Windungen des Schicksals
Vor 50 Jahren wurde die DNA-Struktur entdeckt, Biologie wurde zur Technik. Nun müssen wir sie beherrschen lernen
Die Biologie des 21. Jahrhunderts begann am 25. April 1953 mit dem gedämpften Paukenschlag des Artikels von James Watson und Francis Crick. Es war eine kurze Notiz, die das Modell der Doppelhelix als Deutung aus Röntgenbeugungsdiagrammen ableitete: die heute so berühmte Wendeltreppe, die zur Ikone der biotechnischen Kultur geworden ist. Selten ist eine Epoche so beiläufig begonnen worden.
In den folgenden Jahren löste der Artikel eine Fülle von Überlegungen aus, wie die Doppelhelix-Struktur Information enthalten und sich dabei immer wieder von Zelle zu Tochterzelle und von den Eltern zu den Nachkommen kopieren könnte. Das Jahrzehnt solcher esoterischer Spekulation endete mit der Aufklärung des genetischen Codes Anfang der sechziger Jahre. Nunmehr lag der Beweis für einen Sachverhalt vor, den früher auch die abenteuerlichsten Fantasien nicht vorhergesehen hatten: Die grundlegende Information, durch die Leben sich erhält und entwickelt, ist seit Milliarden Jahren als buchstabencodierter Text „niedergeschrieben“, nicht mit symbolischen Zeichen aus Druckerschwärze auf Papier, sondern als Abfolge von vier chemischen Molekülen im Treppengerüst der Helix-Wendeltreppe. Mit deren Anfangsbuchstaben A, C, G und T ist der genetische Text des Menschen und zahlreicher anderer Arten als Datenbank in Cambridge (Großbritannien) und in Washington niedergelegt und kann so von jedem abgerufen werden.
Als abstrakte Erkenntnis war all das höchst bemerkenswert: Die Natur, die noch bei Goethe ihr Wissen um die Prinzipien in verborgenen Urformen und in Tausenden von Ausprägungen sinnlich erfahrbar vorwies, hatte nunmehr die Halbbrille auf der Nase und arbeitete sich, wenn sie das Geheimnis der Erneuerung der lebendigen Materie vollzog, durch einen drögen Buchstabensalat, eine Art überlanges Lochband von einigen Milliarden Elementen. Für Schöngeister und Naturfreunde war dieses neue Wissen keine weltanschauliche Kränkung (wie ein Jahrhundert zuvor die Theorie von Darwin), sondern eine bürokratische, die kein Federfuchser sich hätte penibler ausdenken können.
Aber auch der weniger beschaulich veranlagte Mensch ist heute betroffen. Als die Umwälzung der Biologie nur in den Köpfen der Theoretiker stattfand, konnte man alles noch als Grille der physikochemischen Forschung abtun. Aber es blieb nicht dabei. Das Genom wurde schnell ablesbar, manipulierbar, technisch konstruierbar, zunächst bei Mikroorganismen, dann auch bei Pflanze, Tier und schließlich beim Menschen. Es waren brillante Erfindungen, die es ermöglichten, dass man heute das Genom lebender Organismen wie mit einem Textverarbeitungsprogramm bearbeiten kann: Textbausteine aufsuchen und identifizieren, kopieren, löschen, korrigieren, entwerfen und optimieren. Genauer gesagt, es waren Erfindungen nicht des Menschen, sondern von Bakterien: Nahezu alle Gentechnologie beruht nämlich heute auf biochemischen Werkzeugen, die von diesen winzigen Zauberern der Überlebenskunst erfunden und vom Menschen lediglich in einer Art geistigen Diebstahls fürs Labor adaptiert wurden.
Es wird oft bestritten, dass die Epoche der Doppelhelix grundstürzend Neues bringe. Die Natur wurde vor zehntausend Jahren durch die Zähmung des Feuers und die Kultivierung von Pflanzen in den Dienst genommen, so hört man. Und das Genom etwa von Nutztieren haben wir seit langem durch Züchtung und Auslese ebenso grundlegend manipuliert, wie es Gendesign zu ermöglichen scheint. Und welcher Eingriff in unsere eigene Natur könnte fundamentaler sein als eine Herz- oder Lebertransplantation, als der Einsatz eines mechanischen Hüftkopfes, eines elektrischen Herzschrittmachers oder die Injektion eines arteigenen Hormons wie Insulin, Testosteron oder Erythropoetin?
Die neue Umwälzung greift jedoch tiefer. Alle bisherige Biotechnik war für uns Menschen äußerlich. Sie zielte auf die umgebende Natur, machte sie zum Objekt, und wo sie sich den Menschen selbst zum Objekt nahm, tat sie es ebenfalls von außen – es war Manipulation des fertigen Körpers, nicht die seines Inbegriffs, was Chirurgen und Kosmetikerinnen ersannen. Gerade dies ist jedoch die zwar bislang noch durch Unfertigkeit begrenzte, aber doch visionär absehbare Neuheit: Mit der Verschriftung und Inbesitznahme des innersten Grundbestandes an Information, den die lebende Natur zur Regeneration ihrer selbst einsetzt, wird auch ein entweder schöpferischer oder aber gepfuschter Entwurf des Menschen selbst möglich. Und er wird stattfinden, so sehr wir uns auch gegen die Entwicklung sträuben und sie in vertraute Bahnen lenken wollten. Jede Eingrenzung, jedes Verbot wird nur kurzfristig wirken. Und wer heute den Blick 50 Jahre zurück ins Büro der beiden überspannten Jungforscher Watson und Crick lenkt, der muss auch 50 Jahre voraussehen und kann sich dabei keinen Illusionen hingeben.
Die Ablesung des menschlichen Genoms wurde im Jahr 2000, fast ein halbes Jahrhundert später, auf einer Pressekonferenz bekannt gegeben, auf der die Projektleiter Francis Collins und Craig Venter zuammen mit James Watson und den beiden Staatslenkern Clinton und Blair auftraten. Die Redner sparten nicht mit übertriebenen Stilelementen, vom „Buch des menschlichen Lebens“, von „Gottes heiligster Gabe“, von der „Sprache, in der Gott das Leben schuf“, war die Rede.
- Datum 20.02.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 20.02.2003 Nr.9
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