USA Im Winterwunderland

Der Yellowstone ist der älteste Nationalpark der Welt. Sanft ruhen die Bergseen, Geysire spucken Dampf, und durch die Wälder ziehen Tausende von Hirschen, Elchen und Antilopen. Mit Langlaufskiern durch Amerikas Naturheiligtum

Plötzlich schießt der Geysir steil wie eine Rakete in den Himmel, 30, 40 Meter hoch, und steht wie eine Eins. Doch nicht, wie im Sommer, als kompakte Säule, sondern umhüllt von einer mächtigen Wolke, die auch dann, als er längst wieder in sich zusammengefallen ist, noch wie eine riesige Kochmütze über dem Tal schwebt.

Feierliche Kälte liegt über dem Yellowstone-Park, die Bäume knarzen in allen Stimmlagen. Der zottige Bison lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen

Feierliche Kälte liegt über dem Yellowstone-Park, die Bäume knarzen in allen Stimmlagen. Der zottige Bison lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen

Im Winter kondensieren die Dämpfe der heißen Quellen und Geysire im Yellowstone-Nationalpark an der eiskalten Luft zu wallenden Schwaden. Die Bäume in ihrem Dunstkreis tragen einen Pelz aus Reif. Die Hirsche, Elche, Antilopen und Bisons ziehen aus den Hochlagen in die Täler. Doch der grundlegende Unterschied zum Sommer sind die Menschen. Während sich an einem Julitag 25000 Schaulustige um den Geysir Old Faithful scharen, sind es bei dieser Matineevorstellung ganze fünf.

Das kommt vor allem daher, dass die Straßen unter einer meterdicken Schneedecke begraben liegen. Einen Nationalpark ohne Natur – das würden die meisten Amerikaner bedenkenlos hinnehmen. Einer ohne Straßen dagegen scheint ihnen ein Unding zu sein. Dabei pendeln Raupenfahrzeuge regelmäßig zwischen den wichtigsten Attraktionen und den beiden Hotels, die auch im Winter geöffnet sind. Hinzu kommt eine Armada aus Schneemobilen, die im Park seit Jahren für Ärger sorgen. Und dann gibt es da noch ein drittes, laut- und abgasloses Fortbewegungsmittel: die Langlaufskier.

Ein Besuch der Landschaft ist halb Pflichtübung, halb Pilgerfahrt

In nordischen Ländern seit Menschengedenken unentbehrlich, tauchten diese Skier in den Vereinigten Staaten erst in den siebziger Jahren in größerer Zahl auf. Und hätte Bill Koch nicht 1976 in Innsbruck olympisches Silber erlaufen, es wäre wohl ein Nischensport geblieben. Dass ein Amerikaner eine Medaille holte, war allein schon eine Sensation. Aber wie er sie holte, revolutionierte die gesamte Szene. Seither rangiert das Skaten, der wuchtige Schlittschuhschritt, gleichwertig neben dem klassischen Stil.

Mein Basislager für die erste Woche ist die Lone Mountain Ranch im Süden Montanas, 30 Kilometer nordwestlich des Yellowstone gelegen. Von einem Fachblatt wurde sie unlängst zum besten Langlaufzentrum Amerikas gekürt. Was hier als Leihskier über die Theke gereicht wird, gibt es andernorts noch gar nicht zu kaufen. Geschäftsführer Brian Wadsworth lief einst in der amerikanischen Biathlonstaffel. Was die Ranch aber vor allem auszeichnet, ist ihre Behaglichkeit. In den zwanziger Jahren war sie ein Holzfällercamp, und noch immer hat die Anlage den Charme des alten Westens. Wer am Nachmittag zurück in das abgeschiedene Tal kommt, sieht ein Dutzend hingewürfelter Blockhütten, die unter der Schneelast ihrer Dächer in die Knie zu gehen scheinen. Die Fenster schimmern golden, aus den Kaminen steigen Rauchspiralen auf. Am Abend warten Gaumenfreuden à la carte: Forellen aus dem eisigen Gallatin River und Ossobuco vom Wapiti.

Mit Skilehrerin Jules Danfort streife ich durch die Bergwälder der Umgebung. Über Nacht hat der Winter nochmals eine weiße Traumwelt erschaffen. Jules strahlt, sie liebt die Kälte. Nicht genug, dass sie die Winter in den Rocky Mountains auskostet – wiederholt hat sie Bohrungen in der Arktis logistisch betreut und so schon mehrere kleine Eiszeiten erlebt. Die zierliche Frau besitzt offenbar eine unerschöpfliche Energiequelle; dazu ein Lachen, mit dem sie einen Eisberg zum Schmelzen bringen könnte.

Nach zwei Tagen unternehmen wir mit ein paar anderen Langläufern einen Ausflug in den Park. Von der Straße aus arbeiten wir uns scheinbar querfeldein in die Wildnis, folgen aber einem Wanderweg, der bis zur Unkenntlichkeit zugeschneit ist und hie und da von umgestürzten Baumstämmen versperrt wird. Seit Jahrhunderten ist kein Totholz aus diesem Tal entfernt worden, sodass statt eines gewöhnlichen Forstes ein Wirrwarr aus Ästen und Baumstämmen vor uns liegt. So sieht ein Wald aus, der nie eine Axt gehört hat.

Der erste Fahrer bricht die Bahn, die Nachfolgenden finden dann eine komfortable Spur vor. Binnen fünf Minuten kreuzen wir die Fährten von Eichhörnchen, Wapiti-Hirschen, zwei Fischottern und einem Elch. Ganze Geschichten stehen im Schnee geschrieben: Hier hat ein Wiesel eine Maus gejagt, dort ein Raubvogel einen Hasen geschlagen. Dank solcher Lebenszeichen wirkt die stille, winterstarre Landschaft mehr und mehr bevölkert, und wenn wir die Tiere auch nicht alle zu Gesicht bekommen, so ist doch zu spüren, dass sie hier in ihrem Element sind und wir lediglich zu Gast.

Der älteste Nationalpark der Welt ist mit fast 9000 Quadratkilometern auch einer der größten. Allein 100000 Huftiere leben hier. Von Beginn an war er eine Gegenwelt zur fortschreitenden Zivilisation und wurde deshalb bald zum Inbegriff des Westens, zu der amerikanischen Landschaft überhaupt. Ein Besuch des abgeschiedenen Hochplateaus ist für Amerikaner halb Pflichtübung, halb Pilgerfahrt.

Noch bevor sie ganz erkundet worden war, wurde diese Insel inmitten des Kontinents 1871 unter Schutz gestellt. Zwei Augenmenschen hatten maßgeblichen Anteil daran: Der Maler Thomas Moran und der Fotograf William Jackson überzeugten mit ihren Bildern den Kongress und die Öffentlichkeit von der Einzigartigkeit des Yellowstone.

Solchen Symbiosen zwischen Kunst und Natur nachzuspüren, gibt es keinen besseren Ort als das National Museum of Wildlife Art in Jackson Hole, Wyoming, der zweiten Station meiner Winterreise. Nicht allein, dass hier 3000 Tiergemälde zu sehen sind, von Dürer und Géricault über besagten Moran bis hin zu zeitgenössischen Künstlern. Es thront auch wie ein Hochsitz über dem National Elk Refuge, auf dessen Wiesen Tausende von Wapiti weiden. Und während man im Gemäldezoo von einem Bild zum anderen wandelt, ziehen draußen die Herden dem Horizont entgegen.

Jackson Hole, das Südtor zum Yellowstone Park und einer der mondänen Wintersportorte der Rockies, zeigt freilich, wie die Natur für Kitsch und Kommerz eingespannt wird. »Neuer alter Westen« könnte man das nennen, schaut man sich die riesigen Bronzeadler an, die hier stehen, oder die Menschen, die lederne Cowboy-Klamotten tragen, oder die Immobilienpreise, die doppelt so hoch sind wie in den weniger glamourösen Nachbartälern.

Präsident Theodore Roosevelt liebte die absurde Zahmheit des Parks

Sobald man jedoch aus Jackson Hole rauskommt, hat man die Natur für sich allein. Und kann dann vor der scharfkantigen Skyline der Teton Range, wo sich ein Matterhorn ans andere reiht, den eigenen Wildwestträumen nachhängen. Kann sich als Trapper oder Bärentöter fühlen, Letzteres eine besonders unverfängliche Fantasie, da die Bären Winterschlaf halten. Liest man die Berichte der ersten Ranger, Hotelwächter und Briefträger, die im Yellowstone Winterdienst taten, so scheint sich seither wenig geändert zu haben. Nur dass ihre Skier bis zu vier Meter lang waren und sie statt mit Stöcken mit einer riesigen Stange manövrierten. Die verwunschenen Wälder hingegen, die tief gefrorenen Flüsse und Seen, die zahllosen geothermischen Phänomene, der Reichtum der Tierwelt und ihre, wie schon Theodore Roosevelt fand, »absurde Zahmheit« – dieses ganze grandiose Winterwunderland sieht heute noch fast genauso aus wie vor 100 Jahren.

Von drei Eingängen aus kutschieren Schneebusse die Besucher ins Herz des Parks: knallgelbe Vehikel, die vorne Kufen und hinten Ketten haben und sich wie riesige Kartoffelkäfer durch die Schneefelder arbeiten. Alle drei Routen treffen im Oberen Geysirbecken zusammen, an der Old Faithful Snow Lodge, gut 2000 Meter hoch gelegen. Wie ein fauchender Drache haust der Geysir neben dem Hotel, vom Frühstückstisch aus hat man einen wunderbaren Blick auf ihn. In pedantischer Regelmäßigkeit schießt er alle anderthalb Stunden in den Himmel. Hier beginnt ein weitläufiger geothermischer Themenpark, den Disney auch nicht besser hätte inszenieren können. Zu Fuß oder auf Skiern lässt sich eine Spritztour durch fast drei Milliarden Jahre Erdgeschichte unternehmen, vorbei an Schlammbecken, Schwefelpfuhlen und heißen Quellen, die in allen Regenbogenfarben leuchten.

Am nächsten Morgen lasse ich mich an einem unscheinbaren Bergsee absetzen. Er liegt genau auf der kontinentalen Wasserscheide und entwässert gleich in zwei Ozeane: Der östliche Abfluss mündet schließlich in den Pazifik, der westliche in den Golf von Mexiko. Diesem Bächlein will ich folgen, und da in den vergangenen Tagen einige Vorläufer hier unterwegs waren, leitet mich ihre Spur die 30 Kilometer zurück bis zur Lodge. Meist am Bach entlang und mit sanftem Gefälle. Das also stufen sie hier als »schwierig« ein. Darüber wären die Anfänger im Riesengebirge froh. Das einzig Knifflige sind die Behelfsbrücken aus ein, zwei Brettern, zu denen man tunlichst die Kurve kriegen sollte. Die Pioniere freilich schulterten an solchen Stellen einst ihre Skier und wateten barfuß durch die eisigen Bäche.

Es herrscht eine fast feierliche Kälte. Das Weiß der Wolken, des Schnees und der dampfenden Fumarolen verschmilzt zu einer alles umfassenden Albino-Welt. Ganz geheuer ist mir nicht. Die Bäume knarzen in allen Stimmlagen und sehen mit ihren Schneeperücken aus wie Gespenster. Es schmaucht und gluckst und grummelt im Tann. Auf halber Strecke weisen dichte Schwaden den Weg zum Lone-Star-Geysir: Auf einer elliptischen Lichtung, die er sich selbst frei geätzt hat, sprudelt und geifert ein Zimmerspringbrunnen vor sich hin.

Ich halte Rast und stelle fest, dass das Wasser im Rucksack gefroren ist und dem Schokoriegel allenfalls mit Hammer und Meißel beizukommen wäre. Schließlich schnüre ich weiter. Faustgroße Stapfen durchlöchern die Loipe; die Fährte zweier Wölfe, die sich, wie ich später höre, vom örtlichen Rudel abgespalten haben, um ein eigenes zu gründen.

Zurück im großen Geysirbecken, treffe ich dann endlich auch auf Bisons. Das zottige Fell mit Reif überzogen, stehen sie zu dritt an einer heißen Quelle, um sich, ganz wie die Obdachlosen an New Yorker U-Bahn-Schächten, am aufsteigenden Dampf zu wärmen. Stoisch nehmen sie dafür auch knipswütige Touristen in Kauf, wenden ihnen aber abweisend den Rücken zu.

Auf meiner letzten Station, den Mammoth Hot Springs im Nordwesten des Parks, schließe ich mich einer Safari-Gruppe an. Geführt von Norman Bishop, einem altgedienten Ranger, durchstreifen wir die freie Wildbahn. Zu Fuß, auf Schneeschuhen, meist aber in einem Kleinbus. Die nördliche Stichstraße wird als einzige ganzjährig offen gehalten.

Alle wollen Wölfe sehen. Seit ihrer Wiedereinbürgerung vor sechs Jahren bilden sie die stärkste Attraktion des Parks. Noch vor fünf Uhr brechen wir eines Morgens auf und fahren erwartungsvoll ins Lamar-Tal. Venus prangt als dicker Klunker am Himmel; eine ohrenbetäubende Stille liegt über der Welt. Wir messen 30 Grad minus. Da hebt fern ein leises Jaulen an, und bald fällt ein ganzes Wolfsrudel im Kanon ein. Wir erspähen sie dann auch: Im Winterfell sehen sie aus wie lang gestreckte Schlittenhunde. Ein unvergesslicher Anblick, selbst wenn die Tiere nur träge unter ein paar Kiefern herumlungern. In den vergangenen 70 Jahren war das vermeintlich intakte Ökosystem zum gefahrlosen Idyll entschärft, und alle Raubtiere sind ganz oder nahezu ausgemerzt worden. Mit den Wölfen sind auch Angst und Tod in den Yellowstone-Nationalpark zurückgekehrt. Aber vielleicht erscheint er uns gerade deshalb mehr denn je als ein utopischer Ort, als eine reinere und wahrhaftigere Welt als jene, in die wir am Ende zurückzukehren gezwungen sind.

Information

Anreise:
Die nächstgelegenen Flughäfen sind Bozeman in Montana sowie Jackson Hole in Wyoming. Hin- und Rückflug von Frankfurt am Main nach Bozeman kostet mit Delta Air Lines von 610 Euro an, bis Jackson Hole fliegt United Airlines über Denver von 655 Euro an. Von dort geht es im Mietwagen oder per Sammeltaxi zu den Eingängen des Parks, wo Schneebusse den Weitertransport übernehmen

Unterkunft:
Im Park haben im Winter nur die Old Faithful Snow Lodge und das Mamooth Hot Springs Hotel geöffnet. Dort kann man Skier mieten und sich per Shuttle zu den Loipen bringen lassen. Günstiger als einzelne Übernachtungen (90 bis 134 Dollar pro Doppelzimmer) sind mehrtägige Aktivpakete. Informationen: Xanterra Parks & Resorts, P. O. Box 165, Yellowstone National Park, WY 82190-0165, Tel. 001-307/3445324, www.TravelYellowstone.com

Die Lone Mountain Ranch kostet für eine Woche Langlaufurlaub inklusive Transfer von Bozeman, Vollpension und zahlreicher Aktivitäten von 1600 Dollar pro Person an. P. O. Box 160069, Big Sky, MT 59716, Tel. 001-406/ 9954670, www.lmranch.com

Das Amangani in Jackson Hole zählt zu den erlesensten Hotels Amerikas. Hoch über dem Tal thronend, mit Blick auf die Teton Range, liegt es aller Welt entrückt – auch preislich, mit 700 Dollar pro Suite und Nacht. 1535 North East Butte Road, Jackson Hole, WY 83001. Tel 001-307/7347333, www.amanresorts.com

Tierbeobachtung:
Im Grizzly and Wolf Discovery Center in West Yellowstone kann man Bären und Wölfe ganzjährig betrachten. Dazu zeigt das benachbarte Imax-Kino opulente Naturfilme aus dem Yellowstonepark

Auskunft:
Rocky Mountain International, Scheidswaldstraße 73, 60385 Frankfurt am Main, Tel. 069/4059573

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 08/2003
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