Politik Diplomatie des groben Tons
George Bush und Donald Rumsfeld sind nicht allein. Politische Taktlosigkeit hat eine Tradition
Bekanntlich ist allenfalls Pünktlichkeit die Höflichkeit der Könige. Damit könnte schon alles gesagt sein. Die antiken Herrscher wenigstens sahen sich zu Liebenswürdigkeiten gegenüber „auswärtigen Mächten“ nicht sonderlich veranlasst. Der assyrische Großkönig Assurbanipal brüstete sich damit, dass er acht Könige neben seinem Wagen herlaufen ließ. Und selbst in Rom, das immerhin das Völkerrecht erfunden hatte, stand es mit der Courtoisie nicht zum Besten. Caligula ließ je nach Laune akkreditierte Gesandte mit oder ohne Begleitung römischer Senatoren vor seine Kutsche spannen und sich Hunderte Meter weit von ihnen ziehen.
So weit scheint Donald Rumsfeld zwar nicht gehen zu wollen, aber einer der besten Kenner der Weltgeschichte der Diplomatie, der Ehemann der Dichterin Victoria Sackville-West und selbst Diplomat, der Brite Harold Nicolson (1886-1968), warnte uns vor dem amerikanischen Sinn für Höflichkeit: „Ich habe die Amerikaner schrecklich gern. Ich liebe ihre Energie, ihre Intelligenz, ihre Zentralheizung, ihre Tugend, die Art, wie sie ihr Haar tragen, ihre schmalen Füße, ihr Heimweh, ihren Erfindungsgeist, ihre Tüchtigkeit, ihr Schwanken zwischen Begeisterung und Verzweiflung. Aber ihren Begriff von Höflichkeit verstehe ich nicht.“
Folgt man den Studien des deutschen Kriminologen Hans von Hentig, der während der Nazizeit in den USA lebte und die amerikanische Mentalität und Rechtsüberzeugung mit einer unüblichen Mischung von tiefer Sympathie und gelassener Ironie untersucht hat, liegt der Hinweis auf tiefe Regressionsschübe und ihre ängstliche Kompensation nahe. Immer wieder sei es zwischen Delegationen aus Washington und umzusiedelnden Indianern zu heftigen Rempeleien und Kämpfen gekommen. Einen keineswegs einsamen Höhepunkt bildete der berühmte Pinole Treaty 1864, bei dem 400 Apachen durch Schüsse und Strychnin umkamen. Das Gift hatten die weißen Amerikaner ihren roten Landsleuten beim gemeinsamen Friedensmahl ins Essen gemischt. Die Indianer wurden misstrauisch, als ihre Verhandlungspartner so gut wie nichts aßen, und versuchten nun ihrerseits mit gezogener Waffe, deren Esslust zu steigern. Verträge mit Indianern zu halten, so der Bergwerkbesitzer Bill Mowry, der eine solche Verhandlung als „Chefdiplomat“ leitete, könnten sich allein „Schwachsinnige leisten, die sich für Philanthropen halten“.
Zu solch gesundem Misstrauen gegenüber der Welt der Diplomatie gesellte sich nach Hentig ein durchaus lässiger Umgang mit dem gesprochenen Wort. Die hyperbolische Rede war Umgangston. In einem Cowboy-Cantus aus Tascosa hieß es: „Ich bin wild wie ein Grizzly. Moos wächst auf meinen Zähnen, und Blut schäumt bös in meinen Adern. Ich bin übel gesinnt und struppig, voller Flöhe, ein wilder Wolf, und nächtlich zu heulen ist jetzt mein Job.“ Diese verbale Kraftmeierei in der Grauzone zwischen Ironie und blutigem Ernst weiß sich zudem immer in Gesellschaft. Dem narzisstischen Rüpel gesellt sich stets ein Imitationsrüpel hinzu, der Drohungen und Prahlerei vervielfältigt. Dieses „Echo“ hat je nach Situation die Aufgabe, zu verstärken, zu schlichten oder einfach am Ende zu keifen, um dem „Helden“ einen Abgang ohne Gesichtsverlust zu erlauben.
Byzantinische Kränkung
Ehe wir uns nun aber gänzlich in den Handlungsoptionen Tony Blairs verlieren, wäre ein relativierender Blick in die Diplomatiegeschichte des alten Europa vielleicht nicht weniger hilfreich. Denn auch diese ist eine Geschichte der Regression und Rüpelei. Die erste große diplomatische Herausforderung – Ost und West im Erbe Roms miteinander zu versöhnen – bestanden beide Seiten nicht. Der Sondergesandte des ottonischen Herrscherhauses, Liudprand von Cremona, berichtet Mitte des 10. Jahrhunderts: Er habe tagelang in Konstantinopel auf eine Audienz beim Kaiser warten müssen. Endlich zu ihm vorgelassen, sei der „Autokrator“ auf einem automatisch sich hebenden Thron in höhere Sphären entschwebt, ständig auf ihn herabblickend. Nahezu vergiftet durch verharzten Wein und schlechtes Essen, scheint er nur durch Glück und Bestechung vor dem Schicksal der Apachen beim Pinole Treaty bewahrt worden zu sein.
Abgesehen von den touristischen Aspekten war Liudprands legatio also ein Reinfall. Dennoch blieben die Ottonen am Ball. Sie wollten – kostete es, was es wolle – eine kaiserliche Prinzessin, um ihre allzu frische Familie durch das notwendige Quantum alten Bluts aufzupeppen. Die beharrlichen Sachsen bekamen schließlich die berühmte Theophanu, Mutter OttosIII. Aber hier nun zeigte sich der „Sinn“ des ungefälligen Tons der Byzantiner: Sie war keine „Purpurgeborene“, keine Erbprinzessin, ein Fake. Alles war vergebens. Bis auf die nicht unerhebliche Tatsache, dass dieses Produkt diplomatischer Grobheit Deutschland entschieden verfeinerte.
Zwei Lehren: Keine politische Macht ist so fein, dass sie nicht auch grob werden kann. Und: Selbst Grobheiten haben ihre (dysfunktionalen) Feinheiten. Aber Vorsicht: Es kann auch anders kommen. Das Entree in die politischen und religiösen Katastrophen des 15. Jahrhunderts besorgte eine geradezu extravagante diplomatische Rüpelei: 1413 hatte mit dem Falstaff-Zögling HenryV. ein Playboy avant la lettre den englischen Thron bestiegen. Zugleich Erbe der Normandie und der Gascogne, war er damit zum Herausfordererer französischer Ansprüche geworden. König KarlVI. von Frankreich antwortete sogleich. Anlässlich der Krönung sandte er ein Paket und eine Botschaft nach London. Die Botschaft schien harmlos: Henry möge das rechte Maß finden zwischen Ruhe und Spiel. Das Paket jedoch war eine Bombe. Es enthielt ein Kissen und einen Satz Tennisbälle. Ein Königreich gegen ein Stück Spaßgesellschaft.
Wie heißt es bei Rumsfeld: „Einige wollen gar nichts tun.“ – Henry aber wollte. „In einigen Monaten werde ich ein Ballspiel in französischen Straßen spielen, dass Sie ihr Spiel für nichts als Reue spielen werden“, soll er den französischen Gesandten mit Eiseskälte erklärt haben. Gesagt, getan. Henry gewann Azincourt, und der fast beendete Krieg zwischen England und Frankreich dauerte noch einmal so lange wie bis dahin – insgesamt über hundert Jahre. Merke also drittens: Ein grober Ton kann auch ein grober Klotz sein, auf den ein grober Keil gehört.
Überspringen wir daher den Fenstersturz von Prag, der diese Regel mit einem immerhin dreißigjährigen Krieg in beunruhigender Weise bestätigt. Fragen wir stattdessen, wie das „galante Jahrhundert“, das 18., das diplomatische schlechthin, den groben Ton zelebrierte. Den Siebenjährigen Krieg focht der große Friedrich bekanntlich „gegen drei Unterröcke“, wie er sie nannte: Maria Theresia von Österreich, Elisabeth von Russland und, last, but not least, Mme. Pompadour, die wahre Herrscherin im Bett des „viel geliebten“ LudwigXV.
Friedrichs Sottise „Krieg der Unterröcke“ war bereits eine königliche Rüpelei. Aber 1759 kam er auf den überspannten Gedanken, ein paar Verse auf die Franzosen – „onation folle et vaine“ –, König Ludwig – „Jouet de la Pompadour“ – und damit auf die Mätresse selbst zu schmieden. Er schickt die boshafte Wortspielerei (Nation/Onanie, Spielzeug/Gespiele) an Voltaire nach Ferney, in dessen Exil. Der wiederum fürchtet, für den Verfasser gehalten zu werden, und schickt sie an den französischen Staatsminister Choiseuil. – Vor der Schlacht von Ross-bach rettet den Preußenkönig bekanntlich allein der überraschende Tod eines der „Unterröcke“.
Preußische Hunnenrede
Die Dynastie der Hohenzollern kulminierte in WilhelmII. Dessen Talent, alle Welt zu beleidigen, läutete jenes 20. Jahrhundert ein, das auch ohne Diplomaten auskam. Denn von nun an galten Ideologie oder Gehorsam – am besten beides. Die berüchtigste Passage der vielen Reden des Kaisers lautete: „Pardon wird nicht gegeben!“ Der Satz entstammt der skandalumwitterten „Hunnenrede“ vom 27. Juli 1900, mit der WilhelmII. ein Kontingent deutscher Soldaten zur Niederschlagung des Boxeraufstandes nach China entließ, sie nämlich mahnend, sich an „den Hunnen“ ein Beispiel zu nehmen. Wird sich „Game over!“ gegen „Pardon wird nicht gegeben!“ behaupten können?
Wer so fragt, erhält keine Antwort. Fragen wir besser: Wozu dient der grobe Ton? Antwort: Demselben Ziel wie der „feine“. Das pointierteste Beispiel für feine Diplomatie mit grober Wirkung bietet die „Emser Depesche“. Mit ihr verwandelte Bismarck am 12. Juli 1870 ein zögerliches Zugeständnis seines Königs WilhelmI. an Frankreich (über die spanische Thronfolge) in eine knallharte Ablehnung. Eine hilflose Höflichkeit wurde damit nicht nur zum denkbar gröbsten Ton, sondern zum Kriegsgrund. Es ist derselbe Bismarck, von dem die bekannteste Anekdote über das Wesen der Diplomatie stammt. Der Ehefrau des amerikanischen Botschafters erklärte er die Differenz zwischen „geschickt“ und „gesandt“ damit, dass ihr Ehemann zwar „Gesandter“ sei, aber kein „Geschickter“ (geschickter).
Diplomatie, so lernen wir, ist eben unablässig bemüht, das Gegenteil des Gegenteils dessen zu bewirken, was alle Welt politisch erwartet. Dazu dient der grobe Ton nicht weniger als der „feine“. Bei Donald Rumsfeld könnte es sich darum handeln, die reale Unübersichtlichkeit der globalen Konfliktlage in eine imaginäre Übersichtlichkeit der Kombattanten verwandeln zu wollen. Damit gliche er dem Manne, der seinen Schlüssel unter der Laterne sucht, obwohl er ihn dort nicht verloren hat. Immerhin könnte er nachweisen, dass er sich dort wirklich nicht befindet. Mehr ist von Diplomatie wahrlich nicht zu erwarten.
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- Quelle (c) DIE ZEIT 08/2003
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