RomanKlamauk mit Tiger, Brüllaffe und Flughund

Nur für kleine Jungen: Yann Martel von 

Nüchtern betrachtet, geht es um Folgendes: Ein 16-jähriger Junge, der Piscine nach einem Schwimmbad heißt, ist der Sohn eines indischen Zoobesitzers und wächst als solcher in bullerbüartiger Eintracht zwischen Mama, Papa, Brüllaffen, Flughunden, Makaken, Tapiren, Lamas, Mungos und so weiter auf. Das geht alles seinen üblichen exotischen Gang, rund ums Jahr wuchern allüberall Pipal- oder Bobäume, rote Ixoren, Jakarandas, Mangos und so weiter. Es schnattern die Affen, es pfeifen die Beos, und es krächzen die Molukkenkakadus, dass es eine Art hat. Die vermochte sogar die kalten Herzen der Münchner und Hamburger Herrenmagazine derart zu erwärmen, dass sie den kanadischen Booker-Preisträger zum neuen Beckett, Garca Márquez, Star-Literaten und so weiter ausriefen.

Selbstverständlich geht die Sache mit den munteren Brüllaffen und den roten Ixoren ganz so hochglanzmagazinartig nicht weiter. Aus dem Paradies, das gehört sich so, wird man vertrieben, und der nach einem Schwimmbad benannte Held findet sich 123 Seiten später allein mit einer Hyäne, einem Orang-Utan, einem Zebra und einem Tiger in einem Rettungsboot auf dem Ozean. Die Idee wirkt wie im Schreibseminar zusammengebraut, ist aber nicht neu. Sie stammt von dem brasilianischen Autor Moacyr Scliar, der seine Plagiatsklage mittlerweile zurückgezogen hat.

Schwer zu glauben, dass es die folgenden rund 250 Seiten mit kindlichen, kuriosen Wie-überlebe-ich-allein-mit-einem-Tiger-auf-dem-Ozean-Tipps waren, die die Booker-Preis-Jury veranlasst haben, diesem in Maßen unterhaltsamen Klamauk den renommiertesten britischen Literaturpreis zuzuerkennen. Einen Preis, den Salman Rushdie, J. M. Coetzee und Ian McEwan erhalten haben.

Wenn es die Huckleberry-Finn-Romanze mit selbst gekochten Schildkröten, kampfbereiten Weißflossenhaien und roh verzehrten Erdmännchen war, die für die Ehrung den Ausschlag gab, wäre dies verzeihlich. Zu befürchten ist aber, dass es der wenig abenteuerliche Spielzeug-Ton dieser Prosa war, der mit epischer Originalität verwechselt wurde.

Zudem wollte Martel mehr als ein Abenteuerbuch für die ewig Junggebliebenen.

Seine Botschaft heißt: Kuscheltier-Frieden mit den Raubkatzen, zwischen den Religionen und mit Gott. Das müsste doch zu machen sein. Wenn die Welt nur so wäre, wie diese Legoland-Literatur sie geschaffen hat. Wer würde dann nicht gern mit den Molukkenkakadus krächzen und den Tigern einen guten Tag wünschen.

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Leserkommentare
  1. Frau Radisch scheint der Sinn des Buches völlig entgangen zu sein. Man fragt sich, ob sie es überhaupt vollständig gelesen hat... Mit keinem Wort erwähnt sie, was der Tiger symbolisiert oder welche Rolle der Glaube in dieser Geschichte spielt. Stattdessen begnügt sie sich mit Spott und der Aufzählung von Requisiten. Allerdings lässt Frau Radischs Oberflächlichkeit diesen Spott sogleich auf sie zurückfallen.

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