Politisches Buch Der Mut zur Tat

Detlef Bald hat ein noch wenig bekanntes Kapitel in der Geschichte der Weißen Rose erforscht

Am Vormittag des 18. Februar 1943 begaben sich Hans und Sophie Scholl von ihrer Wohnung in die Münchner Universität. In einem Koffer und einer Aktentasche trugen sie über 1500 Flugblätter mit sich. Den größten Teil verteilten sie auf Fluren und Treppen vor den Hörsälen; den Rest warfen sie vom zweiten Stock in den Lichthof. Dabei wurden sie vom Pedell überrascht. Der Rektor, SS-Standartenführer Walter Wüst, Inhaber eines Lehrstuhls für arische Philologie, verständigte die Gestapo und ließ die Universität abriegeln. Bereits am 22. Februar, nach einem kurzen, von Roland Freisler, dem Präsidenten des Volksgerichtshofs, geleiteten Prozess wurden die Geschwister Scholl und ihr Kommilitone Christoph Probst zum Tode verurteilt und in München-Stadelheim enthauptet. Dasselbe Schicksal erlitten einige Monate später drei weitere Mitglieder des studentischen Widerstandskreises: Kurt Huber, Professor für Philosophie an der Münchner Universität, sowie Alexander Schmorell und Willi Graf.

An Literatur über die Weiße Rose herrscht kein Mangel – neben Erinnerungen, Aufzeichnungen und Briefen von Mitgliedern und Angehörigen ist eine Fülle an wissenschaftlichen Untersuchungen erschienen. Dennoch wurde einer entscheidenden Phase bislang kaum Aufmerksamkeit geschenkt: jenen 16 Wochen im Sommer und Herbst 1942, in denen der Kern der Gruppe, die Medizinstudenten Hans Scholl, Alexander Schmorell, Willi Graf, Hubert Furtwängler und Jürgen Wittenstein, als Angehörige einer Sanitätskompanie zur Famulatur an die Ostfront abkommandiert wurde. Die an sich naheliegende Frage, welche Erfahrungen sie dort machten und wie sie sich auf ihre Entscheidung für den Widerstand auswirkten, ist daher noch nicht hinreichend behandelt worden. Genau diese Frage rückt nun der in München lebende Historiker und Publizist Detlef Bald in den Mittelpunkt seines Buches, das sich auf einen breiten Korpus noch nicht ausgeschöpfter Quellen, darunter vor allem die Vernehmungsprotokolle im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, stützt.

An den Anfang stellt Bald ein Gruppenporträt der jungen Männer, die sich im engeren Kreis der Weißen Rose zusammenfanden. Alle stammten sie aus gutbürgerlichem Hause, und alle hatten sie den gleichen Weg von der HJ zur Universität absolviert. Nach Abitur und Arbeitsdienst waren sie als Wehrpflichtige zu Sanitätern ausgebildet worden – die Voraussetzung für das Medizinstudium. Zur praktischen Weiterbildung während des Studiums gehörten auch einige Monate Sanitätsdienst an der Front.

Bald weist nach, dass die Gruppe noch vor ihrer Abreise am 23. Juli 1942 von einem befreundeten Architekten, Manfred Eickemeyer, der Bauaufträge im Generalgouvernement ausführte, über „Umsiedlungen und Erschießungen von Juden“ informiert wurde. Diese Informationen fanden ihren Niederschlag im zweiten der vier von Hans Scholl und Alexander Schmorell verfassten Flugblätter der Weißen Rose vom Juni/Juli 1942. Darin war davon die Rede, „daß seit der Eroberung Polens dreihunderttausend Juden in diesem Land auf bestialische Art ermordet worden sind“ – „ein Verbrechen, dem sich kein ähnliches in der ganzen Menschengeschichte an die Seite stellen kann“.

Hunger, Elend, Zwangsarbeit

Auf der Fahrt an die Ostfront Ende Juli 1942 hatten die Münchner Studenten einen zweitägigen Aufenthalt in Warschau. Zu diesem Zeitpunkt rollten bereits die Todeszüge in das Vernichtungslager Treblinka. Was Hans Scholl und seine Freunde über den Holocaust erfuhren, das kann der Autor nun anhand des Tagebuchs von Jürgen Wittenstein erstmals genauer rekonstruieren. Bei einem Gang durch Warschau kamen sie auch zum Ghetto. „Am großen Eingangstor stehen eine Anzahl Polizisten und ein SS-Truppenführer mit einer Reitpeitsche in der Hand. Die Juden müssen ihre Ausweise vorzeigen… Machte einer der Juden zu langsam, oder gefiel dem SS-Mann irgend etwas nicht, so zog er dem Betreffenden mit seiner Reitpeitsche eins über… Neben dem Zaun liegt ein Toter, unbegraben, eine kleine Lache Blutes daneben. Kopfschuß. Er hätte sich dem Zaun genähert, meinte der Posten. Wer dem Zaun zu nahe kommt, wird rücksichtslos und ohne Anruf erschossen. Dahinter sterben sie reihenweise an Hunger.“ Über die Deportationen „in Richtung Osten“ notierte Wittenstein: „Nur die Arbeitsfähigen erreichen jemals ihr Ziel. Frauen und Kinder sehen es nie.“

Über Kowno, Wilna und Smolensk erreichten die Studenten am 1. August die Frontsammelstelle der 252. Division der IX. Armee der Heeresgruppe Mitte – 70 Kilometer hinter der Front, wo das SS-Einsatzkommando Nr. 9, unterstützt von der Wehrmacht, in den Monaten zuvor sein blutiges Vernichtungswerk betrieben hatte. Am Haupt-Verbandsplatz bei G≈atsk, in der Nähe eines heftig umkämpften Frontabschnitts, hatten die angehenden Mediziner alle Hände voll zu tun, um die Verwundeten zu versorgen. Aber sie konnten sich nun auch mit eigenen Augen davon überzeugen, was die deutsche Besatzungsherrschaft für die einheimische Bevölkerung bedeutete: Hunger, Elend, Zwangsarbeit. Die Studenten erlebten, wie Wehrmachtverbände auch im Bereich der 252. Division mit größter Brutalität gegen Partisanen (oder Zivilisten, die als solche ausgegeben wurden) vorgingen und wie man russische Kriegsgefangene zu Tausenden zugrunde gehen ließ. (Über Erschießungen von Kriegsgefangenen berichtete auch Fritz Hartnagel, Hauptmann vor Stalingrad, in den Briefen an seine Freundin Sophie Scholl, die in diesen Tagen von Elisabeth Hartnagel, der älteren Schwester Sophies, zum ersten Mal bekannt gemacht wurden). „Unverständlich die Einstellung der meisten Landser, die dafür sind, daß jeder Russe umgebracht wird“, zitiert der Autor aus einem Brief Wittensteins an seine Mutter von Anfang August 1942.

All diese grausigen Erfahrungen und Eindrücke bestärkten die Studenten in ihrer entschiedenen Ablehnung der NS-Diktatur. Bald beschreibt die Konsequenzen, die sie nach ihrer Rückkehr Anfang November 1942 zogen: Die Widerstandsaktionen sollten intensiviert, Flugblätter in noch größerer Auflage verbreitet, Verbindungen zu Universitäten in anderen Städten geknüpft werden. Das Ziel lautete nicht mehr nur Aufklärung über die Verbrechen des Regimes, sondern dessen Sturz und die Schaffung einer demokratischen Alternative. Er sei sich bewusst gewesen, bekannte Schmorell im Verhör, dass er sein Leben aufs Spiel setzte, aber die „innere Verpflichtung zum Handeln gegen den nationalsozialistischen Staat“ habe für ihn Vorrang gehabt.

Mit diesem unbedingten Willen zur Tat setzten die Studenten ein leuchtendes Beispiel für Menschlichkeit und Zivilcourage, hebt Detlef Bald zu Recht hervor. Sein Buch ist ein wichtiger Beitrag, um der Weißen Rose neben Stauffenberg und Elser den herausragenden Platz in der Geschichte des Widerstands zu geben, der ihr gebührt.

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 08/2003
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