Pjöngjang

Für unsere Urgroßväter war Korea das "Land der Morgenstille". Briten und Amerikaner nannten es mit Vorliebe das hermit kingdom, das Einsiedler-Königreich, luftdicht abgeschlossen von der Außenwelt. Heute ist es mit beidem, der Morgenstille wie der hermetischen Verschlossenheit, nicht mehr weit her.

Um fünf Uhr in der Frühe bricht ein höllischer Lärm los. Martialische Musik flutet durch die Straßen, eine Mischung aus Tannhäuser, Peking-Oper und Aerobic-Beat. Kaum ist man wieder eingeschlafen, heulen um sieben Uhr die Luftschutzsirenen auf, übungshalber – oder um das Volk auf den Ernstfall einzustimmen. Um Viertel vor acht schreckt einen dann ein Lautsprecher endgültig hoch, der in ohrenbetäubender Lautstärke antiamerikanische Parolen in die Straßenschluchten der grauen Hauptstadt der Demokratischen Volksrepublik Korea hinausplärrt. Nicht anders geht es in den Provinzstädten zu.

Der Westler kommt sich vor, als wäre er im Zeitsprung in den alten Ostblock zurückversetzt. Öde Plätze, armselig bestückte Läden, der Autoverkehr ein Rinnsal, selbst Fahrräder sind hier eine Seltenheit. Aber überall prangen großflächige Propagandaplakate, gigantische Bronzestatuen des "Großen Führers", Transparente und Steintafeln mit seinen Weisungen, Fotowände mit den Konterfeis von Vater Kim und seinem Sohn Kim Jong Il, dem "geliebten Führer", auch "jetziger Führer" oder "der General" genannt.

Die Menschen, darbend, frierend, sind ein Schatten ihrer selbst

Das Volk? Es huscht grau in grau durch die Städte und Dörfer, die Menschen ein Schatten ihrer selbst, darbend, frierend, leidend unter den ewigen Stromsperren, sich aufreibend im täglichen Improvisationskampf, ständig auf Achse, um das Notwendigste zu beschaffen, zu tauschen oder auf dürftigen Bauernmärkten zu ergattern – "organisieren" hieß dies im Deutschland der ersten Nachkriegsjahre. Wobei "auf Achse" der ganz falsche Ausdruck ist.

In den Städten tuckern Busse aus den sechziger Jahren, in der Hauptstadt Pjöngjang fährt heute die alte Leipziger Straßenbahn. Draußen im Lande sind die wenigen Eisenbahnen überfüllt, manchmal sitzen die Leute im Eiswind auf den Wagondächern; dauernd bleiben die Züge mitten auf der Strecke stehen. So schlägt man sich in den Provinzen per Anhalter durch, drängt und zwängt sich auf die Ladeflächen der klapprigen, mit Holzgas betriebenen Laster oder auf die Traktoren-Anhänger. Doch die meisten Menschen müssen zu Fuß gehen. Im Gänsemarsch ziehen sie endlose Strecken, Kilometer um Kilometer, über Autobahnen und Landstraßen, über die zugefrorenen Flüsse – ein Volk in Bewegung. Freilich nur in seiner Wanderschaft zur Erfüllung der täglichen Bedürfnisse. Sonst bewegt sich nichts. Alles stagniert. "Wir können weder die selbstständige Basis der nationalen Wirtschaft festigen, noch unser Land in einen modernen Industrie-Agrar-Staat verwandeln, solange die technische Rückständigkeit unserer Volkswirtschaft nicht überwunden ist", predigte einst Kim Il Sung. "Die Technik benötigen wir überall. Fehlt uns die neue Technik, dann können wir unsere Volkswirtschaft nicht voranbringen." Der Große Führer sprach diese Worte – die bis heute gedruckt im Wartesaal des Flughafens ausliegen – auf dem Republiktreffen der jungen Erbauer des Sozialismus am 19. März 1958. Es waren prophetische Worte.