Essay Die Muse, die wie eine Schlampe aussieht
Kleiner Versuch über den großen Georges Simenon
Simenon, dieses Ungeheuer, wird hundert, würde hundert werden, wäre hundert geworden. Ein berühmtes Wort von ihm ist, er wolle in seinen Romanen den nackten Menschen zeigen, und das ist, wenn man sie bei Licht besieht, eine Idee, auf die nur einer kommen kann, der nicht nachdenkt und von einer Neugier getrieben ist, die etwa einer hätte, der auf jedem Bahnhof Bratwürste isst, obwohl er wissen kann, dass das immer aufs selbe hinausläuft, sie schmecken scheußlich.
Abgesehen davon, war Simenon ein großer Schriftsteller, mit diesen zweihundertfünfzig, oder wie viele es waren, Varianten ein und desselben Themas. Aber auch hier: Was heißt Varianten? Eigentlich hat er immer dasselbe auf immer dieselbe Weise geschrieben. Der nackte Mensch ist sich eben zum Verzweifeln ähnlich, Belgier und Franzosen sind ja auch angezogen kaum zu unterscheiden, bleiben Männer und Frauen, nun ja, und solange es davon damals ganz am Anfang bloß zwei gab, war das natürlich ein gewaltiger Unterschied und wert, in die Bibel aufgenommen zu werden, aber das ist schon so lange her, dass es auch nicht mehr so recht wahr ist (und jeder weiß ja, wie Simenon, der selber Nackte, sich da herumgequält hat). Bleiben die Lebenden und die Toten, und damit sind wir bei Maigret, diesem wundervollen Typen, ich erinnere mich gern daran, wie er einmal einen feinen Verwandten verachtet, weil der in einem Restaurant, statt entweder mit fettigen Lippen an den Rotwein zu gehen oder sich allenfalls mit dem Handrücken den Mund zu wischen, vor jedem Schluck nach jedem Bissen mit der Serviette in seinem Gesicht herumhantiert (ein angezogener Mensch, denkt er sich sicher).
Was ich über Simenon noch weiß, ist Folgendes: Er arbeitet fast nur mit Klischees, hat nichts am Hut (ein widerlicher Ausdruck übrigens) mit irgendwelcher Originalität des Gefühls oder der Sprache und verlässt sich völlig darauf, dass die Menschen in sich schon verschieden genug sind, um nicht immer dieselben sein zu müssen in sagen wir also zweihundertfünfzig Romanen, zumal jeder Roman in sich so kurz ist, dass ein Mensch in solcher Kürze kaum langweilig werden kann, abgesehen davon, dass er ja ohnehin entweder bald tot oder immer ein Verdächtiger oder recht häufig ein Mörder oder wenigstens sonst irgendwas Nacktes, Windiges ist, da hat ein Autor kaum Probleme. Er wäre sogar schlecht beraten, sich für jeden etwas Besonderes auszudenken, leicht würde er da in den Geruch des Preziösen, Gesuchten kommen, ja, in den der Kunst.
Nun gibt es aber kaum eine größere Kunst als die des Umgangs mit Klischees, und Simenons Umgang mit ihnen, wenn man näher hinsieht (man tut es kaum, denn was man sehen soll, ist das Nackte), besteht nun darin, zwanzig oder fünfundzwanzig, wie soll man nun sagen: Klischees, Ansichten, Blicke, irgendsoetwas in dieser Art, also zwanzig, oder sagen wir ruhig fünfundzwanzig davon, und von ihnen dann im Augenblick immer drei oder vier höchstens, immer andere, man rechne sich die Variationsmöglichkeiten aus, an immer wieder verschiedenen Stellen sozusagen aneinander zu reiben, sich berühren, sich umeinander schlingen oder was auch immer zu lassen – das hört sich vielleicht nicht schwer an, erfordert aber eine Kunst, aus der ein dilettantischerer Gott mühelos zwei oder drei große Romanciers hätte machen können.
Nun ist da dieser eine, mit einer Muse, die wie eine Schlampe aussieht. Baudelaire hätte den Kopf geschüttelt und gesagt: Das habt ihr nun davon. Wovon?, hätte er natürlich auch nicht gewusst. Nein, keine Frage, Simenon ist ein großer Mann, Gide zum Beispiel hat ihn sehr bewundert, ja beneidet im Grund (worum?, hätte er bestimmt nicht sagen können), und fast alle andern auch; und alle haben Recht; aber ich glaube, keiner weiß, warum. Und eins weiß ich noch, nämlich, dass es keinen Sinn hat, sich hier nach irgendwelchen Gründen zu fragen, sei’s seiner Größe, sei’s unserer Bewunderung, sei’s seines Ruhms, sei’s der gewissen Zweideutigkeit seines Ruhms wegen, denn es gibt nur eitle Antworten, von denen, die’s nicht wahrhaben wollen, was er konnte, oder selber nicht können.
Schlimm an ihm ist, einen ehrlichen, klugen Menschen wie mich auf dieses grauenhafte Niveau fast völliger Argumentationslosigkeit herabzubringen, das sehe ich schon. Überhaupt finde ich Simenon schlimm, außer eben, wenn ich ihn lese (während man sonst eben viele voller Ruhm toll findet, außer wenn man sie liest – auch dies wieder eines dieser niederträchtigen Argumente, ich schäme ich, ehrlich, und wofür? Für ihn? Für mich? Ich weiß nicht). Also das ist es am Ende: Man sollte nichts über ihn schreiben (aber er ist schuld! – Und damit haben wir ihn).
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 08/2003
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