GEnieSSen Die Archetypen der Biertrinker
Die Hopfen-und-Malz-Szene ist mindestens so vielfältig wie die der Weintrinker. Ein Zählversuch (Teil I)
Nichts gegen Wein. Aber wer die eigene Küche den Unwägbarkeiten der norddeutschen Gastroszene vorzieht, der steuert - da zu Hause genährt - beim Gang in ein öffentliches Lokal fast immer zielstrebig eine Bar an. Ergo hat er es mehr mit dem Bier. Denn die kanzerogenen Rauchschwaden, das laute Geschnarr des Szenevolks und die vielen Dezibel aus den Boxen bilden zusammen kein Ambiente, in dem sich genüsslich an einem Gläschen Rotwein nippen ließe. Bier passt besser.
Vordergründig unterscheiden sich die Szenen. In des Biertrinkers Hand ist stets nur Gelb und Schaum, während der önologisch Geschulte gekonnt beim Riesling startet, um sich im Laufe eines Abends elegant weiteren Weißweinen, Rotweinen und Dessertweinen zuzuwenden. Den Biertrinker deswegen im Vergleich zum filigran gestrickten Weintrinker als simpel gebaute Spezies zu diskreditieren, entbehrt aber einer sachlichen Grundlage. Erstens gibt es nicht nur ein Pils unter der Sonne. Zweitens kann sich auch der Biertrinker wichtig machen. Die Hopfen-und-Malz-Szene ist mindestens so vielfältig besetzt wie die Zunft der Weintrinker.
Im vergangenen Herbst habe ich zusammen mit dem Weinexperten Mario Scheuermann die zehn Archetypen der trinkenden Gesellschaft benannt - bezüglich der Rebensäfte. Höchste Zeit, die entsprechende Typologie in Sachen Bier nachzuliefern. Mal sehen, wie viele Unterarten des Gemeinen Biertrinkers zusammenkommen.
1. Der Alleskenner
Sogar das hondurenische Salva Vida kennt er. Keine Biersorte lässt er aus, ohne davon gekostet zu haben. Er ist der Jäger und Sammler in den Bars dieser Welt. In jeder fremden Stadt stürmt er umgehend in die Kneipen, die Namen tragen wie ?Tausend Biere? oder ?Jeder Hopfen dieser Welt?. Die Gebinde neuer Beuten verschwinden in der Sakkotasche. Seine Garage ist mit Tausenden verschiedener Bierflaschen aufgefüllt. Anstelle einer Tapete kleben Etiketten an Wohnzimmerwand, Küchenfliesen und Schlafzimmerdecke. Leidenschaftlich besucht er Bierbörsen und pflegt E-Mail-Kontakt mit anderen Jägern.
2. Der Temperaturanalyst
Er bestimmt per Wärmesensorik in Mundraum, Rachen und Magen die Temperatur des Getränks auf Zehntelgrade genau und instruiert den Barmann mit entsprechenden Anweisungen. Seiner Meinung nach verlangt jedes Bier nach einer exakt austarierten Temperatur. Schon mit einem Hauch unangebrachter Kälte ist die sensible, lauwarme Cervisia Britanniens tot zu kühlen. Umgekehrt verdirbt Wärme umgehend die Freude an einer norddeutschen Bitterstoffkeule.
3. Der Heber
Einmaliges Zuprosten mit dem ersten Glas ist ihm zu wenig Bewegung. Jedes Pils will mit martialischem Klirren eingeweiht sein. Nur dann schmeckt es. In manchen Landgemeinden findet sich diese Spezies in Reinkultur. Ein Prost pro Schluck ist die Mindestfrequenz, zuzüglich einem Prost nach jeder in die Gesprächsrunde geworfenen Silbe. Wer nicht mitmacht, erntet den Vorwurf, sich abzusondern, und seine Berechtigung zur Anwesenheit am Stammtisch wird umgehend in Zweifel gezogen.
4. Der Regionalist
Er lebt in der Nähe einer Brauerei. Weil der Zufall ihn dort Wurzeln hat schlagen lassen, ist ihm das Bier, das er direkt ab Fabrik bezieht, heilig. Er hat eine Aktie und behauptet, seine Marke in jeder Blindverkostung herausschmecken zu können. Kommt es dazu, scheitert er kläglich.Er tippt aus Versehen auf das Alkoholfreie im Wettbewerb - ein Debakel, das er umgehend auf Schnupfen, Halsschmerzen und eine geheimnisvolle Zahnoperation am Vortag zurückführt.
5. Der Antiregionalist
Er ist der Antipode des Regionalisten, weil er in unmittelbarer Nähe der Brauerei aufgewachsen ist. Das radikalste Beispiel habe ich in Dublin angetroffen. Ein Ire, der noch nie ein Guinness getrunken hat! Es handelte sich um einen Taxifahrer, der ausschließlich Lager trinkt. Sein Elternhaus war stets von der Abluft der Guinness-Brauerei umweht. Die ekelerregenden Düfte seiner Kindheit haben ihn davon abgehalten, auch nur einmal in seinem Leben ein Bier zu ordern, das dunkler ist als ein helles Lager.
Jetzt ruft das Bier. Der zweite Teil mit den nächsten fünf Archetypen folgt nächste Woche. Über Ihren Input per E-Mail an geniessen@zeit.de freue ich mich.
Durstig
Ihr Urs Willmann
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