Ein einziges Mal war Luca Badoer ganz nah dran. Michael Schumacher hatte sich bei einem Crash das Bein gebrochen, und die Scuderia suchte verzweifelt nach einem Piloten für die nächsten Rennen. Badoer war damals schon Testfahrer für Ferrari – nur fuhr er auch noch Rennen für Minardi, ein winzig kleines Team mit einem Auto, das schon gefeiert wurde, wenn es überhaupt ins Ziel kam. Er hätte wohl bei Minardi gekündigt, sogar ohne zu zögern, um einmal mit dem Ferrari ein Rennen zu fahren. Wenn man ihn nur gefragt hätte.

Ferrari hat ihn damals nicht gefragt. So fuhr der Finne Mika Salo mit dem roten Auto, während Luca Badoer im Minardi über die Piste hoppelte und betete, dass der Motor bis zur letzten Runde durchhielte, was selten der Fall war. Wie auf dem Nürburgring im selben Jahr, als er das erste Mal fast vorne lag, auf dem vierten Platz im Minardi, weil alle anderen ausgefallen waren. Weltmeisterschaftspunkte waren in Reichweite, und dann platzte kurz vor Schluss der Motor. Nie vorher und nie wieder danach sei er so frustriert gewesen, sagt Luca Badoer. Am Ende der Saison war Michael Schumacher wieder gesund, und Badoer hatte einen Spitznamen weg: "Mobile Schikane".

Das war vor vier Jahren. Inzwischen fährt Luca Badoer nur noch Ferrari. Er hat es zwar nicht in die erste Reihe geschafft, da sind ja noch Michael Schumacher und Rubens Barrichello, aber er ist als Testfahrer die Nummer 3 im Team des Weltmeisters, mit Hoffnung also, falls einmal etwas passiert, Gott behüte. Er ist klein, vielleicht 1,70 Meter, und sehr schmal. Er hat hübsche grüne Augen, eine schöne große Nase, man kann ihn eigentlich nicht besser beschreiben, als Eddie Irvine es einmal getan hat: "In deinem Overall schaust du aus wie einer dieser putzigen Jockeys." Natürlich kommt es nicht aufs Aussehen an. Eher darauf: Luca Badoer ist der einzige Italiener in der Scuderia Ferrari, der ins Cockpit der "roten Göttin" darf. Und in Italien träumen kleine Jungs davon, einmal im Ferrari zu fahren. Oder sie träumen gar nicht.

Luca Badoer träumte vom Ferrari. Als er drei oder vier Jahre alt war, soll er zum ersten Mal gesagt haben: "Ich will Rennfahrer werden." So erzählt es seine Mutter. Mit 21 wurde er Sieger bei der europäischen F-3000-Serie, und als er dann in die Formel 1 wechselte, feierten die italienischen Gazetten übermütig den zukünftigen Champion. Aber der Rennsport ist ein trickreiches Zusammenspiel von Mensch und Maschine, und wenn auch nur einer von beiden nicht ganz rund läuft, wird es nichts mit dem Sieg. Bei Minardi lag es vielleicht an der Maschine. Bei Ferrari liegt es daran, dass die beiden anderen Fahrer zu gut sind. Badoer sagt es so: "Michael ist ein Cocktail mit perfekten Zutaten. Ich bin auch ein guter Cocktail. Aber bei mir stimmt die Mischung nicht genau." Das einzige Mal, dass er den Weltmeister wirklich angreifen durfte, war in einem Werbespot für Vodafone. Darin fahren die beiden Piloten auf kleinen Rollern um die Wette, und auf dem Zielfoto, das die Mechaniker mit dem neuen Vodafone-Handy gemacht haben, sieht man, dass Luca Badoer gewonnen hat.

Doch das hat mit der Realität nicht viel zu tun. Man könnte Badoers Situation vielleicht mit der des dritten Torwarts in einer Fußballnationalmannschaft vergleichen. Es ist irgendwie toll, dabei zu sein, und man darf sich hinterher sogar Weltmeister nennen. Aber das Wahre ist es trotzdem nicht, man durfte ja nicht mitmachen. Dennoch ist das Etikett "Testfahrer bei Ferrari" besser als "dritter Nationaltorwart". Allein die Farbe Rot hat eine Wirkung auf die Leute. Das sieht man besonders gut bei den Testfahrten, wo nicht all die Formel-1-Groupies herumstehen, sondern man noch echtes, verzücktes Erstaunen bei erwachsenen Menschen feststellen kann, die dabei zusehen, wie Autos im Kreis herumfahren und in Boxen hinein und wieder heraus.

Zu den Testfahrten ins spanische Valencia sind diesmal viele Teams gekommen. McLaren ist da mit Coulthard, Raikkonen und dem Testfahrer Wurz, Sauber-Petronas mit den beiden Deutschen Heidfeld und Frentzen, dann Villeneuve, Fisichella, Panis und so weiter. Und natürlich Ferrari. Mit riesigen, roten, blank polierten Trucks, mit einem Extra-Lkw, in dem ein Fitnessstudio für die Fahrer untergebracht ist. Mit mehr als 80 Leuten, die alle in Rot gekleidet sind. Mit Rubens Barricchello und Michael Schumacher. Und Luca Badoer.

Wenn man Rot trägt, bleiben die Leute stehen und machen Fotos

Er gehört dazu, vielleicht mehr als die beiden anderen, weil Ferrari italienisch ist. Auch darum geht es. Selbst dann, wenn die Leute an den Bildschirmen während der Saison keine Kenntnis von ihm nehmen. "Ich fahre lieber den Ferrari auf Teststrecken und habe ein gutes Gefühl, als dass ich ein Auto fahre, mit dem ich niemals Chancen habe auf einen Sieg", sagt er. "Ohne die Option zu gewinnen ist alles nichts." Man kann ihn verstehen. Wer hier auf der Teststrecke in Türkis und Blau herumläuft wie etwa die Sauber-Leute, wird von niemandem beachtet. Wenn man Rot trägt, bleiben die Leute stehen und machen Fotos von einem. So kommt sogar der Mechaniker zu Ehren.