Schicksal Georg Dertinger und die SeinenSeite 3/3

Doch dann beginnt am 16. November 1960 mit einem Donnerschlag das dritte Leben des Christian Dertinger. „Heinz“ kommt nach Schönebeck, um eine Nachricht zu überbringen: „Deine Mutter ist wieder aus dem Gefängnis und verlangt dich zurück. Du musst nach Annaberg.“ Der heute 58-Jährige erinnert sich an diese Szene so: „Mir wurde schlecht.“ Und: „Den Rest des Tages und den nächsten Tag erlebte ich nicht mehr. Ich hatte einen totalen Filmriss.“ Im Erzgebirge angekommen, ist er „wie gelähmt, mit dieser fremden Frau konnte ich nichts anfangen“. Er erfährt nun, dass es eine Familie Müller in Berlin nie für ihn gegeben hat, dass die Eltern seiner Kindheit immer seine Eltern waren und seine Geschwister, mit denen er aufgewachsen ist, wirklich seine Geschwister sind.

Die Pflegeeltern in Schönebeck, deren einziger Sohn im Krieg gefallen war, können den Verlust des ihnen ans Herz gewachsenen Pflegekindes, über dessen wahre Herkunft man vermutlich auch sie belogen hat, nicht verwinden. Tante Lieschen stirbt schon nach wenigen Wochen. Zu ihrer Beerdigung kommt auch „Heinz“ angereist. Christian begegnet ihm hier zum letzten Mal. Als er Ostern 1961 noch einmal in Schönebeck ist, kann er mit Onkel Emil „hemmungslos weinen“. Drei Monate später nimmt Onkel Emil sich das Leben.

Nach Vorlage einer brandneuen Geburtsurkunde erhält Christian einen Ausweis, der nun auf seinen alten, richtigen Namen ausgestellt ist. Erst jetzt erfährt er vom Schicksal seiner Eltern. Den Vater, der alle Vierteljahr einmal Besuch empfangen darf, sieht er im Zuchthaus BautzenII wieder. „Da stand er vor mir. Fast unverändert, das Haar war etwas grauer, und er war etwas schlanker als in meiner Erinnerung. Aber das Strahlen in seinen blauen Augen, wie immer. Wir lagen uns in den Armen. Alles ging plötzlich so leicht, den Aufpasser nahm ich gar nicht mehr wahr. Was sollten wir reden? Wir sprachen über die Schule, das Abitur, über meine Mutter und Großmutter, über meine Freunde.“

Der endlich heimgekehrte verlorene Sohn studiert nach dem 1963 bestandenen Abitur Theologie und Philosophie. Als er sich verliebt, ändert er seine Lebensplanung und sattelt um. Die Hochschule für Bauwesen in Leipzig verlässt er als Diplomingenieur und schließt ein Zusatzstudium der Elektrotechnik und Elektronik an. Er wird Programmierer in einem staatlichen Betrieb. Nach der Wende tritt er in leitender Stellung in eine Firma ein, die 1993 abgewickelt wird. Seitdem ist Christian Dertinger, der heute mit seiner Familie in Leipzig lebt, als freier Mitarbeiter für Versicherungen tätig.

Hat er den Identitätsbruch verkraftet? Nein, sagt er mir, ganz ist das kaum zu schaffen. Als er jüngst seine Geschichte niederschrieb (nachzulesen in dem Band Wenn der Morgen einen neuen Tag verspricht, herausgegeben von Gottfried Hänisch, Weimar 2002), habe ihn das „schon ganz schön bewegt“. Ähnliches empfinde er, wenn ihn die alten Klassenkameraden aus Schönebeck heute noch Christian Müller nennen. Aber damals einen Ausreiseantrag zu stellen und die DDR zu verlassen, das sei nicht seine Sache gewesen. „Wir wollten nicht, denn wo wir unseren Platz behaupten, ist kein Platz für totalitäre Bedrücker.“

Der Autor ist Professor für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin

 
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