SchicksalGeorg Dertinger und die Seinen

Wie die DDR ihren ersten Außenminister und dessen Familie in den fünfziger Jahren vernichten wollte von Hartmut Jäckel

Das Jahr 1953, das in der Erinnerung der Deutschen auf lange Zeit mit dem Marsch streikender Bauarbeiter zur Stalinallee und dem Datum des 17.Juni verbunden bleiben wird, beginnt im Machtbereich der SED mit einer spektakulären Verhaftungsaktion. Sieben Wochen vor Stalins Tod, in der Nacht vom 15. auf den 16. Januar, wird Georg Dertinger, seit Oktober 1949 Minister für Auswärtige Angelegenheiten der DDR, zusammen mit seiner Frau festgenommen.

Georg Dertinger ist heute weitgehend vergessen. Doch in seinem Schicksal und dem seiner Familie spiegeln sich die Aufbrüche und Umbrüche des vergangenen Jahrhunderts wie in einem zeitgeschichtlichen Lehrstück. Es ist ein Stück, das noch in der Kaiserzeit beginnt. Am ersten Weihnachtstag des Jahres 1902 wird Dertinger in eine katholische Kaufmannsfamilie in Berlin geboren. Mitten im Ersten Weltkrieg, die Schlacht um Verdun hat eben begonnen, weiß der 13-Jährige, was er werden will: Infanterieoffizier. Er verlässt das Elternhaus und bezieht zunächst eine Kadettenanstalt im schleswig-holsteinischen Plön, dann die Hauptkadettenanstalt des preußischen Heeres in Groß-Lichterfelde, einer brandenburgischen Ortschaft, die erst 1920 ein Teil Berlins wird. (Heute befindet sich auf dem weitläufigen Gelände, das nach 1933 von der SS-Leibstandarte "Adolf Hitler" und von 1945 bis 1991 von der U. S. Army genutzt worden ist, die Berliner Außenstelle des Koblenzer Bundesarchivs.)

Als im November 1918 Krieg und Krone verloren sind, wird der preußische Fahnenjunker ziviler Schüler eines Lichterfelder Realgymnasiums. Nach dem Abitur studiert Dertinger an der Berliner Universität Jura und Volkswirtschaft, bricht das Studium aber 1923 ab, um Journalist zu werden. Von der Magdeburgischen Zeitung wechselt er 1925 als politischer Redakteur zur Zeitschrift Der Stahlhelm des gleichnamigen Bundes der Frontsoldaten, dessen Ehrenpräsident der Generalfeldmarschall a.D. Paul von Hindenburg ist. 1928 kehrt Dertinger als Berliner Korrespondent mehrerer deutscher Blätter in die Hauptstadt zurück. Er wohnt in Schöneberg gleich hinter dem Kleistpark und firmiert im Telefonbuch, was damals nur in der Rechtspresse üblich ist, als Schriftleiter. Aber rechts steht er ja auch, der junge Dertinger, der sich alsbald der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) anschließt, genauer: dem im Januar 1930 von Hugenbergs Gegenspieler Gottfried Treviranus gebildeten Parteiflügel, der sich "Volkskonservative Vereinigung" nennt. Dertinger verkehrt im "Herrenclub" des Zentrumspolitikers und späteren Reichskanzlers Franz von Papen und pflegt Kontakte zum rechtskonservativen "Tatkreis" des Publizisten Hans Zehrer.

Die CDU dankt ergebenst für die Verhaftung ihres Vorsitzenden

Nach Hitlers Machtantritt begleitet Dertinger von Papen, der sich im Juni 1932 vom Zentrum gelöst hat und bis Anfang August 1934 als Vizekanzler der "Regierung der nationalen Konzentration" amtiert, zu den Verhandlungen über das Konkordat mit dem Heiligen Stuhl. Für eine NS-Karriere ist der kirchlich und konservativ gesinnte Journalist nicht geschaffen. Er findet seine berufliche Nische bei der Pressekorrespondenz Dienst aus Deutschland, der die grenzüberschreitende Verbreitung von Nachrichten aus dem Reich obliegt. Der Dienst wird, um ihm einen Anschein von Objektivität zu verleihen, nicht von Joseph Goebbels’ Propagandaministerium, sondern von einem "Auslandspressebüro" herausgegeben, das dem eher blassen "Reichspressechef" Otto Dietrich untersteht.

Als verantwortlicher Schriftleiter zählt der parteilose Dertinger bis 1945 zu den unauffälligen Stützen des Regimes. Eigene Artikel hat er im "Dritten Reich" nicht mehr veröffentlicht. Dass er die NS-Herrschaft innerlich ablehnt, belegt sein vertrauter Umgang mit Männern, die zum katholischen Widerstand zählen: mit Jakob Kaiser, Heinrich Krone, Otto Lenz und dem 1944 hingerichteten Josef Wirmer. Ernst Lemmer, bis 1933 Reichstagsabgeordneter der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und später Bundesminister in drei Kabinetten Konrad Adenauers, erinnert sich 1968 in seinem Memoirenband Manches war doch anders, Dertinger damals in einem "Freundeskreis von Journalisten" begegnet zu sein, "die mit unbedingter Offenheit miteinander diskutierten und von denen keiner Nationalsozialist war". Als das Haus, das Dertinger nach seiner Hochzeit in Kleinmachnow vor den Toren Berlins bezogen hatte, im Februar 1943 den Bomben zum Opfer fällt, siedelt die Frau mit den Kindern in die brandenburgische Provinz über, nach Prenzlau.

Wenige Wochen nach Kriegsende tritt Georg Dertinger als Mitgründer und Sprecher der Berliner CDU öffentlich in Erscheinung. Fast vier Jahre, von Januar 1946 bis Oktober 1949, amtiert er als Generalsekretär der CDU in der Sowjetischen Besatzungszone. Zielstrebig betreibt er die von der SED geforderte Gleichschaltung seiner Partei. Er sucht den Konflikt mit dem freiheitlich gesinnten Vorsitzenden Jakob Kaiser und erreicht im Dezember 1947 dessen Absetzung. Fortan dient die von dem Journalisten und ehemaligen DDP-Mann Otto Nuschke und Dertinger gemeinsam geführte Ost-CDU nur mehr als Feigenblatt, um die Alleinherrschaft der SED zu kaschieren. Frühzeitig tritt Dertinger auch für die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als deutsch-polnische Friedensgrenze ein, und ohne Zögern akzeptiert er die Einbindung der CDU in die "Nationale Front", die fortan sämtliche Wahlen zur Farce werden lässt. Das alles empfiehlt ihn zu Höherem.

Am 12. Oktober 1949 wird der Christdemokrat als Minister für Auswärtige Angelegenheiten in die erste Regierung der DDR unter Ministerpräsident Otto Grotewohl (SED, vormals SPD) berufen. Ulbricht soll dieser Berufung nur widerwillig zugestimmt haben. Drei volle Jahre versieht Dertinger das wenig einflussreiche Ministeramt. Zur Feier seines 50. Geburtstages am 25. Dezember 1952 erscheinen Grotewohl und Wilhelm Pieck, der Staatspräsident. Doch nur wenige Tage später meldet ADN, die staatliche Nachrichtenagentur der DDR, das Freund und Feind gleichermaßen überraschende Ende einer steilen Karriere: Dertinger, heißt es in der Meldung, sei aufgrund seiner feindlichen Tätigkeit im Auftrage "imperialistischer Spionagedienste" verhaftet worden. Nicht einmal die Wendung "unter dem Verdacht" wird ihm in der Verlautbarung zugebilligt.

Die aufgeschreckte Führung der Ost-CDU distanziert sich umgehend von ihrem stellvertretenden Vorsitzenden. Ungeprüft sieht sie die ihm zur Last gelegte "hinterhältige Spionage- und Zersetzungstätigkeit" als erwiesen an und begrüßt die "Wachsamkeit unserer Sicherheitsorgane". Die fast zeitgleich auf einer CDU-Tagung in Weimar gefasste Entschließung dokumentiert beschämende Unterwürfigkeit. "Das erweiterte Sekretariat der Parteileitung", heißt es dort, "verurteilt mit größter Empörung Dertingers verräterisches Treiben. Er hat es durch beispiellose Doppelzüngigkeit verstanden, sich das Vertrauen der Partei und der demokratischen Kräfte in ganz Deutschland zu erschleichen, [und] schändlichen Verrat an der Partei und den hohen Zielen unseres nationalen Kampfes um Einheit und Frieden geübt." Das verbrecherische Verhalten müsse in seinem ganzen Ausmaß aufgedeckt werden. Im Eilverfahren schließt der Politische Ausschuss der CDU Dertinger aus der Partei aus und enthebt ihn sämtlicher Parteiämter.

Zum geschäftsführenden Außenminister beruft der Ministerrat Dertingers Staatssekretär, den Altkommunisten Anton Ackermann, Mitglied des ZK der SED, Kandidat des Politbüros und Direktor des Marx-Engels-Lenin-Stalin-Instituts. Aber auch mit dieser Personalie hat Ulbricht kein Glück. Schon ein halbes Jahr später wird Ackermann im Zuge der Säuberungen nach dem 17. Juni seiner Partei- und Staatsämter enthoben. Ihm wird vorgeworfen, die "parteifeindliche Fraktion" des Ministers für Staatssicherheit, Wilhelm Zaisser, und des Chefredakteurs des Parteiorgans Neues Deutschland , Rudolf Herrnstadt (beide SED), unterstützt zu haben.