Die ZEIT-Schülerbibliothek (18) Die Bücher, die Liebe
Man kann keinen zwingen, erwachsen zu werden, und womöglich wäre die Welt (wie das Himmelreich) auch besser dran, wenn alle Kinder blieben. Aber so ist sie nicht, alle sollen, und nicht zu spät, erwachsen sein. Besser haben es nur die, die übers Erwachsenwerden schreiben können für die andern, die es bloß bis zum Lesen bringen: wie etwa (obwohl seine Briefe ja gut sind, fast als wären sie von Goethe) der arme Werther, der so gern las, dass er, als er in glücklicheren Tagen im Homer versank, sich wie bei Odysseus zu Hause vorkam, wenn er da saß, Kinder um ihn herum, Lotte im Hintergrund, und (21. Juni) Zuckererbsen abfädmete, aber dann an den großen Fälscher falscher Gefühle geriet, den schottischen Dichter Ossian (dass Goethe halb an Ossian – an Homer ganz – glaubte, macht das so unendlich Verführerische seiner Sätze, seiner Erfindung aus).
Natürlich wäre das alles nicht passiert, wenn Werther nicht so furchtbar verliebt gewesen wäre, in dieses hübsche Ding, dem man bei Gewitter bloß einen schicken Dichternamen wie eine erotische Vokabel vor den Bug werfen musste (Klopstock), und schon war sie halb und wäre ganz hingewesen, wenn sie hin hätte sein dürfen und da nicht ihr Albert gewesen wäre, dieser Biedermann mit seinen Pistolen. Andererseits, die Liebe allein war es nicht, eigentlich war es sogar beinahe gar nicht sie, andere sind fast genauso schön, haben vielleicht auch weniger von diesen verfressenen Geschwisterchen um sich und keinen Albert dahinter; nein, die Liebe allein war es nicht, damit werden ja auch die fertig, die gar keine Bücher lesen (nicht dass sie ebendeshalb damit leichter zurande kämen, das ist es nicht; sie kommen’s, weil sie gar nicht erst richtig herauskriegen, was los ist – oder wozu gibt es diese Bücher? Gibt es überhaupt Liebe ohne Bücher? Und warum hält man sie für gefährlich: die Bücher, die Liebe?).
Als Werther unter die Erwachsenen geht, an die Residenz, in die Gesellschaft derer, die Bescheid wissen in der Welt, einfach weil sie sie sind (die Wahrheit ist nichts weiter Großes & Schönes, sie ist ein Faktum), da erst beginnt sein Unglück, und zwar damit, dass er diese Welt schlecht findet (was sie vielleicht ist) und sich selber eben, ohne das ausdrücklich zu wollen, aber er kann gar nicht anders, gut. Und das mögen sie nicht, wie er sie an die erinnert, die sie nicht mehr sein können, und auch noch so wirkt, als wäre er was Besseres, als was aus ihnen nun geworden ist; nicht sofort mögen sie ihn nicht, man muss geradezu sagen, dass sie ihm, dem Hübschen, Gefühlvollen, und weil er wirklich noch ist, was sie im Innern (so was haben sie) auch noch gern wären, Chancen geben, Avancen machen: Erst als er ablehnt und sie denken müssen, er halte sie für die falsche Welt, da lassen sie ihn fallen, schicken ihn zurück auf die tödliche Insel seiner Gefühle.
Und er kommt auf Ossian und seine Fingals und diese Nebeltypen. Sich für eins halten mit der Natur, und erst wenn man verliebt ist, das ist auch eine dieser Fallen, in die so einer dann läuft, als säh er das Heil. Dabei ist der Natur das alles völlig egal, ja, man muss sehen, dass ebendies ihre wahre Größe für uns ist: dass es sie nicht tangiert, wie wir uns gerade fühlen. So sind ja eigentlich die richtigen Götter, nämlich einfach sie selber, nach ihrem Gusto, nicht dem unsern. Aber da haben wir nun wieder den Punkt, dass man nämlich, um Geschmack zu finden an solcher Natur, an solchen Göttern, fast geworden sein muss, worum sie sich nicht kümmern: erwachsen. Es muss kein Verbrechen sein, sich lieber totzuschießen, manchen rührt es auch, aber es hilft nicht richtig weiter.
Goethe war auch nicht als Minister auf die Welt gekommen, und selbst als er sie durchschaute (und das tat er erstaunlich früh), hatte er nicht viel davon, außer fürs Schreiben; und unter der gravitätischen und übrigens ja sehr klug gehandhabten Maske des Ministers glaubt man manchmal noch einen erschreckten Jungen sich verstecken zu sehn: den, der sich insgeheim doch geniert, erwachsen zu sein, und nun versucht, indem er sich immer wieder verliebt (und auch verzweifelt dabei, das ist ja nicht unerlaubt), herauszukommen aus dem Erwachsenenelend oder es doch wenigstens auszubalancieren dann und wann (und da scheinen auch „Mond und Sterne und Rosen und Lilien“ und alle wieder mitzumachen, wie eben, „als wir noch von Liebe litten“, wie es im Divan heißt).
Später hat er dann auch richtige Romane geschrieben – denn einen ausgewachsenen Roman kann man noch nicht um einen jungen Mann herum schreiben, der sich weigert, mit der Welt ins Gemenge zu gehn, ein bisschen ist das wie in diesem Western, ich weiß nicht, von wem, um diesen jungen Prahlhans, der ein Westernheld werden will, aber das Schießen mehr geträumt als gelernt hat: Beim ersten Duell ist er tot, und nach einer halben Stunde ist alles aus.
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- Quelle (c) DIE ZEIT 10/2003
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