Pocken Die ÜberlebendeSeite 8/8

Bestimmt wird Prestons Buch ein Bestseller. Es passt in die Zeit. Es liegt jetzt auch bei Magdalena Drinhaus auf dem Tisch, in einem knalligem Orange, das ihr sonst wohl nicht ins Haus käme. Preston hat es ihr geschickt, mit Widmung. Auf dem Umschlag steht The Demon in the Freezer – »Der Dämon im Gefrierschrank« –, und im Kapitel The Student Nurse erzählt Preston von den Krankenschwestern Barbara und Magdalena.

Doch Magdalena Drinhaus versteht kein Wort. Sie spricht kein Englisch. Sie kann ihre eigene Geschichte nicht mehr nachlesen; die verbreitet sich zu schnell, denn schneller noch als mit den Pocken infiziert sich der Mensch mit der Angst, und mit dieser Angst verbreiten sich ihre Erinnerungen. Die Geschichte hat sich verselbstständigt. »Es gibt da zwei, drei Frauen bei mir im Kegelclub«, sagt sie. »Seit mein Fall in den Zeitungen steht, gehen die mir aus dem Weg.«

Magdalena Drinhaus arbeitet bis heute im Walburga-Krankenhaus oben auf dem Berg. Sie hat eine Tochter, einen Sohn und zwei Enkelinnen. Sie ist seit damals immun gegen die Pocken, aber sie hätte jetzt mehrere Leben zu verlieren. Sie hat die gleiche Angst wie alle im Ort.

 
Service