Die verweigerte Gewissheit
Sie würde nicht wollen, dass ich sie mit Namen nenne. Noch wahrscheinlicher ist: Es wäre ihr völlig egal. Frau Pehle, meine Französischlehrerin, war keine Lehrkraft, wie sie heute so gern beschworen wird, eine mit der ganzen Seele den Schülern zugewandte, ihnen immer zur Seite, voll Leidenschaft jeden kleinen Erfolg miterkämpfende. Sagen wir: Sie war distanziert. Irgendwie geheimnisvoll. Manchmal gaben wir Mädchen uns der pubertären Fantasie hin, dass sie womöglich eine Geliebte wäre.
Es waren die Zeiten, in denen Frauen dreifach sortiert kamen: als Mütter (unsere Mütter), als Jungfern (womöglich verheiratet, jedenfalls kinderlos) oder als Geliebte (wahrscheinlich unverheiratet und auf ewig kinderlos, zur Strafe!). Letztere waren unvermeidbar Geliebte eines Ehemannes von Sortierung Nummer eins, schon weil Singles damals so selten waren. Was also hätte Frau Pehle für die Rolle der Geliebten qualifiziert? Eigentlich gar nichts. Sie war nicht klein und niedlich, keine Spur von kokett. Kein Barbarella-Schnickschnack, so mit Babydoll und nackten Schenkelchen. Sie war durchaus geschminkt. Sie war deutlich unverheiratet und deshalb kinderlos, jedenfalls wirkte sie so. Sie war groß, sagen wir: handfest. Sie trug knielange enge Röcke, Pumps und Parfüm. Sie wirkte auf formidable Weise unabhängig. Ihre dunklen, kurz geschnittenen Haare erhoben sich von ihrem Nacken in einer runden, hochtoupierten Welle, schnittig wie ein flotter Abschwungbogen am Skihang, eine verwegene Auflehnung gegen die Schwerkraft, wie ich sie weder vorher noch hinterher je an einer Frau gesehen habe. Das Bemerkenswerteste aber an Frau Pehle war ihr Lächeln.
Fast nur angedeutet, ein wenig verwundert wirkte es – Frau Pehles Lächeln, geben wir es zu, war gelegentlich spöttisch. Fleisch gewordener Ausdruck jenes „Peut-être“, mit dem sie unsere Beiträge zu kontern pflegte, unsere demütig angebotenen Antworten auf ihre Fragen, unser Flehen, ob denn die Antwort bitte richtig sei. „Peut-être“, sagte sie dann amüsiert, und sie bat den nächsten um seine Meinung.
Wir lasen bei ihr Corneille und Molière, Voltaires Candide und Pascals Pensées , auch Sartres Huis Clos. „Die Hölle, das sind die anderen!“, wir ahnten es. Wir lasen, natürlich, La Peste von Camus. Und welche Motive, fragte Frau Pehle, trieben wohl unseren Arzt Rieux? Altruismus? „Peut-être.“ Sie lächelte. Hatte er vielleicht einfach keine Angst? Peut-être. Oder gar doch einen Hauch von Starrsinn, einfach da bleiben, aushalten, weil man das als Maßgabe seiner Identität für sich entworfen hatte? Sie lächelte, sogar gerührt, peut-être, sie gab nicht nach. Lächelnd stürzte sie ein Schulsystem.
Aller Unterricht beruhte damals (und gelegentlich noch heute) auf der Fragetechnik, die der Autor Markus Orths jüngst in seinem Roman Lehrerzimmer (Schöffling Verlag) so köstlich karikiert hat: Es ginge „ja schließlich darum, die Schüler dorthin zu führen, wo man sie haben wolle, sie mit den Fragen so in die Enge zu treiben, dass schließlich nur noch die einzig richtige Antwort übrig bleibe, die Lösung.“ Frau Pehle erlöste niemanden. Sie bot keine Kuschelecken des Einverständnisses an, bei ihr unterschlüpfen war nicht, sie verdammte ihre Schüler zum Herumirren, Selberdenken, Zweifel aushalten. Sie verbot sich die Tuchfühlung, selbst wenn wir alle zusammen, bei ihr im Chor, im gleichen Rhythmus atmeten und We shall overcome aus dem Herzen emporsteigen ließen, selbst in jenen aufgewühlten Jahren, als Martin Luther King ermordet wurde und wir We shall overcome nur noch so wimmerten. Sie gab den Takt, korrekt. Sie mischte sich nicht ein in unsere Gefühle. Nur einmal, kann ich mich erinnern, da überschritt sie eine Grenze.
Könnte es sein, dass einer wie Rieux, hatte ich mich vorgewagt, sogar ein wenig selbstsüchtig sei, ob man ausschließen könne, dass so jemand sich darin gefalle, gut zu sein? Sie hatte nachdenklich genickt. Sie sagte, sie werde mir ein Buch mitbringen. Und sie lieh mir ein Buch aus ihrer privaten Bibliothek! Sie gab mir Les Justes von Camus.
Thema: Tyrannenmord. Darf man, so die Frage, einen Diktator, einen gewissenlosen Mörder, der noch viele meucheln könnte, darf man ihn töten, wenn dabei das Blut unschuldiger Kinder vergossen wird, die neben ihm in die Schusslinie geraten, darf man das, für eine gute Sache?
Sie ließ mich meine Argumente vorbringen. Sie nickte, dabei legte sie den Kopf schräg. Sie beobachtete mich wie ein Objekt, kühl interessiert, so schien es, am Ausgang dieses Experiments, ob ich wohl für mich allein entdecken würde, was Gerechtigkeit sei und was nur selbstgerecht.
Nun, der Ausgang ist gelegentlich noch offen, zumindest für einige von uns, und das ist doch schon was, oder nicht?
- Datum 27.02.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.02.2003 Nr.10
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