Der Biologieprofessor Heinz Mehlhorn hat es schon lange geahnt. Bei den Abschlusszensuren, die in seinem Fach von den deutschen Hochschulen vergeben werden, geht es nicht mit rechten Dingen zu. Als Vorsitzender der Fachkonferenz Biologie verglich Mehlhorn jedes Jahr die Examensnoten aller Universitäten in seiner Disziplin. Dabei machte er eine überraschende Entdeckung: Die Fähigkeiten deutscher Studenten schienen regional höchst unterschiedlich verteilt zu sein.

Während an einigen Hochschulen unter den Diplomzeugnissen auch schon mal ein "befriedigend" zu finden war, triumphierten an anderen Biologiefakultäten die Abschlusskandidaten ausnahmslos mit einem "sehr gut". Zudem schienen die Nachwuchsbiologen von Jahr zu Jahr intelligenter zu werden. "Da muss eine Generation von Nobelpreisträgern heranwachsen", lästerte Mehlhorn gegenüber seinen Professorenkollegen und forderte sie auf, in Zukunft strenger zu bewerten.

Mehlhorns Mahnung zur Notendisziplin verhallte ungehört. Das zeigt eine noch unveröffentlichte Untersuchung des Wissenschaftsrates, die den Verdacht des Düsseldorfer Professors offiziell bestätigt: Die deutsche Universität bildet nur "sehr gute" oder zumindest "gute" Biologen aus – wenn man den Noten ihrer Diplome glauben will. Fast zwei Drittel der Studenten erreichen das Examen mit einer Eins, der Rest schafft immerhin eine Zweier-Zensur. Nur eine winzige Minderheit bringt es zu einer Note Drei. "Die Note ,ausreichend‘ wurde nicht vergeben", heißt es im Bericht.

Mit einem Traumdurchschnitt von 1,4 bilden die deutschen Biologen zusammen mit Physikern und Psychologen die Spitze des akademischen Notenadels, dicht gefolgt von Mathematikern, Philosophen und Chemikern, die jeweils mit 1,5 ins Examensziel einlaufen.

Schluss also mit dem Gerede, dass es den deutschen Hochschulen an Konkurrenzfähigkeit mangelt? Unberechtigt die Klage der Professoren, den jungen Leuten fehle die Studierfähigkeit? Geht es nach den Zahlen des Wissenschaftsrates, brauchten die Universitäten ein Pisa nicht zu fürchten. Im Gegenteil: In ihren Seminaren und Labors scheint eine Generation von Spitzenwissenschaftlern heranzuwachsen.

Der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Karl Max Einhäupl, sieht die Sache realistischer: "In vielen Fächern schöpfen die Hochschulen das Notenspektrum in keiner Weise aus." Es könne nicht angehen, so der Präsident des obersten deutschen Beratungsgremiums in Sachen Wissenschaftspolitik, dass sich unterschiedliche Leistungen nur in "Werten hinter dem Komma" niederschlagen.

Teilweise mögen die exzellenten Zensuren mit den vielen Studienabbrechern in Deutschland zusammenhängen. In Biologie etwa gibt rund die Hälfte vor dem Examen auf – darunter vermutlich einige, die mit einer schlechten Note abschneiden würden. In den Sozial- und Geisteswissenschaften ist die Abbrecherquote noch höher. Dagegen beeinflusst die Studiendauer die Note in keiner Weise, weder positiv noch negativ. In Bamberg erzielen Germanistikstudenten nach elf Semestern eine Durchschnittsnote von 1,6. An der FU Berlin benötigen ihre Kommilitonen für denselben Durchschnitt zwei Jahre länger. "Überdurchschnittlich gute Noten sind sowohl in Studiengängen mit kurzen als auch längeren Studienzeiten zu finden", heißt es im Gutachten.

Auf über 300 Seiten listet der Wissenschaftsrat die Noten für fast alle Fächer und Universitäten auf. Nicht jede Angabe freilich ist im Detail korrekt. Durch das nachlässige Meldegebaren der Universitäten sind die Statistikämter, auf die sich das Gutachten beruft, keine hundertprozentig verlässliche Quelle. Die generelle Aussage stimmt jedoch: Gerade in den Geisteswissenschaften und einigen Naturwissenschaften kennen deutsche Professoren fast nur noch "gute" und "sehr gute" Studenten.