgültig belegen, weil das Mindestalter der Küssenden bei 13 Jahren lag. Es fehlen Asymmetrie-Studien mit Kleinkindern. Und noch andere Fragen harren der Aufklärung: Warum liegt das Verhältnis von Rechts- zu Linkshändern nicht auch bei 2:1, sondern bei 8:1? („Kulturdruck“, glaubt die Biopsychologie.) Warum halten auch Rechtsküsser den Hörer lieber ans linke Ohr? („Das ist ein Mysterium“, sagt Güntürkün.) Eines steht für die Wissenschaft immerhin fest, wie Güntürkün in Nature schreibt: „Zum Küssen gehören zwei.“

 
  • Quelle
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service