biowaffen Das gläserne Geheimlabor

Jens Kuhn forscht weltweit an tödlichen Krankheitserregern. Das Risiko eines Terrorangriffs mit Pocken hält er für gering

Die Zeit: Vor zwei Jahren durften Sie im ehemaligen sowjetischen Biowaffenlaboratorium Vector in Sibirien an tödlichen Krankheitserregern forschen. Haben Sie noch Kontakt zu den Wissenschaftlern dort?

Jens Kuhn: Weil ich vermutlich bald auch wieder dahingehe, sogar ziemlich häufig. Geplant ist der 1. Mai.

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Zeit: Was hat Sie an ihrem letzten Aufenthalt so fasziniert, dass Sie wieder dorthin wollen?

Kuhn: Ich spezialisiere mich auf hochgefährliche Erreger. An vielen westlichen Instituten, die solche Keime untersuchen, war ich schon. Also dachte ich mir, ich sehe mir die Sache mal von der anderen Seite an. Außerdem kann ich damit im kleinen Maßstab etwas zur Sicherheit beitragen. Je mehr ausländische Forscher in diesem Institut arbeiten, desto transparenter wird die Arbeit dort.

Zeit: Ist auch Nervenkitzel dabei? Sie könnten auch einfache Eiterkeime wie Staphylokokken untersuchen.

Kuhn: Ich würde nicht unbedingt Nervenkitzel sagen, aber Staphylokokken finde ich nun mal ziemlich langweilig.

Zeit: Sie forschen an Abwehrmitteln gegen tödliche Erreger. Besteht nicht weiterhin die Gefahr, dass in solchen Labors genau das Gegenteil entwickelt wird, nämlich Biowaffen?

Kuhn: Die berühmte Dual-Use-Problematik besteht bei allen Instituten, die mit hochgefährlichen Erregern arbeiten. Aber wollte man biologische Waffen produzieren, bräuchte man großindustrielle Anlagen. Diese könnte man auf Satellitenbildern sehen. Allein durch die Zerstörung solcher Einrichtungen lässt sich die Produktion dieser Waffen mehr oder weniger stoppen. Ihre Entwicklung ist dagegen sehr schwer aufzuspüren. Daher ist Transparenz unbedingt nötig. In den Vereinigten Staaten konnte ich als Deutscher zum Beispiel am U.S. Army Medical Research Institute of Infectious Diseases ein Jahr an der Ebola-Impfstoffentwicklung teilnehmen. Solche Offenheit sollte überall herrschen.

Zeit: Hat sich das Klima in den USA seit dem 11. September verändert?

Kuhn: Inzwischen ist viel Geld in die National Institutes of Health geflossen. Viele der Wissenschaftler, mit denen ich gearbeitet habe, sind dorthin gewechselt. Dass ausländische Forscher ausgesperrt würden, habe ich nicht gehört. Das wäre auch bedenklich.

Zeit: Wie haben die Kollegen aus dem russischen Labor auf die Anschläge in den USA reagiert?

Kuhn: Vor dem 11. September wollte man die Forschung an Erregern, die man sowohl für Impfstoffe als auch zum Waffenbau einsetzt, reduzieren. Danach aber wurde auch in Russland der Ruf nach einer verstärkten Abwehr gegen Bioterrorismus laut.

Zeit: Halten Sie es für möglich, dass aus den Labors etwas entwendet wurde?

Kuhn: Der Direktor des Vector-Instituts sagt, er wisse, wo sich seine Forscher aufhalten – auch die, die das Institut verlassen haben. Ich glaube ihm das. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass irgendwelche Leute Erreger haben mitgehen lassen. Die Sicherheitsvorkehrungen in den Labors sind wirklich sehr hoch. Es gibt Gerüchte, dass ein paar Wissenschaftler aus dem Institut einst eine Konferenz im Iran besucht haben. Wenn aber jeder, der auf einer Wissenschaftskonferenz im Iran war, gleich verdächtig sein soll, dann haben wir auch im Westen eine Menge Probleme.

Zeit: Gab es bei Vector auch Muslime?

Kuhn: Leute, die in solche Sicherheitsbereiche vordringen, durchlaufen extensive Sicherheitsüberprüfungen. Die großen ehemaligen B-Waffen-Labors liegen außerdem fast alle auf russischem Gebiet. Angeblich hat Russland anderen Sowjetrepubliken nicht so vertraut. Also waren wohl nur sehr wenig Muslime involviert. Aber: Muslime sind ja auch nicht gleichzusetzen mit Gefahr oder Terrorismus.

Zeit: Was halten Sie von der aufgeregten Diskussion um die Gefahr eines Angriffs mit Pocken?

Kuhn: Man weiß von der Sowjetunion, dass sie Pockenviren als B-Waffe im Tonnenmaßstab produziert hat. Eine gewisse Proliferationsgefahr besteht also. Sie ist jedoch nicht so hoch, wie oft dargestellt.

Zeit: Auf der einen Seite sagen Sie, es bestehe eine Gefahr, auf der anderen Seite, diese sei nicht so groß. Wie passt das zusammen?

Kuhn: Ich halte die Wahrscheinlichkeit eines B-Waffen-Angriffs für relativ gering. Wenn er aber stattfindet, ist er desaströs. Wir müssen uns also vorbereiten, wir müssen auch einen Impfstoff vorhalten. Wir sollten auch weiterforschen und Ärzte auf den Fall der Fälle vorbereiten. Wir sollten aber nicht Leute aus dem öffentlichen Gesundheitssystem abziehen, die sonst an der Tuberkulose- und Malariabekämpfung arbeiten. Daran sterben jedes Jahr Millionen von Menschen.

Zeit: Sie haben bei ihren Empfehlungen die Massenimpfung ausgelassen, auf die sich das deutsche Gesundheitsministerium gerade vorbereitet.

Kuhn: Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese durchgeführt wird. Nicht mit den nebenwirkungsreichen Impfstoffen, die man hat. Auch mit neuen Pocken-Impfstoffen gibt es ein Problem: Man kann sie nicht unter realistischen Bedingungen testen.

Zeit: Wenn man wirklich der Meinung ist, dass ein Anschlag möglich ist, wäre das Nebenwirkungsrisiko doch vertretbar.

Kuhn: So lange, bis die ersten Kinder sterben.

Zeit: Wenn heute ein Infizierter das Virus verbreitet und der Erreger auf eine völlig ungeschützte Bevölkerung trifft, dann helfen doch auch keine eindämmenden Ringimpfungen mehr.

Kuhn: Es gibt unterschiedliche Planspiele: Das eine sagt, dass die Bevölkerung gar nicht mehr geschützt ist und Millionen sterben. Es gibt die andere Möglichkeit, dass die Impfstoffwirkung bei früher Geimpften selbst nach zwanzig Jahren nachwirkt – der Verlauf wäre dann langsamer und besser zu kontrollieren.

Zeit: Gerade ist im Kongo Ebola ausgebrochen. Was wäre, wenn ein Infizierter sich von dort aus nach Europa aufmacht?

Kuhn: Dieser Erreger ist nicht so ansteckend. Selbst wenn derselbe Mensch mit mir im Flugzeug säße, würde ich nicht in Panik verfallen.

Die Fragen stellte Harro Albrecht

Jens Kuhn ist Biochemiker und Mediziner. Er arbeitete in amerikanischen und russischen Biowaffenlabors. Der 30-Jährige promoviert über das tödliche Ebolavirus

 
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