gesellschaft Leiden im Freudenhaus
Volkskundler untersuchten den FC St. Pauli als kulturelles Phänomen. Im Stadion und in Kiez-Kneipen sammelten sie wissenschaftliche Daten
Die Universität bittet zur Pressekonferenz. Vierzig Medienschaffende bringen Mikrofon und Stift und Fernsehkamera in Stellung. Sogar auf die viel zu heiße Heizung setzen sie sich. Da hat die Wissenschaft offensichtlich Sensationelles ergründet (ein Genom entschlüsselt oder außerirdisches Leben erspäht). Eine Neuigkeit als Resultat seriöser Untersuchung in Labor oder Feld wird in solchen Fällen mindestens erwartet. Sogar wenn eine Geisteswissenschaft ruft. Es sei denn, das Thema heißt FC St. Pauli. Da kann die Präsentation universitärer Ergebnisse auch mal im vergilbten Clubheim eines balltretenden Vereins stattfinden, und Neuigkeiten dürfen sich erübrigen. Als Attraktion reicht allein die Tatsache, dass forschenden Umgang mit diesem Gegenstand keiner erwartet hätte.
Die Bilanz des Seminars zur „Ethnographie eines Vereins“ im Rahmen der Hamburger Volkskunde ist unter dem Strich aber auf jeden Fall positiv: Nicht nur, dass herausgefunden wurde, was dem Dauerkartenbesitzer nie entgangen ist. Eine wissenschaftliche Rechtfertigung für regelmäßige Stadionbesuche gefunden zu haben darf für Studienleiterin Brigitta Schmidt-Lauber durchaus als Meisterleistung gewertet werden.
Der Kiez-Club als Untersuchungsgegenstand der Kulturanthropologie: Der ewig andere Verein passt ins Konzept einer Disziplin, die „Alltagskultur in Gegenwart und Geschichte“ erforscht. Zumindest dann, wenn – wie in den Zielvorgaben vermerkt – nicht die Resultate auf dem Platz im Vordergrund stehen, sondern das soziale Ereignis, die Fans, die „Symbolik des FC St. Pauli“.
Durch „Teilnahme an Heimspielen“ (90 Minuten), „qualitative Interviews“ (bis zu drei Stunden) und Kneipenrecherchen (open end) kam so viel Wissenswertes für Nicht-Stadiongänger zusammen, dass gar eine Publikation geplant ist. Zum Beispiel der St. Paulianer: politisch, kreativ, selbstironisch und mehr am Feiern als an Fußball interessiert – weswegen oft vom „Freudenhaus der Liga“ die Rede ist. Dies alles bestätigte die Studie, wenngleich sie den einen wahren Fan nicht ausmachen konnte. Ins Millerntor pilgert „eine bunte Mischung von Individuen und Standpunkten“.
Der Totenkopf als Vereinslogo ist ein Erbe des Kampfes um die besetzten Häuser der Hafenstraße. Damals, in den achtziger Jahren, pilgerten politisch bewegte Hamburger ins Stadion. Jetzt mischten sich Forscher unters Publikum und konnten sich der Faszination des FC nicht entziehen
Insbesondere die berühmte „Leidensfähigkeit“ des St.-Pauli-Anhängers ließ sich im Untersuchungszeitraum (April 2002 bis Februar 2003) hervorragend analysieren, sackten die Kiez-Kicker in diesen schlimmen Monaten doch aus der 1. Bundesliga bis ans Ende der 2. Liga ab – ohne gravierende Folgen auf die imposanten Zuschauerzahlen. Schließlich zelebrieren die Fans ja laut der Studie „im Heimspiel ein soziales Ereignis mit identifikatorischer Funktion“. Will sagen, das Publikum tut, was es am besten kann: Es feiert sich selbst. Dafür braucht es keine Punkte.
Beim alternativen Image des fast hundertjährigen Vereins handelt es sich nicht etwa um eine alte Tradition. Der Ursprung des „politischen Fans“, der beim Fußballfachsimpeln auch gegen Schill wettert, Ché Guevara hochhält (und eine Tüte in die Lunge zieht), liegt in den achtziger Jahren. Aus der besetzten Hafenstraße fuhr der damalige Torhüter der ersten Mannschaft mit dem Fahrrad zum Training. Und von dort gelangte der Totenkopf auf geschwenktem Tuch ins Stadion; er ist mittlerweile anerkanntes Vereinslogo auf Mützen, Shirts und Unterhosen – und die St. Paulianer sind die erklärten „Freibeuter der Liga“. Das politische Engagement ist sogar in der Stadionordnung verankert: Sie untersagt rassistische und sexistische Parolen. Und vom Saison-Dauerticket (unter heimniederlagen-gestählten Fans als „Maso-Karte“ bekannt) grüßt Klaus Störtebeker: „Not established since 1910“.
Auch wenn der Pauli-Fan mitnichten nur in St. Pauli wohnt, sondern auch aus den noblen Elbvororten herbeieilt, ist die Vereinsgeschichte enger als anderswo mit dem Stadtteil verknüpft. Als die Mannschaft – ab und an auch in der 1. Liga – Erfolge zu feiern begann, gewann zugleich der Stadtteil St. Pauli an Attraktivität. Es kamen die Studenten, die Kreativen. Das korrespondierte schön mit den Attributen, die der FC für sich beansprucht: „multikulturell, tolerant, weltoffen“.
- Datum 27.02.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.02.2003 Nr.10
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