Windungen des SchicksalsSeite 3/3
Auch ohne mich in Einzelheiten gut auszukennen, meine ich, dass dieses schonende Vorgehen auch bei der grünen Gentechnik (also der mit Pflanzen) angebracht ist. Es liegt in der Natur der Sache, dass man es auf dem Acker schwer hat, jeder Pflanze die genaue Dosis eines fein abgestimmten Wirkstoffes zukommen zu lassen, als sei sie ein menschlicher Patient. Mit Doktor Eisenbarts Methoden allerdings hat man hier bisher so ziemlich alles falsch gemacht. Es wurden Genkonstruktionen gesucht und gefunden, deren Potenzial vor allem in der Sicherung der ökonomischen Rendite bestand, als Idealtyp die nie verrottende Tomate, die nach unreifer Gurke schmeckt, oder die Maispflanze, die als einzige auf einem Round-up-Totenacker überlebt. Diese Produkte wollte man in den Markt drücken, möglichst ohne dem Verbraucher irgendetwas zu sagen – allenfalls ein paar nichtssagende Hochglanzbroschüren auswerfen, das würde schon reichen.
Diese Strategie ist gründlich fehlgeschlagen, und zwar in Europa, mit starker politischer Rückwirkung in die USA, was ein sehr schönes Modell dafür ist, dass wir nicht alles resignierend hinnehmen müssen, was von dort kommt. Die grüne Gentechnologie ist heute gut beraten, ihr ramponiertes Ansehen dadurch aufzubessern, dass sie endlich einmal zu annehmbaren Preisen ein Produkt anbietet, das den Verbrauchern in einem ressourcenarmen Land hilft oder bei uns von nebenwirkungsfreiem gesundheitlichen Nutzen ist.
Ich war ein junger Oberschüler, als ein begeisterter Lehrer mir das Watson-Crick-Modell als Wunderwerk der Natur erklärte. Heute, nach 50 Jahren, sieht mich die Wendeltreppe als immergleiche Ikone einer neuen Kultur, als viel benutztes Banner fortschrittlicher Gesinnung an. Es ist ganz offen, wohin wir unter dieser Flagge segeln; jeder Tag bringt neue Entdeckungen, auch neue Besorgnisse. Aber ein Teufelsmal ist die Doppelhelix ganz gewiss nicht.
Der Berliner Bioinformatiker Jens Reich ist Mitglied des Nationalen Ethikrats
- Datum 20.02.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 20.02.2003 Nr.9
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