NachrufWeltliteratur aus Novi Sad

Zum Tod des großen serbischen Schriftstellers Aleksandar Tišma von Rakusa

Ich habe Tišma in den letzten zehn Jahren regelmäßig getroffen, in Basel und Graz, in Zürich und Berlin. Wir verstanden uns auf Anhieb, unterhielten uns auf Ungarisch, Deutsch und Serbokroatisch, am liebsten in unserer Muttersprache Ungarisch. Er war schmerzlich direkt im Fragen und Antworten, sein Pragmatismus hatte etwas Bestürzendes. Seine abwinkende Geste verriet alles über die Relativität der Welt. Philosophieren mochte er nicht. So sprachen wir über seine Mutterliebe und meine Vaterliebe, über verlorene und unmögliche Lieben. Darin schien er Experte zu sein, ein kundiger Ratgeber. Seine Augen blitzten und zeigten neugierige Anteilnahme. Während die Politik ihn verdross. Der Jugoslawien-Krieg machte ihm zu schaffen, der Konflikt der Nationalitäten erschien ihm barbarisch und primitiv. Dass die Menschheit zu keinem Fortschritt fähig sei, hielt er für gewiss. Das künstlerische Schaffen überschätzte er nicht. Ein Beruf wie jeder andere, für ihn der einzig mögliche.

Aleksandar Tišma hat seine serbische Heimatstadt Novi Sad in die Weltliteratur eingeschrieben und sehnte sich doch immer danach, der Provinz zu entfliehen, am liebsten nach Frankreich. Ein Kosmopolit im Geiste, den die Geschichte beinahe in die Knie zwang: 1924 als Sohn einer ungarischen Jüdin und eines serbischen Vaters in Horgos (Batschka) geboren, kam er als Kind in die multiethnische vojvodinische Hauptstadt, deren Sprachen – Serbisch, Ungarisch, Deutsch – er fließend erlernte. Nachdem die Horthy-Faschisten in Novi Sad im Januar 1942 Tausende von jüdischen und serbischen Zivilisten massakrierten, setzte er sich nach Budapest ab, studierte dort französische Philologie, wurde 1944 zur Zwangsarbeit nach Transsilvanien eingezogen. Nach Auflösung des Lagers stieß er zur jugoslawischen Befreiungsarmee, nach Kriegsende lebte er wieder in Novi Sad – als Journalist und Verlagslektor.

Die Stadt wird zum Labor, in dem der Überlebende die Spuren der Verwüstungen erforscht. Hier schreibt er Gedichte, Erzählungen, Romane und Theaterstücke, hier entsteht jener Kosmos von Versehrten und Verrätern, von Feiglingen und Fanatikern, deren ergreifendste Verkörperungen die innerlich Gespaltenen sind: der jüdische Kapo, das halbjüdische deutsche Lagerflittchen und allen voran der Titelheld Miroslav Blam, der sich sein Überleben, das er der leichtlebigen christlichen Ehefrau verdankt, nicht verzeihen mag. Blams reflektierte Ambivalenz, sein negativer Existenzialismus kennzeichnen Tišma selbst, der in seinem Tagebuch nicht müde wird, sich des Skeptizismus, des Egoismus und der Passivität zu bezichtigen – freilich mit dem Hinweis, dass er als Schriftsteller die Wahl getroffen habe, nicht ein Mensch der Tat, sondern der beschreibenden Beobachtung zu sein.

Es sei ihm gedankt. Denn wie sonst wären wir Zeugen jener grausamen Verstrickungen von Historie, Zufall und Charakter, die seine Bücher ausmachen: die Romane Der Gebrauch des Menschen, Das Buch Blam, Kapo, Treue und Verrat, die Erzählungsbände Schule der Gottlosigkeit, Ohne einen Schrei. Im Grunde hat Tišma sein Leben lang an einem einzigen Buch geschrieben, das um die immergleichen Fragen kreist: Was bestimmt das Verhalten des Menschen in einer ideologiegesteuerten, doch gottlosen Welt? Was sind Recht und Unrecht, Gerechtigkeit und Schicksal? Fragen, auf die es keine Antworten gibt, schon gar nicht moralisierende. So lässt Tišma seine Figuren agieren, zeigt sie als Gefangene ihrer eigenen Triebhaftigkeit.

In der metaphysiklosen Welt des Aleksandar Tišma ist der Körper Stigma und Heil; er ist Ort sexueller Lust und Opfer nazistischen Rassenwahns. Er erleidet jene grausamen Todesarten, die Tišma in seiner herzergreifend-nüchternen Art (in Der Gebrauch des Menschen) aufzählt: Tod in der Gaskammer von Auschwitz, Tod durch einen Holzknüppel im Keller des Sicherheitsdienstes, Tod durch Gewehrschuss, durch Erhängung, durch Tabletten. Und das langsame Dahinsterben des „Fräuleins“, dessen natürlicher Tod in dieser Welt fast anachronistisch wirkt.

Das Insistieren auf dem Körper, seiner Gier und seinem Schmerz gehört für Tišma zur Ethik des Details, zu der allein er sich bekennt. Abgründig die Folterszene in der Erzählung Die Schule der Gottlosigkeit: Ein achtzehnjähriger serbischer Kommunist wird 1944, während eines Gefängnisverhörs, von einem Offizier der ungarischen Besatzungsmacht zu Tode geprügelt, derweil sein eigener Sohn im Sterben liegt. Am Schluss stirbt der Gefolterte und überlebt das Kind, was den Vater zum paradoxen Gebet inspiriert: „Ich danke dir, Gott! Es gibt dich nicht, Gott! Nein, es gibt dich wirklich nicht. Ich danke dir!“

Tišmas physiologisch fundierter psychologischer Fatalismus ist einer der paradoxen Art, der aus Tätern immer auch Opfer und aus Opfern immer auch Täter macht. Nichts geht wirklich auf in einer Welt, wo Untote sich schuldig fühlen, wo Widerstandskämpfer und Kollaborateure gleichermaßen liquidiert werden, wo zwischen Illusion und Destruktion nicht zu unterscheiden und Normalität durch Verrat erkauft ist. Eindeutig und unwiderruflich ist nur der Tod. Und über jeden Zweifel schrecklich die exemplarische Ausrottung des Judentums.

Tišma liefert beklemmende Bilder des Pogroms vom Januar 1942 sowie der Deportation der Juden von Novi Sad im Jahre 1944. Im Buch Blam findet sich jene Stelle, die seine Meisterschaft im Sinne einer literarischen Ethik vielleicht am schönsten zeigt: Während die Deportiertenkolonne vor der Synagoge antritt, stürmen plötzlich Hunde herbei, die ihre Besitzer wiedergefunden hatten. Sie folgen ihren Herren hartnäckig bis zum Bahnhof. „Dann blieben sie allein zwischen den Schienen. Ein Weilchen liefen sie dem Zug nach, dann gaben sie auf, weil sie den vertrauten Geruch nicht mehr witterten. Sie sahen verwundert auf die Felder und Gräben, zwischen die sie geraten waren, kühlten ihre langen, roten, heraushängenden Zungen und trollten sich einer nach dem andern in Richtung Stadt.“

Kaum einer wusste so taktvoll mit Sentiment umzugehen wie Aleksandar Tišma. Die schwierigsten Sujets bewältigte er mit Maß und Präzision, indem er sich wechselnder Standpunkte und Blickwinkel bediente, indem er sich an das Geschehen heranzoomte oder Distanz nahm. Keine, auch nicht die animalische Perspektive war ihm fremd. Nur eines mied er: allwissend zu urteilen.

Er belehrte nicht, er zeigte auf. Schicksale, Zusammenhänge, den unentrinnbaren Druck der Geschichte. Er zeigte es nüchtern, herb, erbarmungslos, ohne den ironischen Lyrismus eines Danilo Kiš, mit dem er ansonsten Sprache und manche Erfahrung teilte. Anders als der empfindsam-rebellische Kiš, der sich – nach Auseinandersetzungen mit der jugoslawischen kommunistischen Kulturbürokratie – nach Frankreich absetzte, harrte Tišma, dem nämliche Bürokraten das Leben erschwerten, in Novi Sad aus. Familie, Schreiben, die obligaten Spaziergänge durch die Stadt, sommers Baden am Donaustrand. Reglementierter Tagesablauf, mit streng verordneten Arbeitsstunden. Kein Bohemeleben, keine romantischen Eskapaden. (Obwohl das Tagebuch Affären andeutet.)

Umso erstaunlicher die Wende: Als in den achtziger Jahren die ersten französischen Übersetzungen erscheinen und 1991 die (von Barbara Antkowiak besorgte) deutsche Übersetzung von Der Gebrauch des Menschen, wird Tišma zur Entdeckung. Wie später Imre Kertész hat auch Aleksandar Tišma seinen europäischen Durchbruch in Deutschland erlebt. Hier scheint die Sensibilität für seine Themen, aus naheliegenden Gründen, besonders groß zu sein. Inzwischen ist er in 29 Sprachen übersetzt, ein Schriftsteller von Weltrang, dem der Nobelpreis ebenfalls gebührt hätte.

Wenn ich ihn in den letzten Jahren nach neuen Projekten fragte, winkte er ab. Es gebe nichts mehr zu schreiben, er habe alles gesagt. Wie er die Tage verbringe? Mit Lesen und Spazieren. Auch wir unterhielten uns meist im Gehen, Tišma strebte mit schnellen Schritten voran, zu seiner Lieblingsbank. Da saßen wir im Schatten einer Kastanie. Er fühlte sich nicht gesund. Die Leber. (Davon handelt eine der letzten Eintragungen seines noch unübersetzten Tagebuchs, das die Jahre 1942 bis 2001 umfasst und in seiner Duplizität von Privat- und Zeitchronik ein bewegendes Zeugnis darstellt: 1200 Seiten Tišma pur, detailversessen, selbstanklägerisch, illusionslos, der Banalität des Bösen und der Lüge auf der Spur. Gelegentlich drang er in mich: Kann man, soll man das Tagebuch auf Deutsch herausbringen? Ich bejahte. Und zwar integral. Er wirkte erleichtert. Seine Frau erzählte von Sohn und Enkelin, monierte nebenbei, dass die Geburt des Sohnes ihrem Mann nicht einmal eine Tagebucheintragung wert gewesen sei. Tišma lächelte und schwieg. Gleichmut oder Gleichgültigkeit? In allem lauert die Ambivalenz.

Beim allerletzten Abschied im vergangenen Mai – er hat mich auf die Straße hinunter begleitet – betrachtete ich seine robuste Erscheinung, vertrauenerweckend, zäh und wie gegerbt von den rauen Lebenswinden. Nächstes Jahr in Novi Sad!

Aleksandar Tišma ist am 16. Februar gestorben. Bleiben die Gänge durch seine imaginäre Stadt, durch den Kontinent seiner schonungslosen, großartigen Werke.

Ilma Rakusa, geboren in der Slowakei als Tochter einer Ungarin und eines Slowenen, Schriftstellerin, Übersetzerin, zuletzt erschien „love after love“ (Suhrkamp 2001)

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