Nordirak Warten auf den Krieg, auf das Gas
Im Nordirak sammelt sich die Opposition gegen Bagdad. Mitentscheiden darf sie nicht
Halabdscha/Suleimanija
Wie kam es, dass Rohosch Araf das Giftgasmassaker an den Kurden von Halabdscha überlebte? Es war der Morgen des 16. März 1988. In den Tagen zuvor hatte die irakische Armee die Stadt Tag und Nacht mit Raketen beschossen und mit Napalm bombardiert. Rohosch Araf war 20 Jahre alt und im neunten Monat schwanger. In der Nacht war sie mit 24 ihrer Nachbarn in eine Höhle oberhalb der Stadt geflohen. Am folgenden Morgen hatte sie aus der Höhle heraus eine gute Sicht über Halabdscha.
Es war ein klarer Frühlingstag, der Himmel leuchtete blau, und das Gas war gut zu sehen: gelbliche Nebelschwaden aus Senfgas, Sarin und dem Kampfstoff VX waberten durch die Straßen Halabdschas. Man konnte es riechen. „Äpfel und Zwiebeln“, sagt Rohosch, „so hat der Tod gerochen.“ Und man konnte es hören. Lange, sehr lange habe es gedauert, bis das Röcheln verstummt sei und das Wimmern aufgehört habe.
Etwa 5000 Menschen starben an diesem Frühlingstag vor 15 Jahren in Halabdscha, als Saddam Hussein beschlossen hatte, die Kurden seines Landes mit Gas zu bestrafen, weil er sie der Kollaboration mit dem Iran verdächtigte. „Und deshalb“, sagt Rohosch, „will ich diesen Krieg der Amerikaner, auch wenn ich wüsste, dass Saddam wieder sein Gas gegen uns einsetzen wird.“
Von ihrem Wohnzimmer aus hat man einen guten Blick auf das Straßengeflecht der Stadt im Südosten des irakischen Kurdistan. Steht der Wind gut, dann hört man hier die Explosionen der Granaten, die aus der Gegend um Bijara, dem Herrschaftsgebiet der mit Saddam Hussein verbündeten islamistischen Ansar al-Islam heraus gegen die kurdischen Stellungen geschossen werden. Hier hat der Krieg längst begonnen, über den im Westen noch heftig gestritten wird. Augenzeugen in Halabdscha und aus den Dörfern nahe der Frontlinie berichten von nächtlichen Waffenkonvois, die von Süden, aus Saddamistan kommend, die Grenze zum autonomen Kurdengebiet überqueren.
Halabdscha wirkt an diesen Samstag wie tot. Die Menschen hocken vor den Fernsehern. Kurd Sat, BBC World, CNN, iranische, türkische Sender, al-Dschasira – die Leute zappen hin und her, um zu erfahren, wie draußen in der Welt über sie entschieden wird. Doch ihre wichtigste Frage wird nicht beantwortet: Wird Saddam wieder sein Gas schicken?
Seit einer Stunde sitzt Rohosch wie erstarrt vor dem Fernseher, und ihre ganze Gestalt drückt nichts als Verachtung aus. Auf al-Dschasira werden in endlosen Wiederholungen die immer gleichen Bildsequenzen gezeigt: Sydney, Tokyo, London, Berlin, Rom, San Francisco – rund um den Globus demonstrieren an diesem Samstag mehr als zehn Millionen Menschen für den Frieden. Rohosch Araf schaut und staunt. „Was wissen die da schon vom Sterben im Krieg?“, fragt sie. „Wo waren all diese guten Menschen, als das Gas nach Halabdscha kam, euer deutsches Gas, an dem die Frauen starben, die Kinder?“ Kleine Kinder seien beim Sterben wie junge Tiere, sagt sie, sie suchten instinktiv auf allen Vieren die Nähe ihrer Mütter. Damals, als Saddams Gas nach Halabdscha gekommen sei. „Ich habe 1988 keinen von diesen Demonstranten auf euren Straßen im Westen gesehen, keinen einzigen. Wie die Menschen im Irak leben, wie wir sterben, das hat euch doch noch nie interessiert.“
„Wir sind nur Statisten der USA“
Immerhin, im Windschatten der UN-Sanktionen und unter dem Schutz britischer und amerikanischer Kampfflugzeuge haben die Kurden im Nordirak viel gewonnen: Pressefreiheit, das Recht auf freie Meinungsäußerung, einen gewissen Wohlstand und eine politische Autonomie, die faktisch einer kurdischen Unabhängigkeit gleichkommt. Ein Krieg könnte all das schnell beenden, denn die irakische Opposition, die nach dem Willen der USA möglichst bald die Macht im Irak übernehmen soll, ist tief zerstritten. Ob sich die Anhänger eines autonomen Kurdistan letztlich durchsetzen werden, ist zumindest fraglich. Vorerst dient Kurdistan als Aufmarschgebiet der versammelten irakischen Opposition. Ob säkular oder radikal fundamentalistisch, national oder kommunistisch, die meisten der über 70 Oppositionsgruppen haben sich im Palace Hotel der Provinzhauptstadt Suleimanija einquartiert. Herren im Ajatollah-Gewand, andere im Maß- und wieder andere im Kampfanzug sitzen in der Lobby des Hotels, konferieren in Hinterzimmern – und warten.
Als Papiertiger sind sie bezeichnet worden, als Gucci-Kämpfer, Umstürzler in Nadelstreifen, und ihnen allen ist bewusst, dass über ihre Politik in Washington, im Streit zwischen Pentagon und State Department, entschieden wird. „Wir sind hier nur Statisten für die U. S. Army“, sagt Abu Abdullah Jaffery, der Vertreter der irakischen Hisbollah, einer radikalen schiitischen Oppositionsgruppe, die als eine der wenigen im Irak aktiv ist. „In Washington wird das Spiel zwischen Rumsfeld und Powell entschieden. Was immer wir beschließen, kann am Tag danach schon Geschichte sein.“
Am 20. Februar soll die lang geplante, immer wieder verschobene erste Tagung der Exil-Opposition auf irakischem Territorium stattfinden, bei der ein eigenes Konzept für die Zeit nach Saddam erarbeitet werden soll. Doch das Hickhack um den richtigen Zeitpunkt führt den Exilpolitikern vor allem ihre Machtlosigkeit vor Augen. Mal wurde das Treffen aus Sicherheitsgründen abgesagt, mal aus Rücksicht auf die Pilger-Saison, mal hatten anreisende Exilpolitiker Visa-Probleme. Aber die wahren Gründe liegen woanders. „Solange die Amerikaner sich noch nicht endgültig für ein Konzept entschieden haben, so lange gibt es keine Konferenz“, sagt Hisbollah-Mann Jaffery, der sehr eloquent über Demokratie und Frauenemanzipation zu dozieren weiß. „Wenn Washington seine wahren Ziele bekannt gibt, dann dürfen wir konferieren und zustimmen.“
Wie Recht der Mann hat, erfahren die irakischen Oppositionspolitiker tags darauf. Im US-Kongress hat Colin Powell von einer funktionierenden Bürokratie gesprochen, die der Irak schon habe und auf die sich eine künftige US-amerikanische Militärregierung stützen könne. Das löst im Palace Hotel in Suleimanija eine mittlere Revolution aus. Offenbar soll im Nachkriegsirak, so wird Powell hier verstanden, die Baath-Partei von Saddam Hussein weiter eine tragende Rolle spielen. Demnach hätten die Amerikaner dem Druck Saudi-Arabiens und der Türkei nachgegeben, die beide gegen einen föderalen Irak sind, in dem Kurden oder Schiiten Macht und Öl verwalten.
In nächtlicher Runde lässt Kanan Makiya, Brandeis-Professor in Amerika und Berater der irakischen Opposition, seinem Ärger freien Lauf. Ein „unvorstellbares Desaster“ und „fürchterlich dumm“, sei das, was er da aus Washington höre. „Dieser Plan ist mehr als nur bizarr. Das würde einen Baathismus mit amerikanischem Gesicht bedeuten.“ Der Irak brauche aber eine Entbaathifizierung, vergleichbar der Entnazifizierung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Alternative sei unangenehm, meint Makiya. Dann könne „die irakische Opposition einen Tag nach der Befreiung antiamerikanisch werden“.
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- Quelle (c) DIE ZEIT 09/2003
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