Was ist nicht schon alles über den Agrarprotektionismus der Industrieländer gesagt und geschrieben worden: dass er die Steuerzahler und Konsumenten der reichen Länder jährlich mehr als 300 Milliarden Dollar kostet. Dass der Löwenanteil der staatlich verordneten Segnungen ausgerechnet den wohlhabenderen Bauern zugute kommt. Dass er zulasten der Umwelt geht. Dass die Schutzwälle des Nordens die Entwicklungsländer des Südens teuer zu stehen kommen. Dass die reichen Länder den armen allein 16 Milliarden Dollar jährlich an Zöllen abknöpfen. Dass die subventionierten Agrarprodukte aus Europa oder Amerika den Bauern der Dritten Welt zusätzliche Einbußen bescheren, weil sie ihnen die Preise verderben. Und dass deshalb alle Bekenntnisse zur Armutsbekämpfung wenig glaubwürdig sind. Um nicht zu sagen: scheinheilig.

Eigentlich ist längst alles gesagt und geschrieben worden. Eigentlich hätten die Industrieländer längst eine Kehrtwende vollziehen müssen. Sie haben es nicht getan – und wollen es auch in Zukunft nicht tun, wie die gerade beginnende Welthandelsrunde zeigt.

Tatsächlich ist allen Reformbestrebungen zum Trotz alles weitgehend beim Alten geblieben. Immer noch unterliegen Agrarprodukte hohen Zöllen. Immer noch steigt die Zollbelastung mit dem Verarbeitungsgrad eines Produktes. Immer noch konkurrieren Bauern aus Entwicklungsländern mit subventionierten Kollegen aus Industrieländern.

Das vor fast zehn Jahren erzielte Agrarübereinkommen der Welthandelsorganisation (WTO), heißt es in einer Analyse der OECD, habe das Schutzniveau der Landwirtschaft in den Industrieländern nur "ein wenig" gesenkt; der Marktzugang für die Produkte der Entwicklungsländer habe sich deshalb "nicht sehr wesentlich" verbessert. Ziemlich enttäuschend, gemessen an den hohen Erwartungen, die an die so genannte Uruguay-Runde zur Liberalisierung des Welthandels geknüpft worden waren.

Mit ihrer Farm Bill – einem Ausweis "übelster Form politischer Scheinheiligkeit", wie der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz meint – stockte die amerikanische Regierung im vergangenen Jahr sogar die Agrarsubventionen noch einmal auf. Derweil gerierte sich die Europäische Union zwar als Gönner der Armen, verhielt sich aber kaum weniger verlogen: Ihr Versprechen an die 48 am wenigsten entwickelten Länder, sie dürften fortan sämtliche Produkte (außer Waffen) unbehelligt von Quoten oder Zöllen nach Europa exportieren, enthält schließlich drei wichtige Ausnahmen: Zucker, Reis und Bananen.

Nun endlich sollen die Armen zu ihrem Recht kommen. Noch unter dem unmittelbaren Eindruck der Terroranschläge vom 11. September einigten sich die 145 WTO-Mitglieder im November 2001 in Doha darauf, die neue Runde zur Liberalisierung des Welthandels zu einer "Entwicklungsrunde" zu machen. Der Lackmustest dafür werden die Regeln zum Agrarhandel sein. Schließlich gilt: Je ärmer ein Land, desto größer die Bedeutung der Bauern für die Volkswirtschaft. Und desto größer folglich auch die Bedeutung der Agrarhandelsregeln für die Entwicklung.

Eine erste Blaupause für ein reformiertes Agrarabkommen hat der Leiter der WTO-Arbeitsgruppe für Landwirtschaft, Stuart Harbinson, kürzlich vorgelegt. In der kommenden Woche wird der Plan offiziell zur Debatte gestellt; Streit zwischen den USA und der EU wird dann für Schlagzeilen sorgen. Die wichtigste Frage jedoch wird sein, ob die Reformagenda ihrem entwicklungspolitischen Anspruch gerecht wird.

Sie wird es nicht. Zwar sollen die Industrieländer laut Harbinson ihre Agrarzölle innerhalb von fünf Jahren um bis zu 60 Prozent reduzieren. Mit ihren Exportsubventionen sollen sie in spätestens zehn Jahren Schluss machen. Das klingt gut. Doch nahezu unbehelligt von der WTO sollen die Regierungen des Nordens ihre Bauern weiter mit Zuschüssen beglücken dürfen – wenn sie es geschickt anstellen.