Hilfsorganisationen Die Schlacht gegen Hunger und Seuche

Die UN errichten Zelte für 600 000 Iraker. Das Rote Kreuz will den Betrieb der großen Krankenhäuser sichern

Das UN-Dokument mit dem Vermerk „streng vertraulich“ beeindruckt durch seine Sachlichkeit. Ein Angriff auf den Irak werde sich nicht auf kurzzeitige Luftangriffe beschränken, vielmehr werde es eine „breit angelegte und lang anhaltende Bodenoffensive“ geben, es werde schlimmer zugehen als im Golfkrieg 1991 und auch schlimmer als in Afghanistan. 100000 Menschen könnten im Bombenhagel sterben, die Zahl der „indirekten Opfer“, also durch Verletzungen, könne auf bis zu 500000 steigen. 7,4 Millionen Menschen wären auf sofortige humanitäre Hilfe angewiesen, anderthalb Millionen würden wohl versuchen, aus dem Land zu fliehen.

Bomben aufs Armenhaus

Schon seit Monaten bereiten sich Hilfsorganisationen auf den Kriegsfall vor. In aller Stille allerdings, wollen sie doch nicht als willige Sanitätstrupps im Gefolge der US-Armee gelten. Mittlerweile ist es kein Geheimnis mehr, dass die UN schon im Dezember Wahrscheinliche humanitäre Szenarien für den Irak parat hatten. In den Nachbarländern errichtet das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) jetzt Zeltstädte. Rotes Kreuz, Roter Halbmond und andere humanitäre Dienste stocken die Nothilfevorräte in der Region auf.

In einem sind sich Krisenhelfer, Ärzte und Notfallplaner einig: Der Krieg würde über ein Volk hinwegfegen, das sich ohnehin kaum noch auf den Beinen halten kann. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das Kinderhilfswerk Unicef klagen über dramatische medizinische Unterversorgung und Mangelernährung. „Eine zermürbte Bevölkerung, die am Ende ihrer Kräfte angekommen ist“, sah Elias Bierdel, der Vorsitzende von Kap Anamur, bei seinem jüngsten Besuch in Bagdad. 1990 rangierte der Irak auf dem Entwicklungsindex der UN noch auf Platz 67, etwa gleichauf mit Griechenland. Einen Golfkrieg und zwölf Jahre Sanktionen später ist er auf Platz 126 abgerutscht. Die High-Tech-Bomben fielen heute in ein Armenhaus.

Selbst die besten Lenkwaffen dürften kaum smart genug sein, ausschließlich Saddam Hussein und seine Höflinge zu treffen. Von 24 Millionen Irakern, schätzt Unicef, sind 16 Millionen auf Lebensmittelhilfe des Oil-for-Food-Programms angewiesen. Und um die Pakete im Land zu verteilen, benötigen die UN ihrerseits die Hilfe der irakischen Regierung. 20000 Büros der regierenden Baath-Partei kümmern sich landesweit darum, zusammen mit nichtstaatlichen Organisationen jeden Tag Mehl, Öl, Reis, Zucker, Salz, Tee, Milchpulver und Bohnen an eine Million Menschen zu verteilen. Ein gigantisches logistisches Netz – und ein leicht verwundbares. Zwar reichen die Vorräte noch für einige Wochen, doch wenn erst Eisenbahntrassen, Brücken und Straßen zerstört seien, könne es bald eng werden, fürchten die UN. Bundesentwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) teilt diese Sorge. „Erst vor wenigen Tagen haben mir die Verantwortlichen des Welternährungsprogramms gesagt, dass ihre Hilfskräfte bei einem Kriegsausbruch das Land verlassen müssten und die Menschen dort, die dringend Ernährungshilfe brauchen, unversorgt blieben.“

Das drängendste Problem aber wäre die Wasserversorgung. Sie wäre gefährdet, sobald der Strom für die Kläranlagen ausfiele. Schon gegenwärtig, berichtet das Medizinfachblatt The Lancet, seien im Irak nur 60 Prozent des Strombedarfs gedeckt, hätten 40 Prozent der Iraker keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Mindestens vier Millionen Menschen müssten im Falle einer Militäroffensive schnellstens mit Wasserrationen versorgt werden, schätzt Unicef.

Die heraufziehende heiße Jahreszeit begünstigt gleichzeitig eine andere Art von Attacke: die der Viren und Bakterien. Infektionskrankheiten wie Durchfall, Lungenentzündung und Typhus könnten im Land ausbrechen, vor allem unter Kindern. Ruhr und Cholera könnten sich „epidemisch, wenn nicht pandemisch“ verbreiten, heißt es im ehemals geheimen UN-Papier. Zwar gibt es mehr als 1200 medizinische Erstversorgungsstellen und rund 160 öffentliche Krankenhäuser mit 27000 Betten im Land. Aber Antibiotika und entzündungshemmende Medikamente sind rar, „und nach einem Tag wären die Vorräte verteilt“, fürchtet die WHO.

Das Rote Kreuz rüstet sich dafür, die größten Krankenhäuser arbeitsfähig zu halten und die Wasserversorgung wenigstens in den großen Städten zu sichern. 150000 Obdachlose könnten einen Monat lang notdürftig versorgt werden. Zelte, Decken und Medikamente könnten für 400000 bis 500000 Menschen herangeschafft werden. Die Rote-Kreuz-Materiallager in Iran, Kuwait und Jordanien seien entsprechend aufgestockt worden.

Iran erwartet den größten Zustrom an Flüchtlingen aus dem Nachbarland. Von den rund zwei Millionen Irakern, die 1991 vor dem alliierten Bombardement flohen, brachten sich 1,3 Millionen dorthin in Sicherheit, die zweitgrößte Gruppe, 500000 Menschen, in der Türkei.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk richtet seine Planungen gleichwohl momentan nur für 600000 Flüchtlinge aus. „Niemand weiß, wie viele es tatsächlich sein werden. Und jede Zahl, von der wir heute ausgehen, wird falsch sein“, sagt UNHCR-Sprecher Peter Kessler. Schließlich habe man auch noch in Afghanistan zu tun, und noch sei ein Krieg im Irak nicht unvermeidbar. „Wir beten in der Nacht und arbeiten am Tag.“

Drei Monate Bodenkrieg

In dem Szenario, das die UN ihrer Planung zugrunde legen, würde sich der Bodenkrieg nach anfänglichen Luftschlägen über zwei bis drei Monate hinziehen. Schätzungsweise 900000 Menschen aus Bagdad und dem südlichen Irak würden nach dieser Rechnung gen Osten flüchten. Teheran hat sich daran gemacht, hinter der Grenze zehn Zeltstädte für 200000 Menschen aufzubauen. Die Türkei errichtet derzeit sechs Flüchtlingscamps in der Osttürkei, sechs im Nordirak und sechs entlang der Grenze.

Die UN haben für die Hilfsmaßnahmen einen Geldbedarf von 120 Millionen Dollar angemeldet. 65 Millionen wollen die Vereinigten Staaten zahlen, Großbritannien hat 15 Millionen zugesagt. Zum deutschen Beitrag heißt aus dem Auswärtigen Amt: „Wir haben diese Frage bisher als hypothetisch zurückgewiesen.“

 
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