Irak-Konflikt „Passt bloß auf Deutschland auf“

Eine Weltordnung wankt. Will Washington die Pfeiler des transatlantischen Systems stützen oder stürzen?

Washington

Kennen Sie den? „Wie lassen sich die Franzosen überzeugen, dass sie in den Irak einmarschieren sollen?“ – „Indem man ihnen sagt, dass dort Trüffeln zu finden sind.“ Oder diesen: „Wie nennt man 100000 Franzosen, die ihre Arme hochreißen?“ – „Eine Armee.“

Mag die Weltordnung wanken und der Himmel einstürzen, bei aller Verärgerung helfen Amerikanern gegen Franzosen immer noch Humor und Spott. Beide Länder verbindet eine jahrhundertealte Hassliebe. Aber am Ende vertrauen die Amerikaner doch darauf, dass diese Gallier „in typisch französischer Logik“ (Wall Street Journal) die Kurve kriegen und an Amerikas Seite wieder auftauchen. Weshalb Präsident Chirac hier „Jumping Jacques“ heißt.

Und wie heißt Gerhard Schröder? Wer nachschaut, wo die Franzosen-Witze gerissen werden, also auf Websites und in Talk-Shows, findet dort – nichts. Nicht mal einen klitzekleinen Kalauer. An Gerhard Schröder gleiten die Komödianten ab. Schlechtes Material: Aus Deutschland kein Augenzwinkern und keine Zwischentöne, keine Ambivalenz und kein Ausweg. Das Verhältnis zu Deutschland, eine humorfreie Zone. Kein gutes Zeichen.

Deutschland gilt hier als eigentliche Überraschung in der neuen „Achse der Weichlinge“, die nicht kämpfen und die Amerikaner nicht kämpfen lassen wollen. Das ruft angesichts von 50jähriger Loyalität nach Erklärung. Anne Applebaum von der Washington Post übertitelt ihre Kolumne Listen to Germany. Hinter dem zur Schau gestellten Pazifismus, sagt sie, verberge sich „ein neuer Geltungsdrang“. Listen to Germany soll heißen: Passt bloß auf Deutschland auf! Doch worauf genau?

Nachfrage bei Washingtons Transatlantikern, einer verschworenen Gemeinde von Berufs-Optimisten, die immer glauben, die Nato werde auch die nächste Krise meistern. Karen Donfried meint: „Es ist ernst, sehr ernst.“ Die Außenpolitikerin beim German Marshall Fund hat ein schwieriges halbes Jahr hinter sich. Seit Beginn der deutschen Marktplatz-Außenpolitik erklärt sie, vermittelt sie, beruhigt sie. Sie ist eine der fairsten Deutschland-Analytikerinnen. Gerhard Schröders Populismus beschrieb sie als Wahlkampf-Verirrung, eine Abwendung von Amerika sah sie nicht. Wer Donfried zuhörte, musste annehmen: Das wird schon wieder.

Nun aber erlebt sie einen Kanzler, dessen Taktik sich zum Prinzip verfestigt hat. Der gegen die unipolare Weltordnung lauter als gegen Saddam wettert. Der im Verein mit Franzosen und Belgiern die Nato durch Veto blockierte und in der UN die Amerikaner herausfordert. Da entwickelt sogar Donfried ein düsteres Szenario: „Wenn diese Polarisierung weitergeht“, sagt sie, „führt das zu einer kompletten Unterminierung des internationalen Systems. Nämlich dann, wenn Amerika die Nato aufgibt und die UN links liegen lässt.“ Eine Dramatisierung?

Rundgang durch den Kongress. Ein demokratischer Abgeordneter zeigt sich „angewidert von der blinden Unnachgiebigkeit und äußersten Undankbarkeit“ Frankreichs und Deutschlands. Ein republikanischer Senator spricht von einer „tiefen Wunde“ in der Allianz. Mitglieder der Reisegruppe, die auf der Münchner Konferenz für Sicherheitspolitik war, berichten von reflexhafter Kritik an allem, was aus Amerika komme. Sogar ein moderater Europa-Freund wie Joseph Biden sagt: „Ich bin es leid.“ Im Repräsentantenhaus fordert der Sprecher der Kammer, Dennis Hastert, Boykotte französischer Produkte und Warnhinweise für Weine. Eine Resolution zur Unterstützung der Nato wird gar nicht erst eingebracht, aus Sorge, sie könne durchfallen.

Doch die Abbruchmeister Schröder und Chirac sind zugleich Wunderheiler. „Sie haben es erstmals geschafft“, sagt Dan Hamilton vom Transatlantischen Zentrum der Johns-Hopkins-Universität, „dass die beiden heillos zerstrittenen Flügel der Rechten sich einig sind – nämlich in der Abwehr der deutsch-französischen Herausforderung.“ Im Schutze dieses neuen Konsenses wächst eine Diskussion heran: darüber, ob Amerika weiter auf ein starkes und einiges Europa drängen soll.

„Warum“, schreibt der konservative Kolumnist Charles Krauthammer, „sollten wir größere Advokaten europäischer Macht sein als die Europäer?“ Wie von selbst hat sich in diesen Wochen die Alternative ergeben: etwas Rhetorik vom schlappen alten gegen das virile neue Europa, dazu ein Spaltungsbrief europäischer Regierungschefs – und schon wird daraus eine Politik des divide et impera. Aus einem zerstrittenen, schwachen Europa könnte sich Amerika je nach Bedarf seine Verbündeten herauspicken, frohlockt der rechte Flügel der Republikaner.

Die Vorstellung eines mutwillig zerstörten Westens versetzt moderate Transatlantiker in helle Aufregung. „Ein zersplittertes Europa mit dem bei weitem schwächsten Teil auf unserer Seite – was für ein Geschäft!“, ruft Zbigniew Brzezinski aus, einst Jimmy Carters Sicherheitsberater. Bei demokratischen Außenpolitikern herrscht zwar kein Verständnis für die europäische Duldsamkeit gegenüber Saddam Hussein, wohl aber für die Unduldsamkeit gegenüber George Bush. Einer sagt: „Was wäre es schön gewesen, hätten die Bushies ihre Allierten nicht behandelt wie einst die Sowjets ihre Satelliten.“ Und ein anderer schimpft über das „Höchstmaß der Unfähigkeit im Umgang miteinander – auf beiden Seiten des Atlantiks“. Allen ist klar, dass am Tag des Waffenstillstandes im Irak die transatlantischen Reparaturtrupps ausschwärmen müssen.

In Washingtons Denkfabriken wird schon über die Notfallbehandlung nachgedacht. Walter Russell Mead, Autor einer preisgekrönten Ideengeschichte der amerikanischen Außenpolitik und Kritiker der kleinmütigen Europäer, hat jüngst in einem Vortrag einen ganzen Rezeptblock volldiktiert. Von der US-Regierung verlangt Mead, dass sie „aufhört, damit anzugeben, wie viel Macht Amerika hat“; „die Grenzen der eigenen Macht zur Kenntnis nimmt und anerkennt, dass Amerika in der Welt nicht so souverän ist, wie es sein möchte“; und „nach dem Irak-Krieg sofort den Palästina-Konflikt zu lösen versucht“.

Von Europa wünscht sich Mead mehr Kompromissbereitschaft beim Streit um Weltstrafgericht und Klimaabkommen – und dass es „die UN nicht über dem Irak-Streit zerbrechen lassen, sondern Amerika bei der Durchsetzung einer zweiten UN-Resolution helfen. Es tut mir leid, für eine Regierung um Nachsicht bitten zu müssen, die kaum etwas getan hat, um sie zu verdienen. Aber Amerika kann sein Schwert jetzt nicht mehr in die Scheide stecken.“

Nur so, glaubt Mead, lasse sich der Bruch vermeiden. Unterdessen warnt er vor falschen Hoffnungen. „Die neue US-Außenpolitik ist nicht allein die Sache der Konservativen.“ Sein Rat: Auf einen „Regimewechsel“ in Washington zu setzen sei sinnlos.

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 09/2003
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