Der Tauchcomputer zeigt in zehn Meter Tiefe 29 Grad Wassertemperatur. Das ist auch für die Malediven ziemlich warm. Das türkisblaue Wasser des Indischen Ozeans fühlt sich wohlig an, doch für die Korallen bedeutet es akute Gefahr. "Wir haben gerade wieder eine lokale Korallenbleiche", hatte Bill Allison erst gestern Abend zu seinen Kursteilnehmern im klimatisierten Vortragsraum des Soneva Fushi Resorts gesagt. Und die beiden fröhlichen Australierinnen, das englische Ehepaar, das junge französische Pärchen und die Familie aus Bayern bemühten sich sichtlich, aus Bills bunten Bildern und zackigen Kurven ihre Schlüsse zu ziehen. "Das Wasser war schon bei 30 Grad, jetzt sind es noch 29. Bei solchen Temperaturen funktioniert die Symbiose der Korallenpolypen mit den Algen nicht mehr. Die Korallen stoßen die Algen aus und verlieren deshalb ihre Farbe", erklärte der Meeresbiologe, und immerhin bekamen einige seiner Schüler nun endlich mit, dass Korallen keine Pflanzen sind, sondern – Blumentiere. Touristen wollen vor allem bunte Fische sehen.
Und die sind auf den Malediven noch da. Zum Beispiel die gelb-weißen Doktorfische Foto: Bauer/ Transglobe

Bill Allison, der trotz seiner 56 Jahre noch jungenhafte Kanadier, hat sich mit seinem Kurs ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Urlaubern im Luxusresort von Soneva Fushi die komplizierten Vorgänge in einem Korallenriff nahe zu bringen – über und unter Wasser. "Die Leute sollen die Prozesse verstehen, nicht nur einen Schnappschuss vermittelt bekommen", sagt Bill, der schon zwölf Jahre auf den Malediven lebt und seit langer Zeit den Zustand der Riffe dokumentiert. Zwar weiß Bill, "dass die Leute nicht auch noch im Urlaub lange Vorträge über sich ergehen lassen wollen", doch ohne die gehen seine Abende selten ab. Dafür ist der Wissenschaftler viel zu sehr in sein Gebiet vernarrt, zu sehr regen ihn manche interessierten Nachfragen an. "Jetzt habe ich endlich verstanden, warum die Korallen zwar an vielen Stellen bleich sind, aber trotzdem noch leben", lobt Kelly aus Sydney. Hans aus Bayern dagegen sieht man beim Weg zum Abendbüfett schon an, dass er morgen Bills Erklärungen wohl nicht mehr lauschen wird – das leidige Englisch. Es ist eine Gratwanderung, betuchten Urlaubern in einer den Idealen des Ökotourismus nacheifernden Luxusanlage etwas beizubringen, ohne dabei den für manchen abschreckenden Beigeschmack von Bildungsurlaub aufkommen zu lassen. Am wenigsten passiert das, wenn Bill als ausgebildeter Tauchlehrer seine Leute mit ins Wasser nimmt.

El Niño hat 80 bis 90 Prozent der Organismen geschädigt

Zu Beginn seiner Unterwasserlektion deutet er auf eine Koralle, dann zeigt er auf seine Tafel: Sie ist markiert mit 1 für einen sehr guten Zustand, 2 für mittel und 3 für akute Lebensgefahr. Ein Kreuz, wie auf dem Friedhof, steht für eine abgestorbene Koralle. Zu Tode gekommen ist hier noch keines der riffbildenden Lebewesen, doch die einstmals verschwenderische Farbenpracht am Hausriff der Insel Kunfunadhoo ist lange passé, meist weist Bills Zeigefinger auf die 2 oder 3. Korallenriffe gehören zu den produktivsten und artenreichsten Lebensgemeinschaften der Erde. Zwar beträgt ihr Anteil an der Fläche des Meeres nur weniger als 0,1 Prozent, doch beherbergen sie neun Prozent des weltweiten Fischbestands. Ein Viertel der Korallenriffe gilt heute als zerstört. Die Ursachen: Erderwärmung, veränderte Wassertemperaturen, erhöhte Intensität der UV-Strahlung, vermehrte Trübstoffe. Die Verschmutzung der Meere schwächt die Korallen und macht sie anfälliger für Krankheiten. Die Riffe der Malediven haben 1998 schweren Schaden erlitten. 80 bis 90 Prozent der Organismen wurden durch das Warmwasserphänomen El Niño bei Temperaturen bis zu 34 Grad Celsius geschädigt oder starben ab. Einstmals paradiesisch bunte Unterwassergärten gleichen an manchen Stellen heute immer noch trostlosen Kalkwüsten, anderenorts ist die alte Pracht zumindest schon wieder zu erahnen. "Wir stehen erst am Anfang", sagt Bill zu der sehr langsam voranschreitenden Wiederbelebung.

Unterdessen gehen aber die Eingriffe in das empfindliche Ökosystem stetig weiter: Immer mehr Inseln werden für Touristen ausgewiesen, der einstmals elitäre Malediven-Urlaub ist heute auch bei Tchibo-Reisen im Angebot – 461000 Besucher kamen im vergangenen Jahr auf eine Landfläche, kleiner als München. Bei aller Kritik an rabiaten Sandaufspülungen oder künstlicher Korallenverpflanzung unter die Wasservillen der Gäste tröstet der Biologe jedoch auch: "Die Touristen wollen vor allem bunte Fische sehen, und die sind noch da, solange es keine Fischerei an den Riffen gibt" – glücklicherweise essen die Malediver vor allem Tunfisch, der außerhalb der Riffe gefangen wird.

Vor dem Soneva Fushi Resort hat sich sogar beinahe so etwas wie ein Unterwasser-Biotop erhalten, in dem auch Mantas mit elegantem Flügelschlag ihre Bahnen ziehen. "Das Riff hier ist das besterhaltene der Malediven", erklärt Bill Allison, "aber man kann nicht sagen, ob das an den guten Umweltmaßnahmen des Resorts liegt." Abwasserrecycling und Sonnenkollektoren wie hier sind eher die Ausnahme auf den Inseln. "Die meisten Hotels wollen nur das schnelle Geld, obwohl fast alle ständig neue Lippenbekenntnisse zum Umweltschutz abgeben", sagt der Wahlinsulaner, der von Umweltgutachten für Regierungen lebt, auf den Malediven allerdings wegen seiner kritischen Sicht keine Aufträge mehr erhält.

Eine Hotelbar aus Korallenblöcken – das ist Riff-Frevel der schlimmsten Art

Das weit verbreitete Pseudoumweltbewusstsein gipfelt zum Beispiel darin, dass ein erst 1997 eröffnetes Resort seine ganze Bar aus Korallenblöcken errichtete und auch die Gartenzäune aus Korallenstücken gestaltete – Riff-Frevel der schlimmsten Sorte. Doch der Hotelchef stellte sich erst kürzlich an ebendieser Bar zu Bill und verkündete: "Mir ist die Erhaltung der Riffe sehr wichtig" – da kann der Kanadier nur den Kopf schütteln. Den Kopf schüttelt er allerdings auch über die Methoden, die andere Resorts beim Versuch, die Korallen wiederzubeleben, anwenden. Eine heile Unterwasserwelt ist Grundlage des Malediven-Tourismus. Da scheint kein Einfall zu seltsam.