Musik So leise muss man erst mal spielen können

Zwischen Mariachi-Melodien, Spaghetti-Western und Schunkelwalzer – die Band Calexico singt Lieder vom Clash der Kulturen

John Convertino kann sein Schlagzeug singen hören. Vom Schemel aus, leicht erhöht, lauscht er den Vibrationen, wie sie vom Becken in die Basstrommel wandern, wie die Felle zu surren beginnen, wie jeder Ton in einer alles umschlingenden Melodie aufgeht. Das Drum-Set steht an diesem Abend unter dem Kreuz des Herrn Jesus, an die Wand der Kölner Christus-Kirche ist das Logo der Band projiziert, die John Convertino vor acht Jahren mit seinem Freund Joey Burns in Tucson, Arizona, gegründet hat, Calexico. In der Kälte haben die Musiker sich Pullover übergezogen, die Lautsprecher sind runtergedreht, wie im Halbschlaf atmen Gitarre und Bass. So leise muss man erst mal spielen können.

Früher hat er jeden Sonntag in einer Methodisten-Kirche verbracht, erzählt Convertino am Morgen nach dem Auftritt. „Es ist schon lustig, samstagabends spielten wir auf College-Partys, wo alle tranken und tanzten. Tags darauf begleitete ich die Messe am Schlagzeug. Es gibt keinen besseren Ort, um zu lernen, wie man sich zurücknimmt.“ Nicht, dass Convertino, Sohn italienischer Einwanderer und Jazz-Liebhaber, ein großer Vereinfacher unter den Trommlern geworden wäre, aber die Erfindung des mannschaftsdienlichen Kratzens und Schabens am Schlagzeug geht eindeutig auf sein Konto.

Nicht zu Unrecht werden Calexico neuerdings als eine Art Americana-Avantgarde gefeiert. Wo die Konkurrenz sich mehrheitlich im Sonnenuntergangs-Singsang mit Gitarrenwohlklang übt, wählen Convertino und Burns den Weg in musikalische Grenzgebiete, deren Panoramen durch herrliche Kulissenschiebereien im Minutentakt wechseln – von den twängenden Gitarrensounds der Spaghetti-Western und den Mariachi-Melodien zu Schunkelwalzern, Ambient-Intermezzi und Steel-Guitar-Balladen aus dem Bauchladen der amerikanischen Volksmusik. Mehrfach überblendet, entstehen imaginäre Reisebilder, Schnappschüsse von Seelenwanderungen quer durchs Pop-Universum – nachzuhören in den 16 Songs des neuen Albums Feast Of Wire (City Slang/Labels/Virgin).

Auf ihrem Debütalbum, das 1996 noch unter dem Bandnamen Spoke beim kleinen Landsberger Label Hausmusik veröffentlicht wurde und erst knapp ein Jahr später in den USA erschien, ist vieles davon schon im Ansatz enthalten. Zu voller Pracht gelangt die Calexico-spezifische Mischung von Versatzstücken, Klangfarben und Pop-Metaphern mit The Black Light (1998). Am Anfang waren Calexico ein Partygag im Vorprogramm von Howe Gelbs Giant Sand – der Band, der Convertino und Burns jahrelang als anonyme Rhythmusgruppe angehörten. Abend für Abend spielten sie olle Evergreens mit rot glühenden Fingern und ein paar Tanznummern mit so viel Schmiss, dass das Publikum kaum genug davon kriegen konnte. Hier entwickelten Convertino und Burns Strategien der Entrümpelung des Rock ’n’ Roll, die Räume in den Songs blieben zeitweise richtig leer, nur ein einsamer Besen fegte zusammen, was noch aufzufinden war. Gelb selbst hat einige seiner Aufnahmen aus den Achtzigern mit Bates’ Motel aus dem Film Psycho verglichen: Die Sachen kämen rein, würden ein bisschen zerhackt und checkten nie wieder aus.

Bei Convertino und Burns geht es nicht ganz so zünftig zu. Calexico spielen lieber den Erlöserblues. Im Song Sunken Waltz erzählt Burns die Geschichte von Mike, dem Zimmermann. Eines Tages legt Mike sein Werkzeug hin und verschwindet weit hinter den Städten und den sauberen Suburbs. Und wie er da so liegt und unter den Sternen schläft, beginnt er zu träumen. Mike baut eine Maschine, die für niemanden zu sehen ist, dann fliegt er in das Licht eines neuen Morgens. Fliegen müsste man können, um die Grenze zwischen Mexico und den USA zu überwinden, die jedes Jahr zur Endstation für Hunderttausende von illegalen mexikanischen Einwanderern wird. In Calexico, dem real existierenden US-Grenzort 200 Meilen westlich von Convertinos Wahlheimat Tucson, recherchieren die Journalisten bei der Border Patrol zum Stand der Operation Gatekeeper. Und schreiben Reportagen über das Wohlstandsgefälle, die Hoffnungen der Verelendeten auf der Suche nach einem Paar-Dollar-Job, der immer noch besser scheint als das meiste, was sie zwischen Tijuana und den Barrios von Mexico City kriegen können. Nur weg hier. „From the day you’re born, you’ll always hit the ground running.“

Wenn die Steel-Gitarren dazu aufheulen und ein Satz extrafeiner Bläser sich gen Horizont reckt, schmilzt dem europäischen Indie-Hörer das Herz dahin – eingehüllt in die Schicksalsmelodie aus dem Existenzkampf in der großen dust bowl, durch die sich von Colorado bis zum Golf von Mexiko der Rio Bravo del Norte zieht, die Demarkationslinie zwischen zwei Welten, zwei Weltanschauungen. Im Titelsong lässt Burns die Brüder Alberto und Hermano durch diese Ödnis ziehen, die Schatten der Border Patrol im Nacken, die Fährten der Coyoten vor Augen. „Out in the wastelands wandering for days the future looks bleak with no sign of change / Darkness in the eye and down in the soul all across the wire to those in control.“

Die Gegenwart ist wohlorganisiert, Calexico wird ganz konsumentenfreundlich in verschiedenen Ausfertigungen gereicht. Was hätten Sie denn gern, die schlanke Live-Version (mit dem Bassisten Volker Zander) auf Blues-Expedition? Das bläserumtoste, vom Mariachi-Ensemble Luz de Luna flankierte Konzertorchester oder die von den mexikanischen und deutschen Freunden verstärkte Band, die Feast Of Wire angefertigt hat? Wobei das ja alles ineinander spielt. Die gesammelten Tour-Erfahrungen kumulieren bei Calexico in Studio-Improvisationen, aus denen die Songs herauswachsen, vertrödelte Lieder aus dem Bilderbuch des culture clash, onomatopoetische Meisterleistungen, ein Latin-Dub mit Melodica, eine grell blitzende Hymne vor schwarzem Geigen-Himmel, vorgetragen im gefährlich schläfrigen Akzent des Südwestens. „Als wir Black Heart aufnahmen“, erzählt Convertino, „war das die reine Katharsis für mich. Ich spürte, wie ich meine ganze Emotion in den Song legen konnte, wie hart ich plötzlich spielte. Und wie viel Frustration und Wut sich bei mir angesammelt hatten.“

Das darf uns alles bekannt vorkommen, wie die Geschichten von den säkularen Sehnsüchten all der Cowboys, Hobos und Drogenkuriere, entfernte Wiedergänger aus den Highway-Epen der Beat Poets. Calexico wildern in den zentralen Steinbrüchen der Popmythologie, sie fahren den Traum vom Glück durch Songs spazieren, die viel zu hell leuchten, um das drohende Dunkel nicht schon zu verraten. Frag Hollywood: Wo die Rettung so nahe, lauert der Exitus. Not Even Stevie Nicks, der polternde Pophit von Feast Of Wire, kennt kein Erbarmen, nicht mal Stevie Nicks, die gute böse Hexe aus Fleetwood-Mac-Tagen, kann eine arme Seele retten, die über die Klippen ins Ungewisse stürzt. Die Story der Liebenden in Fade, auch das ist amerikanische Tradition, endet in einer Highway-Kurve – und tödlich.

Tourneedaten: 5. 4. Bielefeld, 8. 4. Berlin, 13. 4. München, 19. 4. Offenbach, 21. 4. Köln, 22. 4. Hamburg

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 10/2003
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