Möbel mit viel Moral
Philippe Starck ist der einflussreichste Designer der Gegenwart - und ein großer Träumer. Er will die Unternehmer erziehen und glaubt fest an eine Ethik des Marktes
die zeit: In dieser Woche eröffnet das Centre Pompidou in Paris eine große Retrospektive ihrer Werke. Lange haben sie sich gegen Ausstellungen wie diese verwahrt - warum?
Philippe Starck: Seit vielen Jahren wollen verschiedene Leute und Museen unbedingt Ausstellungen mit mir machen, und ich habe solche Projekte immer scheitern lassen. Weil es dazu keinerlei Grund gab: Ich bin ein populärer Designer, mein Museum ist das Zuhause der Leute. Dort stehen meine Zahnbürsten, meine Stühle, warum sollte man die im Museum zeigen? Heute ist die Situation aber eine andere: Erstens bin ich jetzt 54 Jahre alt, und eine Retrospektive macht lebend mehr Spaß als tot (lacht). Und zweitens habe ich endlich genug Macht, genau die Ausstellung zu realisieren, die mir vorschwebt. Also habe ich wieder meine gute alte Guerilla-Taktik angewandt und mich in eine große Institution, in diesem Fall das Centre Pompidou, eingeschlichen - als ein freundschaftlicher Feind, wie ich das nenne. Denn alle große Firmen, für die ich gearbeitet habe - 3Suisses, Thompson, New Goods oder kürzlich die Amerikaner von Target - haben mich ja immer dazu benutzt, um den eigenen Ruf aufzuwerten und ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen. Und ich benutzte sie, um sie umzufunktionieren, auf einen anderen Weg zu bringen.
zeit: Wie sieht denn Ihre Guerilla-Taktik im Centre Pompidou aus?
Starck: Es gibt kein Design zu sehen. Erstens, weil Design mich nicht interessiert, und zweitens, weil Design nicht das Thema ist.
zeit: Was ist denn dann das Thema ?
Starck: Wir. Als Vorwand, um über uns alle zu sprechen, benutze ich jemanden, der sichtbare Spuren hinterlassen hat. Dieser Jemand packt aus, er packt sich aus, entblößt sich und sagt alles, was er zu sagen hat. Es werden zwölf hohe Stelen gebaut, wie Sockel, und auf die wird jeweils mein Bild projiziert. Was größenwahnsinnig wirkt und auch wirken soll, denn wer sich auf den Sockel stellt, den kann man umso leichter runterkippen. Das ist der Ceausescu-Effekt. Ich werde also demystifiziert, lächerlich gemacht, und kann deshalb erzählen, was ich will. Ich rede über alles mögliche, über Faulheit, Bösartigkeit, Träume, Realitäten, über Schwitzen und Stuhlgang. Die Leute sollen sich nicht dafür interessieren, was ich mache oder wer ich bin, sondern den Bezug zu sich selbst herstellen. Und damit beantworte ich Ihre Frage: Ich habe der Ausstellung zugestimmt, weil ich glaube, dass sie nützlich ist. Zu einem früheren Zeitpunkt wäre sie's nicht gewesen.
zeit: Eine solche Ausstellung kann nur funktionieren, wenn der Besucher, der gekommen ist, um Design zu sehen, über die Abwesenheit Ihrer Kreationen hinweggetröstet wird.
- Datum 27.02.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10/2003
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