Vorab eine Grundsatzerklärung: "Aufgrund der Verdächtigungen Dritter, die sich ohne Beweise in der Öffentlichkeit profilieren wollen und dabei billigend in Kauf nehmen, das Ansehen der Bundesliga zu beschädigen, behalten sich DFL und Ligaverband geeignete rechtliche Schritte vor." Die DFL hat diese Erklärung dieser Tage ungebeten abgegeben. DFL, das steht für Deutsche Fußballliga, für jene Tochter des Deutschen Fußball-Bundes, die sich in aller Bedeutungsschwere mit den Belangen der Bundesliga beschäftigt. Dieser Tage hat sie zum Beispiel einen leuchtend roten Ordner verschickt, den sie "LogoStyleguide" genannt hat. Der LogoStyleguide regelt nun nicht direkt die Belange der Bundesliga, wohl aber die des Logos der Bundesliga, des Emblems also, das immer dann über die Bildschirme flackert, wenn in der Bundesliga Fußball gespielt wird und das Fernsehen darüber berichtet. Das Logo sieht eigentlich aus wie ein Hürdenläufer vor Sonnenuntergang, aber das ist vielleicht eine etwas zu despektierliche Betrachtung, wo doch die im Logo eingesetzte Schrift Eurostile Bold heißt und vom Schriftenguru Aldo Novarese entworfen wurde, was eigens erwähnt wird. Despektierlichkeit gegenüber dem Logo ist vielleicht auch deshalb fehl am Platz, weil die Regeln im Umgang mit dem Logo gestreng und somit "ein Nachsetzen oder Verändern der Wortmarke ›Bundesliga‹" nicht gestattet ist. So steht’s im LogoStyleguide, und, Gott, so reden sie eben bei der DFL: enorm wichtig und furchtbar bedeutungsschwer. Und das aus gutem Grund, denn "der Betrachter soll die Marke kennen lernen und mit positiven Emotionen und Erlebnissen verbinden". So steht es auch im Styleguide.

Das Finanzchaos stört die schöne Imagekampagne

Positiv sollen also die Emotionen sein. Gänzlich unpassend im Sinne des DFL-Bildes der Liga ist es daher, die Marke Bundesliga in Zusammenhang zu bringen mit unappetitlichen Dingen wie Steuerhinterziehung, verdeckten Lohnzahlungen und so genannten Persönlichkeitsrechte-Abtretungsagenturen. Das gibt es nämlich alles gar nicht in der Bundesliga, findet die DFL, und wenn, dann betrifft es höchstens den 1. FC Kaiserslautern, und den, ach was, den eigentlich auch nicht. Das jedenfalls hat unlängst noch einmal Jürgen Friedrich im ZDF-Sportstudio bestätigt, der ehemalige Vereinsboss des FCK. Jürgen Friedrich wird Atze gerufen, führt in der Pfälzer Innenstadt eine offenbar nicht richtig florierende Herren-Butike, kennt sich also aus in Geschäftsführung und Steuerdickichten. Es sei doch ganz normal, erläuterte Friedrich, dass Spielern wie den früheren Kaiserslauterner Profis Taribo West oder Youri Djorkaeff ein bisschen zu versteuerndes Geld als Gehalt bezahlt wird und ein bisschen mehr noch nicht zu versteuerndes Geld an eine Agentur. Diese Agentur nun hat die "Persönlichkeitsrechte" der Spieler inne und wird jenen dieses Geld dann zu einem späteren Zeitpunkt häppchenweise auszahlen. Sagt Friedrich. Klingt fast ein wenig nach Riester-Rente. Dann werden, sagt Friedrich, die Spieler das Geld natürlich korrekt bei der Steuer anmelden. Wo also ist das Problem? Friedrich sieht keines, der Verein aber hat eines. Expräsident Friedrich hält jedenfalls die eingeleiteten Ermittlungen der Finanzbehörde in Kaiserslautern für völlig überflüssig und somit die Forderung von 12,9 Millionen Euro Steuernachzahlung für komplett gegenstandslos. Diese Forderung wird erhoben, weil man hinter den Transfers an die Rechtefirma verdeckte Gehaltszahlungen vermutet. Fachleute wiederum vermuten, dass derlei Praktiken auch anderenorts üblich seien. Für die DFL ist dies nur der Versuch Dritter, sich zu profilieren und dabei billigend in Kauf zu nehmen, das Ansehen der Bundesliga zu beschädigen.

Dritte, wer könnte damit gemeint sein? Dieter Ondracek zum Beispiel, der Vorsitzende der Steuergewerkschaft, der diese Praxis für eine gängige hält. Vermutlich sind auch die Steuerfahnder der Oberfinanzdirektion Münster gemeint, die schon vor einigen Jahren auf die Missstände aufmerksam machten. Fairerweise muss erwähnt werden, dass die Beamten des Finanzamtes Herne nicht gemeint sein können, weil deren Ermittlungen die These der DFL stützten: "Nach unseren Erfahrungen aus Betriebsprüfungen kann man davon ausgehen, dass die Steuerehrlichkeit der Bundesliga-Clubs vergleichbar mit den übrigen Wirtschaftsbranchen ist. Verschärfte wirtschaftliche Rahmenbedingungen zwingen viele Unternehmen dazu, in einem größeren Ausmaß als früher üblich, steuergestaltend tätig zu werden. In der Regel bewegen sich die Unternehmen aber dabei innerhalb der Grenzen der Legalität", sagt Jochen Bienhold, der Vorsteher des Finanzamtes Herne. Welche besonderen Einblicke nun ausgerechnet das Finanzamt Herne in die gängige Praxis bei Bundesligisten hat und in wessen Auftrag recherchiert wurde, ist allerdings unklar.

In der Regel innerhalb der Grenzen der Legalität, so formuliert es Herne. Die Ausnahmen von der Regel hat die Oberfinanzdirektion Münster schon vor zwei Jahren in einem vertraulichen, nur für den Dienstgebrauch vorgesehenem Papier zusammengestellt. Diese "Zentrale Fahndungs-Nachricht" ist einerseits Grundlage aller Skepsis gegenüber der Steuerehrlichkeit der Fußball-Branche, andererseits damals ziemlich unspektakulär in den Tiefen der Räume verpufft. Was die Fahnder "anlässlich von Prüfungen bei Fußballbundesligavereinen, seinen Präsidiumsmitgliedern, zahlreichen Bundesligalizenzspielern und verschiedenen Spielervermittlern" zusammengetragen haben, wurde – nicht zuletzt von den DFL-Oberen – als Märchen abgetan.

Regel oder Ausnahme? Die Ermittler wissen es noch nicht

Wenn Märchen, dann handelt es sich um ein Schauermärchen. Es treten auf: Schwarze Kassen. Die, so haben die Märchenerzähler aus Münster gedichtet, würden gefüllt durch die Einnahmen aus Antrittsgeldern bei Freundschaftsspielen, aus Startgeldern und Prämien bei Hallenturnieren. Hohe sechsstellige Summen häufeln sich in diesen Kassen jährlich an. Bezahlt werden daraus angeblich bei Neuverpflichtungen oder Vertragsverlängerungen die steuerlich nicht erfassten Zahlungen von Handgeldern, die Reisekosten oder die Umzugshilfen. Sie sind also weder umsatz- noch lohnversteuert und werden von den Spielern auch nicht bei der Einkommensteuererklärung angegeben: "In den Prüfungsfällen erhielt solche Zahlungen jeder Lizenzspieler." So steht es im Märchenbuch der Prüfer aus Münster.

In diesem Märchen aus Münster treten weiter auf: die leicht zu verwechselnden Gestalten Netto und Brutto. Eine Unterscheidung, die von Spielern selten gemacht werde. Denn wer eine Million verhandelt, geht von einer Million netto aus. Dann muss eben von den Vereinen ein wenig brutto dazugelegt werden, was sich in der Buchführung unter der Rubrik Lohnzahlungen allerdings schlecht machen würde und sich dort besser als Sonderzuwendungen liest. Was vor Jahrzehnten der heutige Manager des FC Bayern München, Uli Hoeneß, eher folkloristisch erlebte, als er als Amateur beim FC Bayern sein Gehalt als Angestellter der Geschäftsstelle kassierte ("zuständig für die Frankiermaschine", Hoeneß über Hoeneß), scheint nach den Recherchen aus dem Münsterland im modernen Fußballmärchen illegale Praxis.

Es kommen noch viele andere Details vor, mit denen Gehälter an der Steuer vorbei ausbezahlt werden. Was nicht vorkommt, ist das Kaiserslauterer Modell, das jetzt die Pfälzer Steuerfahnder vorgeführt bekommen und was nach ihrer Meinung den Niedergang des 1. FC Kaiserslautern einleiten müsste. Einst war der Klub so etwas wie der FC Bayern München des Nachkriegsdeutschlands, ähnlich erfolgreich, ähnlich dominant und Heimstatt des deutschen Stolzes mit dem Gros der Weltmeistermannschaft von 1954. Pfiffig waren sie dort schon früh. Als Fritz Walter, der damalige Heilige des deutschen Fußballs, von Atletico Madrid 1957 in die Fremde gelockt werden sollte (für immerhin 225000 Mark Handgeld und ein Monatsgehalt von 6000 Mark), wurde ihm vom Verein ein Darlehen gewährt in Höhe von 45000 Mark. Davon, so ist es in den Annalen des deutschen Fußballs nachzulesen, eröffnete Walter sich eine Wäscherei und ein Kino, sozusagen die Altersversorgung. Das verstieß schon in diesen Jahren gegen das Lizenzspielerstatut, aber nicht gegen die Steuergesetzgebung. Wäre ja auch nicht auszudenken, wenn die Ikone Walter Dreck am Stecken gehabt hätte. Da war dann später die nächste Ikone, Franz Beckenbauer etwas weniger leutselig und ist angeblich gerade noch rechtzeitig vor der steuerlichen Erfassung sowie den Ermittlungen wegen Steuerhinterziehung und nach einem Tipp aus dem bayerischen Finanzministe-rium flugs von Bayern München zu Cosmos nach New York gewechselt. So ist es jedenfalls überliefert.

Das heutige Modell in Kaiserslautern ist wesentlich undurchschaubarer, es ist raffinierter und nach Ansicht der Fahnder auch von weitaus größerer krimineller Energie. Dass in Kaiserslautern das Geld zum Fenster hinausgeworfen wurde, ist nichts Neues, es finden sich in den Unterlagen zum Beispiel die Rechnungen von zweimal 75000 Mark: für das bloße Eruieren einer Telefonnummer. Abenteuerlich auch das Konstrukt, mit dem der Verein einige seiner Spieler bezahlte: Die Spieler veräußern ihre Persönlichkeitsrechte an eine im Ausland ansässige oder auch nur angemeldete Agentur (über deren Existenz allerdings noch weitgehend Unklarheit besteht). Der Verein zahlt ein geringes Grundgehalt (keine Sorge, auch das war im Falle von Youri Djorkaeff und Taribo West weit über dem Betrag, den man monatlich ausgeben kann), der Rest wurde an die Agentur überwiesen, die das Geld als Altersversorgung einbehält (siehe oben). So weit die Fama. Dass diese Version den Fahndern ihrerseits sehr märchenhaft vorkommt, verwundert nicht.

"So dumm sind wir nicht", sagt der Schalke-Manager

Weil es ja auch im Märchen der Münsteraner Kollegen – ohne konkrete Verbindung zu Kaiserslautern – so beschrieben ist: "In den maßgeblichen Fällen kommt den Spielervermittlern … auch eine wichtige Rolle bei der Abwicklung der verschleierten Bezahlung … zu. Dazu vermitteln sie entweder belegmäßig einen Zahlungsabfluss an einen ausländischen Verein, oder sie stellen für die Rechnungslegung des Sportvereins ihre eigene Firma oder eine Briefkastenfirma mit Sitz in Vaduz/Liechtenstein oder in der Schweiz als Rechnungsaussteller zur Verfügung."

In der Pfalz hofft man derweil auf die Generosität der Gläubiger und setzt auf den Schweizer Sanierer Jäggi. Mutmaßlich vergeblich, nach Stand der Dinge hält die Finanzbehörde an ihrer Forderung fest. Vorsorglich haben andere Klubs schon mal möglichen Folgerecherchen eine Absage erteilt: Schalkes Manager Assauer hat auch im Sinne der Kollegen verkündet, verdeckte Gehaltszahlungen kämen bei ihnen nicht vor, "so dumm sind wir nicht".

Hat ja auch niemand geglaubt, weil, wie gesagt, das ja alles nur Unfug ist, erdacht von Nachfahren der Gebrüder Grimm. Die Wirklichkeit steht im LogoStyleguide der DFL: "Das Dauerlogo kennzeichnet die Authentizität aller TV-Bilder von Bundesliga-Spielen. Es ist Gütesiegel und Echtheitszertifikat zugleich: Nur wo Bundesliga draufsteht, ist auch Bundesliga drin." Gottlob.