Es war einer der ersten Präventivschläge der Kriegsgeschichte, zu dem der ägyptische Pharao Psammetich II. vor 2600 Jahren ausholte. Gerade waren ihm aus Nubien Anzeichen von Aufmüpfigkeit zugetragen worden. Also verstärkte er seine Truppen mit griechischen Söldnern und scheuchte sie den Nil hinauf. Die Übermacht aus dem Norden fegte das Heer des Kuschitenkönigs Aspelta hinaus aus der Ebene von Dongola – und es war Ruhe im Reich.

Aber der militärische Triumph genügte dem tobenden Psammetich nicht: Am liebsten hätte der ägyptische Herrscher den Widersacher Aspelta und seine Ahnen, die verfemten schwarzen Pharaonen, aus der Geschichte getilgt. Keine Erinnerung sollte Bestand haben: Aspeltas Palast wurde niedergebrannt, die Insignien seiner Dynastie wurden demoliert. Psammetich II. nutzte die Gelegenheit, um eine 170 Jahre alte Rechnung mit den Kuschiten zu begleichen: Die frechen Nubier, diese „Sandfresser“, hatten sich einst erdreistet, auf dem Pharaonenthron Platz zu nehmen. Ägyptens empfindlicher Nationalstolz war verletzt.

Ägyptischer Bildersturm

Knapp ein Jahrhundert lang, von 750 bis 660 vor Christus, hatten Schwarzafrikaner das mächtigste Reich der Erde beherrscht – bis die Assyrer sie vom Thron verjagten. Doch erst Psammetichs Vernichtungsfeldzug stoppte den Expansionsdrang der Kuschiten endgültig. Sie trollten sich in die südliche Savanne, zurück zu ihren afrikanischen Wurzeln. Mit ägyptischer Gründlichkeit verbannte Psammetich die schwarzen Pharaonen aus dem Gedächtnis seines Volkes: Er ließ ihre Namen aus königlichen Inschriften brechen und durch seinen ersetzen.

Ironischerweise ist es der ägyptische Bildersturm, der Archäologen nach langem Rätselraten auf die Spur der schwarzen Pharaonen brachte. Anfang Januar dieses Jahres ist das Grabungsteam des Schweizers Charles Bonnet in Kerma oberhalb des dritten Nil-Kataraktes auf das bisher eindrucksvollste Zeugnis der ägyptischen Invasion gestoßen: eine Grube mit sieben tonnenschweren Granitstatuen. Sie zeigen Taharka, den mächtigsten der schwarzen Pharaonen, und seine vier Nachfolger bis hin zu Aspelta. In einem martialischen Ritus hatten Psammetichs Schergen die Steinkolosse geköpft, ihre Gliedmaßen verstümmelt, Nasen und königliche Abzeichen abgeschlagen. „So demonstrierten die Ägypter, dass Taharka und die Seinen für alle Zeiten besiegt waren“, sagt Bonnet. Jahre später sammelten Aspeltas Untergebene die Stücke ein, deponierten sie auf dem Lehmboden einer Grube und verscharrten sie. Aspelta selbst entwischte den ägyptischen Häschern, aber aus Sicht Psammetichs war er erledigt. „Die Ägypter glaubten, mit der Zerstörung seiner Bilder auch den Menschen zu zerstören“, sagt Dietrich Wildung, Direktor des Berliner Ägyptischen Museums.

Bonnets Fund krönt drei Jahrzehnte zäher Geduldsarbeit. Seit 1973 gräbt er in Kerma, 500 Kilometer nördlich von Khartum, die versunkene Hauptstadt des ersten Königreiches Kusch aus – er förderte Mauern, Tonscherben und bröselige Sandsteinreliefs zutage. Nun jedoch sei Bonnet „die wichtigste archäologische Entdeckung der letzten Jahrzehnte im Sudan“ geglückt, gratuliert Wildung.

Zwar hatte George Reisner von der Harvard University, ein Pionier der Sudan-Archäologie, 1916 am Gebel Barkal (am vierten Katarakt) eine ähnliche Trümmergrube ausgehoben. „Aber die Funde aus Kerma sind von viel höherer künstlerischer Güte und besser konserviert“, sagt Bonnet. Im lehmigen Schoß des Schwemmlandes hat sich sogar der Anstrich auf dem Gestein gehalten. Mit schwarzer Farbe hatten die antiken Bildhauer die weißen Adern des Granits retuschiert. Goldüberzogener Stuck an den Köpfen stammt von Kronen oder Helmen, vermutet Bonnet, vom Ornat sind rote und weiße Farbreste übrig. Sämtliche Granitstücke wurden geborgen, sodass Bonnet und seine Mitarbeiter die Bildnisse komplett rekonstruieren können.