Österreich Nach Namlos
Biwaken ist die Freiheit zu sagen: Hier ist es schön, hier bleibe ich. Ein Schlafsack, zwei Kerzenstummel und die richtigen Skier – eine Wanderung durch die verschneite Bergwelt Tirols
Das gewisse Kribbeln im Bauch gehört dazu bei dieser Art Ausflug. Zum ersten Mal kribbelt es schon daheim auf dem Dachboden, als ich das Zeug für den Rucksack zusammensuche. Eine verschärfte Form des Reisefiebers, wahrscheinlich; verschärft, weil dies und jenes zweifelhaft ist. Wo werde ich schlafen heute Nacht? Wird’s auf mich draufschneien? Werde ich trockenes Holz finden? Werde ich es gemütlich haben im Schnee?
Das Zelt lasse ich jedenfalls hier. Dreieinhalb Kilo schwer, und nicht nötig. Das Wetter soll schön bleiben in den nächsten Tagen, und falls es umschlägt, kehre ich um. Oder beziehe diskret einen Heustadel. Brauche ich den Kocher? Ach was. Wozu den Kocher, wenn ich Feuer mache. Die Stirnlampe? Bleibt auch da. Elektrisches Licht verträgt sich nicht mit Feuerschein. Zwei Kerzenstummel nehme ich mit. Vielleicht bin ich etwas Alte Schule in diesen Dingen. Der Schlafsack – oh ja! 1250 Gramm Daunen, 20 Jahre alt, hat mich in den Bergen schon bei minus 30 Grad warm gehalten. Die Isomatte, der Biwaksack, das rußige kleine Kochgeschirr. Das stabile, fest stehende Messer. Die Felle, die Harscheisen. Für drei Tage zu essen, und natürlich das nötige Gewand. Letzteres ist nicht wenig. 18 Kilo bringt der Rucksack auf die Badezimmerwaage. Meine alten, durchgetretenen Tourenski lade ich nur als Reserve ins Auto: In Berwang, wo ich Olaf treffen werde und wo wir heute Nachmittag losgehen wollen, sind Back Country Ski für mich reserviert, die Neuheit der Saison für Spaziergänge wie diesen.
Berwang liegt grob gesagt zwischen Garmisch-Partenkirchen und Reutte in Tirol; bald hinter Lermoos zweigt in Bichlbach die Straße zu dem 1363 Meter hoch gelegenen Skidorf ab. Meine Idee ist, von Berwang südwestlich nach Namlos zu gehen. In dem versteckten, wunderschönen, früher sehr armen Bergbauerndörfchen mit dem seltsam attraktiven Un-Namen bin ich aufgewachsen; deshalb zieht es mich immer wieder dorthin. Auf der Straße sind es von Berwang nach Namlos bloß elf Kilometer, aber das heißt nichts: Ich will über die Berge.
In Berwang wimmelt es erst einmal von Menschen und Autos. Der Ort ist groß geworden. Ein Dutzend Skilifte, fast 50 Hotels und Pensionen. Berwang ist bekannt für relativ einfache, sonnige Pisten, dementsprechend kommen viele Familien hierher. Man hört Holländisch und Englisch.
Die Back Country Ski warten im Skiverleih Sport-Alm an der Hauptstraße auf mich. Ich freue mich drauf, mal was Neues auszuprobieren. Wenn Skifahren im Gelände damit so viel leichter wird wie Pistenfahren es mit Carving Ski wurde, dann verschrotte ich gern meine historischen Hochtourenschwarten. Nur leider: Meine Stiefel Größe 48 passen partout nicht in die Bindung. »Ums Ablecken nicht«, wie der Servicemann freundlich grinsend sagt.
Die gleiche Situation bei Sport Klotz. Man gibt sich Mühe, probiert alle Ski durch, aber nichts zu machen. »Es gäb schon XL-Leihskibindungen, die groß genug einzustellen wären«, sagt Herr Klotz, »bloß die haben wir halt nicht.« Er ist ganz geknickt deswegen und ruft – dass es solch Anteilnahme noch gibt im touristischen Massenbetrieb – seinen Vater an, der im Nachbardorf Rinnen ein kleines Sportgeschäft betreibt: Vaters private Tourenski könnten passen. Tun sie aber nicht, auch Klotz senior bedauert. Also gut, ich nehme meine alten Latten. Es ist vier Uhr vorbei, wir sollten los. Vater Klotz, Typ sportlicher Gebirgler, wundert sich kein bisschen über unser Vorhaben. »Nach Namlos? Geht’s am besten übers Kelmer Jöchle. Da«, zeigt er auf der Karte, »da wär’s schön zum Biwakieren, wenn ihr heut noch so weit gehen wollt. Da hättet’s morgen sogar a Aussicht.« Lawinengefahr, Herr Klotz? Zur Zeit minimal. Um halb fünf, bei einsetzender Dämmerung, auf einem kleinen, nicht geräumten Parkplatz im verschneiten Wald am Rotlech unterhalb von Rinnen, schultern Olaf und ich die Rucksäcke.
Olaf, der ist auch so einer. Skifahren auf der Piste war ihm langweilig geworden, da hat er Snowboarden gelernt. Snowboarden auf der Piste war auch bald Routine, da entdeckte er Schneeschuhe für sich, und jetzt hat er seine alpine Wintervariante gefunden: aufwärts mit Schneeschuhen, abwärts auf dem Board. Irgendwo im Gelände. Gern mit Übernachtung dortselbst. Insofern passen wir zusammen.
War das nicht ein Indianertrick, nasse Steine im Feuer explodieren zu lassen?
Wir steigen in einem dunkler werdenden Bachgrund entlang von Skispuren aufwärts, und wenn wir dachten, um diese Zeit sind bestimmt nur noch wir antizyklischen Eigenbrötler unterwegs, dann haben wir uns getäuscht. Von oben schwingen zwei junge Frauen durch den Wald herunter, spätes Ende ihrer Tagestour aufs Galtjoch. Und dann überholt uns doch tatsächlich von unten her ein Paar auf Ski, mit Fellen, die Stirnlampen schon umgeschnallt: Sie wollen zur Reuttener Hütte, für deren Winterraum sie den Schlüssel haben. Auch nicht schlecht. Ihre Rucksäcke sehen leicht aus.
18 Kilo auf dem Buckel können verdammt schwer werden, wenn man im Gebirge schnell sein will. Wenn man eine Zeit einhalten, die Hütte oder das Tal erreichen muss. Kommt es aber aufs Tempo nicht an, sind um die 20 Kilo (und mehr müssen es auch bei wochenlangen Biwaktouren nicht sein) für mein Empfinden gut zu verkraften. Mir ist Zeitdruck unangenehmer als Druck auf den Schultern. Die Mühe des Tragens wird durch etwas Kostbares belohnt – Unabhängigkeit. Die Freiheit, jederzeit zu sagen: Hier bleibe ich für heute. Weil’s schön ist, weil ich müde bin, oder beides.
Olaf und ich nehmen uns die Freiheit nach einer Stunde Aufstieg. Wir haben eine Lichtung rechts über dem Bachtal erreicht, an einem Südhang mit schneefreien Stellen am Waldrand – besser geht es nicht. Dürres Holz offerieren, verlässlich wie immer, die Fichten. Binnen einer Viertelstunde flackert schon das Feuer, und Schnee beginnt im Topf zu schmelzen. Nach einer Stunde haben wir unsere Schlaflager hergerichtet, eins links vom Feuer, eins rechts davon, nach einer Stunde gibt es Tee. Nach eineinhalb Stunden Nudeln, was sonst. Nudeln mit Wurst, mit Käse, mit je einer rohen Karotte. Tee, Schokolade, Tee, der immer rauchiger schmeckt. Eine Pfeife. Der Mondaufgang. Die Silhouette der Gipfel und Grate. Sterne über, glitzernde Schneekristalle um uns, Friede, Stille, warme Füße – und plötzlich ein erschreckender Knall. Herumfliegende Splitter. Noch ein Knall, peitschend, es reißt uns aus den Schlafsäcken: Im Kreis um die Feuerstelle ist ein Stein explodiert. Nur halb amüsiert befördern wir mit Ästen alle Steine in den Schnee, wo sie noch lange zischen, und wieder im Schlafsack stellt Olaf physikalisch-geologische Überlegungen an, während ich an Jugendlektüre denke: War das nicht ein Indianertrick, nasse Steine im Feuer der Feinde explodieren zu lassen? Lederstrumpf, der Waldläufer… Als ich aufwache, ist es fast acht Uhr morgens. Gut geschlafen.
Heute gehen wir aufs Kelmer Jöchle. Nach längerem Anstieg durch den Wald öffnet sich das Tal über der Baumgrenze zu einem weiten, weißen Hufeisen. Laut Karte heißt es Steinkar, gewiss treffend im Sommer. Die Gipfel drum herum, Galtjoch, Steinkarspitze, Knittelkar- und Kelmer Spitze, liegen einladend in der Sonne, hier und dort haben Skifahrer hübsche Zopfmuster in die Hänge geflochten. Mein Problem ist heute: Die Klebefelle wollen auf den Skisohlen nicht halten. Kleber habe ich dabei, aber frisch aufgetragen muss der zehn Stunden trocknen, ehe die Felle benutzt werden können.
Nachts kaltes Kitzeln im Gesicht. Es beginnt zu schneien
Zum Glück ist der Schnee bis hinauf zum Jöchle so fest, dass ich die Ski in den Rucksack stecken und mit Stiefeln steigen kann, ohne allzu sehr einzubrechen. Wäre tiefer Neuschnee, würde ich wohl umkehren. Meine Regel bei solchen Winterwanderungen, zumal ich sie meist allein unternehme: Nichts allzu fest vornehmen, sich anpassen. Den Weg und ein schönes Biwak als Ziel nehmen, nicht so sehr den spektakulären Gipfel, die stiebende Abfahrt. Dann kann, beruhige ich mich gern, eigentlich nichts passieren. Bei Lawinengefahr bleibe ich im Wald. Bei Schneemangel trage ich die Ski. Bei Schlechtwetter verkrieche ich mich im Gehölz, oder, wie gesagt, Heustadel findet der Diskrete überall… So oder so macht es Freude, die Berge sind gastlich, auch ohne die offiziellen Hütten. Ich bin auf die Weise von München schon bis auf den Montblanc gewandert.
Auf dem Jöchle öffnet sich der Blick weit nach Süden in die Lechtaler Alpen. Heiterwand, Wetterspitz, Muttekopf, Loreakopf – dahinter liegen schon Imst und das Inntal. Direkt unter uns aber: Namlos. Olaf hat Termine und muss leider jetzt zurück. Ich schaue ihm nach, wie er fesch ins Steinkar hinunterschwingt. Knapp unterm Jöchle, bei den ersten Latschen und Wetterfichten, suche ich bald einen guten Platz. Feuer, Schnee schmelzen, Kochen, Felle frisch bekleben. Träumen vor der Glut. Nachts kaltes Kitzeln im Gesicht: Es fängt zu schneien an. Also den Biwaksack über den Kopf gezogen und weiter geschlafen. Morgens um sieben liegt Schnee zwei Finger hoch auf dem Goretex-Sack, aber darunter bin ich warm und trocken geblieben. Ich werde nicht wie geplant aufs Galtjoch spuren, der Neuschnee auf den baumlosen Hängen ist mir zu riskant. Stattdessen fahre ich gleich ab, durch den Wald hinunter zum Dörfchen Kelmen und von dort – Überraschung! – auf einer richtigen kleinen Loipe nach Namlos. Die Sonne kommt heraus. Schneehauben auf jedem Zaunpfosten, jedem Dach, auf dem Zwiebelturm des gedrungenen Kircherls. Namlos – ein Wintermärchen. Mit 65 Einwohnern. Im Gasthof Kreuz bin ich der einzige Gast. Die Stube ist neu vertäfelt, aber schlicht und schön geblieben, der Topfenstrudel selbst gemacht. Der Wirt erzählt von den Stammgästen, die gern zum Tourenskifahren herkommen, und von meinem Vater.
Am Abend, wieder zu Hause, sagt die erste Person, die mir nahe genug kommt: »Du riechst wie Geräuchert’s.« Ich nehme das als zärtliches Kompliment.
Information
Anreise:
Nach Berwang mit dem Auto entweder über Garmisch-Partenkirchen, Lermoos oder über Füssen, Reutte jeweils bis Bichlbach, von dort vier Kilometer auf steiler, aber gut geräumter Straße in südwestlicher Richtung. Bichlbach ist auch Bahnstation: Zugverbindungen ebenfalls via Garmisch-Partenkirchen oder Füssen
Skiverleih:
Back Country Ski oder Tourenski inklusive Fellen und Teleskopstöcken bei Sport Klotz in Berwang (Tel. 0043-5674/8144) oder Sport-Alm (Tel. 7303). Kosten etwa 25 Euro pro Tag
Unterkunft in Namlos:
Alpengasthof Kreuz
(Tel. und Fax 0043-5674/8256, E-Mail:
gasthofkreuz@gmx.at
), Zimmer mit Frühstück 17,50 Euro, Halbpension 25,50 Euro
Namloser Hof
(Tel. 8153), Zimmer mit Frühstück ab 22 Euro
Information:
Tourismusverband A-6622 Berwang, Tel. 0043-5674/8268, Fax 8436
Internet:
www.berwang.at
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Günstige Wochenskipauschalen ab 16. März: 7 Übernachtungen mit Frühstück ab 275, mit Halbpension ab 357 Euro, jeweils inklusive Skipass für 6 Tage und über 100 Lifte einschließlich Zugspitze
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- Quelle (c) DIE ZEIT 09/2003
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