In Israel gibt es weder Zweifel noch Diskussionen bezüglich eines Irak-Krieges. Seit vielen Monaten halten nicht nur der Mann auf der Straße, sondern auch Politiker und Militärs den amerikanischen Feldzug gegen Bagdad für unvermeidbar. Die Israelis wussten von Beginn an, dass es George W. Bush, ihrem großen Verbündeten und Unterstützer, ernst damit ist, Saddam Hussein zu stürzen.

Für die israelischen Bürger sind periodische Ausbrüche von Krieg und Gewalt am Golf schon fast ein Naturereignis, das sie zwingt, sich wieder einmal Gasmasken aufzusetzen und in Bunkern Schutz zu suchen. Die Erinnerung an den Einschlag irakischer Scud-Raketen in Tel Aviv und Haifa 1991 und die Hilflosigkeit Israels sind in der Erinnerung der Bevölkerung noch sehr lebendig. Und so wie damals befürchten auch heute viele, von den "Querschlägern" eines Krieges getroffen zu werden. Sie fürchten sich vor dem Sirenengeheul, und sie fürchten sich vor dem wirtschaftlichen Stillstand in einem Land, das ohnehin unter dem fortwährenden, endlosen Konflikt mit den Palästinensern leidet.

Diese Ängste drücken sich jedoch nicht in öffentlichen Protesten gegen den drohenden Irak-Krieg aus, weil fast alle israelischen Politiker eine äußerst positive Einstellung zum Angriff der Amerikaner haben. Mehr als jedes andere Land der Welt begrüßt Israel das geplante militärische Abenteuer im Irak. Die politisch-militärische Führung betrachtet den Irak-Krieg als willkommene Gelegenheit zur nationalen Rettung.

Frustriert durch die gescheiterten Bemühungen, die palästinensische Intifada nach mehr als 28 Monaten niederzuschlagen, setzt sie all ihre Hoffnungen auf eine erfolgreiche Operation der Amerikaner im Irak. In ihrem Kriegsszenario würden die Vereinigten Staaten nach einem erfolgreichen Irak-Feldzug zum Alleinherrscher im Nahen Osten, und eine erschütterte arabische Welt wäre gezwungen, sich an die Seite der amerikanischen Sieger und ihrer Verbündeten in Jerusalem zu stellen. Folglich müssten sich Israels Feinde in Teheran, Damaskus und Ramallah entweder besser benehmen – oder sie würden in Vergessenheit geraten. Der meistbegehrte Pokal ist zweifellos der Kopf von Jassir Arafat, dem Palästinenserführer und ehemaligen Friedenspartner, der für Israel zum Schreckgespenst geworden ist. Eine von Grund auf erneuerte palästinensische Führung ist für Israel Vorbedingung für neue Verhandlungen.

Befragt man in diesen Tagen einen beliebigen israelischen Politiker, so schlägt einem stets Enthusiasmus entgegen und die Hoffnung auf das "entscheidende Jahr" nach einem Sieg der Amerikaner im Irak. Premierminister Ariel Scharon, von Washington gebeten, sich aus dem Krieg herauszuhalten, macht inoffiziell aus seiner Ansicht keinen Hehl. Kürzlich sagte er zu US-Senatoren, die zu Besuch waren, dass ein erfolgreicher Angriff auf den Irak dem regionalen politischen Prozess einen "positiven Impuls" geben könnte. "Wenn die Araber keine militärische Option mehr haben, sind sie kompromiss- und verhandlungsbereiter", erklärte Scharon. Sogar der frühere Außenminister Schimon Peres, eher eine politische Taube, rief die Amerikaner auf, mit einem Angriff auf Saddam Hussein nicht zu lange zu warten.

Die Aussicht auf den nahenden Krieg ist Scharon bereits in seiner erfolgreichen Wiederwahlkampagne zugute gekommen. In Krisenzeiten ist es der Öffentlichkeit eben lieber, wenn der erfahrene, konservative "Großvater der Nation" am Ruder bleibt. Scharons stärkste Opposition, die Arbeiterpartei, mit der er in der Palästinenserfrage über Kreuz liegt, hat bereits versprochen, seine Politik während eines Irak-Krieges zu unterstützen. Diese einhellige Begeisterung für einen Irak-Krieg hat tiefere Wurzeln; sie ist mehr als reines politisches Kalkül. Seit 1948 hat sich der Irak immer wieder an arabischen Kriegen gegen Israel beteiligt und nie einen Waffenstillstand unterzeichnet oder den Friedensprozess unterstützt. Israel hat seit 1991 eine offene Rechnung mit SaddamHussein. Er allein hat es wie kein anderer arabischer Führer gewagt, Israels bevölkerungsreichste Städte anzugreifen, und der Einschlag seiner 39 Scud-Raketen hat in den Seelen tiefe Wunden hinterlassen – und Zweifel, was den Glauben an die eigene Verteidigungsfähigkeit betrifft.

In den vergangenen Jahren galt der 1991 geschlagene und von UN-Sanktionen gelähmte Irak jedoch als geringere Bedrohung für Israel als dessen atombombenbesessener, Terroristen unterstützender Nachbar Iran. Die israelische Regierung ließ die USA mit Saddam verhandeln, während sie ihre Stimme gegen die Ajatollahs in Teheran erhob. Nur Scharon, der für Israels Sicherheit den Irak stets als gefährlicher eingestuft hat als den Iran, stimmte in diesen Chor nicht ein.

Strategische Erwägungen sind ein weiterer wichtiger Faktor für Israel, den Feldzug zu unterstützen. Jahrzehntelang war Israels Sicherheitsdoktrin auf Präventivschläge und gewaltsame Regimewechsel ausgerichtet. Dieser Grundsatz der israelischen Politik stieß in der Vergangenheit bei den Amerikanern auf Skepsis und Kritik. Das ist jetzt anders. Die Bush-Regierung hat die alten israelischen Konzepte als Säulen ihrer Strategie des "Antiterrorkrieges" übernommen. Die neue amerikanische Politik schreckt selbst vor Mord nicht zurück, einer altbewährten israelischen Taktik, die frühere US-Präsidenten jedoch ächteten. Im November vergangenen Jahres etwa ließ der CIA im Jemen sechs Männer, die der amerikanische Geheimdienst der Zugehörigkeit zu al-Qaida verdächtigte, in ihrem Auto durch eine Rakete aus einer unbemannten Drohne töten. Inzwischen ist Washington auch weit davon abgerückt, die Bombardierung und Zerstörung von Osirak, Iraks Plutonium produzierendem Kernreaktor, durch die Israelis 1981 zu verurteilen, wie anfänglich geschehen. Einer der damaligen Bomberpiloten, Oberst Ilan Ramon, kam vor knapp drei Wochen an Bord der Raumfähre Columbia als erster Israeli im All ums Leben. Präsident Bush versprach Ramons Witwe, die Arbeit ihres verstorbenen Ehemanns im Irak fortzuführen und zu Ende zu bringen.