medien "Ich habe meine Frau eingesetzt"

Reinhard Mohn, der Patriarch von Gütersloh, hat entschieden: Seine Familie soll die Zukunft von Bertelsmann sichern - und nicht irgendein egozentrischer Topmanager

Reinhard Mohn ist praktisch veranlagt. Aus eigenen Erfahrungen zieht er seine Lehren – und verallgemeinert sie dann. Das induktive Verfahren wirkt mitunter skurril, vor allem wenn Mohn Rezepte aus der Unternehmensführung eins zu eins auf die Reform des Staates überträgt. Aber mit seiner Methode hat er Bertelsmann groß gemacht und später die einflussreichste Stiftung des Landes aufgebaut. Und seine Beiträge zur Reformdiskussion sind allemal lesenswerter als Expertenpapiere.

Sein Glaube, dass prinzipiell alle Probleme im Sinne eines besseren Lebens lösbar sind, versetzt zwar keine Berge, aber die Mitarbeiter immer wieder in Staunen. Legendär sein Versuch, in der Stiftung Kriterien zur Partnerwahl entwickeln zu lassen. Auch diese private Frage müsste sich doch konzeptionalisieren, quantifizieren und optimieren lassen.

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Mehrfache Enttäuschung

Kontinuität – das war sein Thema in den vergangenen Jahren. Aber ausgerechnet in wichtigen Frage der Nachfolge plagten Mohn Zweifel. Nur konnte er nicht ewig auf die richtige Lösung warten. Denn Reinhard Mohn macht derzeit sein Vermächtnis. Sein Buch über die Gesellschaftliche Verantwortung des Unternehmers kommt heraus.* Und in der Welt am Sonntag hat er gerade angekündigt, wer sein Lebenswerk sichern soll: die Familie, allen voran Ehefrau Liz. „Federführend für die Wahrnehmung des Familieneinflusses habe ich meine Frau eingesetzt“, schreibt er. Mohns Worte lesen sich wie ein Testament, und genau das ist es auch.

Was nach geordneter Übergabe klingt, ist in Wirklichkeit eine letzte Revolution in mondo Mohn. Am Ende seines beruflichen Wirkens hat der 81-Jährige einmal mehr Lehren aus seinen Erfahrungen gezogen. Besser: aus Enttäuschungen. Im O-Ton hieß das am Wochenende so: Bertelsmann sei „durch mehrfache Enttäuschungen darüber belehrt worden, dass Manager gelegentlich in ihrem Zielverständnis anders reagieren als Unternehmer. Ich bin überzeugt, dass die weltweite Welle von wirtschaftlichen Zusammenbrüchen damit in Zusammenhang steht.“ Da ist sie wieder – die persönliche Erfahrung, eingewickelt in die Verallgemeinerung.

Wie es dazu kam? Siehe Buch.

Auf vielfältige Art beschreibt und beschwört der Autor seine (Unternehmens-)Philosophie. Gute Führung, und das hat Mohn schon Mitte des vergangenen Jahrhunderts erkannt, verlässt sich nicht auf die Befehlsgewalt der Hierarchen. Sie überträgt den Mitarbeitern Verantwortung und beurteilt sie am objektiv gemessenen Erfolg. Der Arbeitgeber fordert und fördert, er gewährt über die Maßen des Staates hinaus soziale Sicherheit, erhält die Arbeitsplätze, soweit es irgend geht. Dafür identifizieren sich die Mitarbeiter mit der Firma und setzen sich für den gemeinsamen Erfolg ein. „Menschlich“ nennt Mohn diese Firmenkultur aus Wohlwollen, Härte und dem Wunsch, auf die Angestellten einzugehen, weil sie nur dann wirkungsvoll arbeiten.

„Die Humanisierung der Welt der Arbeit ist nämlich in hohem Maße eine Bedingung unserer Wettbewerbsfähigkeit“, fasst Mohn zusammen. Er beteiligte seine Mitarbeiter schon am Ergebnis, als noch kein deutscher Manager den Ausdruck share options buchstabieren konnte. An seinem Konzept hielt er auch fest, als Wirtschaftskreise ihn im Nachkriegsdeutschland zum „roten Mohn“ abstempelten und im Medienboom der Neunziger Jahre als hinterwäldlerisch hinstellten.

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