Porträt Der Kriegs-Gutachter
UN-Waffeninspekteur Hans Blix glaubt, dass der Golfkrieg noch abgewendet werden kann. So muss er das wohl sehen
New York
Den „Herrn über Krieg und Frieden“ haben sie ihn genannt, die letzte Hoffnung für eine friedliche Lösung am Golf. Doch das Büro von Hans Blix sieht eher aus wie das Hauptquartier eines Feldherrn. Satellitenbilder von Bagdad bedecken die Wände: Flussbiegungen, Brücken, Regierungsgebäude, militärische Schaltzentralen. „Nein das sind keine Geheiminformationen“, sagt Blix. „Wir kaufen die Bilder auf dem freien Markt.“ Er lächelt schelmisch, als habe er einen Witz gemacht. Flachsen gefällt ihm. Auch wenn es so gar nicht zum Ernst seiner Mission passen mag.
Die Schaltzentrale der Unmovic, der United Nations Monitoring, Verification and Inspection Commission, im 31. Stockwerk des UN-Gebäudes ist in mancher Hinsicht die letzte Station vor einem Krieg im Irak. Was die UN-Inspektoren aufspüren, welche Beobachtungen sie in ihre Berichte aufnehmen, bildet für den Weltsicherheitsrat die Grundlage seiner Entscheidung. Es kommt auf Nuancen an, auf diplomatische Codes und Reizworte. Sieht er bloß „Anzeichen“ irakischer Kooperationsbereitschaft oder „ermutigende Anzeichen“ – das kann eine Frage von Krieg oder Frieden sein. „Ein gewaltiger Druck“, sagt der 74-jährige Schwede. „Die Autorität des UN-Sicherheitsrates und des ganzen multilateralen Systems steht auf dem Spiel.“ Über seine Formulierungen schlafe er am liebsten noch mal, bevor sie um die Welt gehen.
Hans Blix ist eine umstrittene Figur. Als der Waffeninspektor Ende November auf dem Saddam International Airport landete, kurz ein paar Reporterfragen beantwortete und dann zum Al-Raschid-Hotel weitereilte, hatte er bereits ein paar Jahre heißer Auseinandersetzungen um seine Person hinter sich. Im Irak war er schon vorsorglich als „Spion“ beschimpft worden, den Amerikanern galt er höchstens als Kompromisslösung. Saddam, die Franzosen und die Russen hatten Kandidaten abgelehnt, die im Ruf größerer Entschlossenheit stehen, zum Beispiel den ehemaligen australischen Waffeninspektor Richard Butler und den Schweden Rolf Ekeus. UN-Chef Kofi Annan hatte Blix dann im Januar 2000 beim Urlaub in Patagonien aufgespürt und den studierten Rechtswissenschaftler nach New York geholt. Die nötige Erfahrung brachte der Mann mit, wenn auch eine umstrittene Erfolgsbilanz. Blix ist Experte für Völkerrecht, war Ende der siebziger Jahre einmal ein Jahr lang Außenminister von Schweden, leitete von 1981 bis 1997 die Internationale Atomaufsicht in Wien (IAEO). Kritiker werfen ihm seither vor, dass der Irak unter seinen, Blix’ Augen, sein geheimes Atomwaffenprogramm überhaupt erst auf die Beine habe stellen können. Freunde verweisen auf die eingeschränkten Inspektionsmöglichkeiten jener Zeit.
Bringt Blix die nötige Härte für den Job mit? „Er wird sehr vorsichtig sein, damit der Krieg am Ende nicht seine Schuld ist“, sagt der Direktor einer sicherheitspolitischen Denkfabrik in New York. Nichts spreche dafür, dass es dem Mann an Rückgrat fehle, sagt dagegen ein deutscher Sicherheitsexperte. Blix selbst sagt, er sei kein Pazifist. Das Säbelrasseln der Amerikaner mache die Inspektionen überhaupt erst möglich, aber auch die neue – andeutungsweise kriegsbereite – Position der Deutschen unterstütze seine Arbeit. „Wir brauchen einen geschlossenen und entschlossenen Weltsicherheitsrat.“ Blix’ eigene Berichte machen freilich ein gemeinsames Urteil über den Irak nicht eben leichter. Als er im Januar vor den Weltsicherheitsrat trat, schalt er, ganz im Sinne der US-Administration, den Irak aufs heftigste. Saddams Regierung spiele das Problem der Massenvernichtungswaffen als „Nebensächlichkeiten“ herunter, von der „so genannten“ Entwaffnung sei in Bagdad die Rede. Erwartungsvoll spreizten die Falken in Washington ihre Flügel.
„Ermutigende Anzeichen“ im Irak
Doch im Februar vermeldete Blix plötzlich „ermutigende Anzeichen“ aus Bagdad, und sein Kollege Mohammed al-Baradei von der IAEO wollte gar einen „Wandel in den Herzen“ der Iraker ausgemacht haben. Wollten die Inspektoren die Notbremse ziehen? Kamen sie in Versuchung, besonders viel Geduld zu üben, in der Hoffnung, so einen Krieg verzögern oder gar verhindern zu können? „Nein, auf keinen Fall“, sagt Blix und wird bei dieser Frage wirklich ärgerlich. „Wenn sich die Berichte im Ton unterschieden haben, so lag das daran, dass die beschriebene Realität anders war.“ Was nicht alle Beobachter glauben mochten, denn die „ermutigenden Zeichen“ hielten sich beim genauen Hinsehen in Grenzen: Starterlaubnisse für Aufklärungsflugzeuge, die Gründung zweier Regierungskommissionen zum Aufspüren von Waffen und Dokumenten.
Doch Blix beharrt auf seiner Sicht der Dinge. „Der Weltsicherheitsrat hat uns um möglichst akkurate Berichte gebeten. Ich bin ein gelernter Rechtsanwalt. Der Krieg ist nicht meine Verantwortung.“ Und dann geht er wirklich zum Aktenschrank und holt ein Verzeichnis seiner Reden heraus, um anhand von Textstellen zu belegen, dass er stets auf eine juristisch einwandfreie Wortwahl Wert gelegt hat. Blix der Anwalt ist auf die Bühne getreten. „Der Sicherheitsrat ist wie ein Gericht, er fällt sein eigenes Urteil, und wir schaffen die Indizien heran“, sagt er.
Der Weltsicherheitsrat als Gericht, die USA als Ankläger und er selbst als Gutachter – man muss schon stark an die Verrechtlichung internationaler Beziehungen glauben, um eine so skandinavische Weltsicht einzunehmen. In Washington, wo man eher in den Kategorien von Macht und Interessen denkt, gilt Blix vielen als zu schwach, wenn nicht als naiv. Ist es nicht offensichtlich, dass der Irak ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Inspektoren spielt? Dass Saddam bloß Zeit gewinnen will, wie schon so oft zuvor? Ist es nicht absurd, auf eine freiwillige Abrüstung im Irak zu warten? Auf solche Fragen hebt Blix zu längeren Ausführungen an. Von der „nötigen Geduld“ spricht er und von seinem Verständnis für den verletzten Stolz der Iraker. Aber sind Sie sicher, dass Saddam Sie nicht einfach ausnützt? „Das Regime hat uns seinerzeit wieder hereingelassen, um einen unmittelbaren militärischen Schlag zu vermeiden. Inwieweit es wirklich entschieden hatte zu kooperieren, weiß ich nicht.“
Wieder so eine vorsichtige, diplomatische Antwort. Aber Hans Blix scheint wirklich davon überzeugt zu sein, dass viele der öffentlichen Ansichten über den Irak erst noch bewiesen werden müssen – und dass die amerikanische Administration ihr Urteil womöglich voreilig gefällt hat. Im Februar gab er dem amerikanischen Außenminister Colin Powell einen kräftigen Schuss vor den Bug. Manche „Beweise“, die Powell dem Weltsicherheitsrat vorgelegt hatte, hätten die Fachleute in seinem Team einfach nicht überzeugt – Satellitenaufnahmen von angeblichen Aufräumarbeiten, Aluminiumröhren, die angeblich zum Bau von Atomwaffen dienen sollten. „Wenn wir mit Beweisen vor den UN-Sicherheitsrat treten, müssen sie hieb- und stichfester sein.“
Aber sind hieb- und stichfeste Beweise in der Frage der irakischen Auf- oder Abrüstung überhaupt möglich? Bislang seien kaum Spuren von Massenvernichtungswaffen aufgetaucht, sagt Blix, aber sie seien ja auch sehr schwer zu finden. Zufallsfunde sind unwahrscheinlich, und die Hilfe der Geheimdienste reißt bislang nicht vom Hocker. „Es waren hilfreiche Spuren dabei, aber auch Fehlinformationen.“ Andererseits, das räumt Blix ein, sei der Nachweis, dass der Irak wirklich seine Massenvernichtungswaffen zerstört hat, kaum lückenlos zu führen. „Ich will nicht völlig ausschließen, dass einige dieser Informationen verloren gegangen sind – in einem Entwicklungsland, das im Krieg steckte“, sagt Blix. Mehr Kooperation als bisher erwartet er allerdings schon: Er will Kreditpapiere, Transportrechnungen, amtliche Berichte, Inventarlisten und Laborprotokolle vorgelegt bekommen. An die hundert Dokumente will der Irak jetzt gefunden haben – „positive Elemente“ seien da zu erkennen, sagt Blix vorsichtig. Und, ja, der Irak habe in den letzten Tagen „substanziell“ mit den Inspektoren zusammengearbeitet. Aber natürlich muss sein Team das alles sorgfältig prüfen. Vorerst bleibt er dabei: „Der Irak könnte mehr tun, und wir würden es registrieren.“
So wird womöglich der Streit um die Al-Samoud-2-Raketen zum entscheidenden Test der irakischen Kooperationsbereitschaft. Blix hat ihre Vernichtung angeordnet, weil ihre Reichweite die erlaubte Höchstgrenze von 150 Kilometern überschreitet. Noch sträubt sich Saddam.
Ahnt er, dass es zum Einlenken längst zu spät ist? Hans Blix ist nicht dieser Ansicht. Der Krieg sei noch abzuwenden, sagt er. „Ich bin ziemlich überzeugt davon, dass Washington selbst keinen Krieg will“ – eine erstaunliche Bemerkung, die er fast beiläufig fallen lässt. Über welche Leute in Washington reden Sie da, Herr Blix? „Alle, ich rede über Bush und sein gesamtes Umfeld.“ Die USA wollten lediglich sichergehen, dass der Irak seine Waffen wirklich zerstört.
Radikaler Zweckoptimismus
Vielleicht ist das radikaler Zweckoptimismus, die Durchhaltestrategie eines Inspektors auf fast unmöglicher Mission. Denn während der UN-Sicherheitsrat auf Drängen der Amerikaner nun alle paar Wochen neue Berichte von ihm fordert und Beweise für die Nichtkooperation des Irak sucht, würde Blix am liebsten sehr viel langsamer und gründlicher arbeiten. „Das Ganze ist ein Prozess, der nur Zentimeter um Zentimeter vorankommt“, sagt der Inspektor. „Selbst wenn der Irak umgehend, aktiv und bedingungslos mit uns kooperieren würde, brauchten wir einige Monate.“
Heißt das, der März-Bericht vor dem Weltsicherheitsrat wird ähnlich zweideutig ausfallen wie der letzte? „Wir schneiden unsere Berichte nicht auf irgendwelche Erwartungen zu“, sagt Blix. Wird er mehr Zeit für seine Inspektoren fordern? Da scheut er sich. „Im Augenblick ist es ja nicht einmal klar, ob die Iraker wirklich kooperieren wollen. Andererseits hatte dieses Land acht Jahre Inspektionen, vier Jahre ohne Inspektionen, und jetzt zwölf Wochen mit. Ist das die richtige Zeit, die Tür zu schließen?“
Letzte Frage: Stimmt es, dass die USA die Inspektoren unter Druck setzen, endlich einen schärferen Ton gegen den Irak anzuschlagen oder das Land zu verlassen? Das hat das russische Außenministerium gerade behauptet. „Ich versichere Ihnen, das ist nicht der Fall“, sagt der oberste Waffeninspektor. „Es kann ja sein, dass ich naiv und blöd bin oder eine allzu dicke Haut habe, aber ich verspüre nicht besonders viel Druck.“ Und beim Abschied murmelt er noch, fast hätte man es nicht gehört, dass er ohnehin am liebsten wieder in seinen Ruhestand zurückkehren würde.
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- Quelle (c) DIE ZEIT 10/2003
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