gesellschaft Leiden im FreudenhausSeite 2/2

Natürlich begünstigte auch die unschlagbare Lage des Stadions die Verankerung des Clubs im Stadtteil. Nach dem Kick trampelt der Fan umgehend auf den Kiez – die Reeperbahn liegt gleich um die Ecke. Im Übrigen fällt es einem Braunweißen in einer baufälligen Arena wie dem Millerntor viel leichter, sich wohlig als Underdog zu fühlen. Die Ruine hilft beim Abgrenzen gegen die Großen, die Bonzen, die Imperialisten.

Die Studienleiterin stellt fest, dass das Seminar an der Uni diverse Folgen zeitigte. Zwar zweifelte nie jemand an der Relevanz des Themas. Aber anfänglich erntete sie nur „wohlwollendes Lächeln“. In der Zwischenzeit haben sich Universitätsbibliothekarin und Dekan gleichermaßen als detailkundige Fußballfans geoutet. Und auch sie, die anfangs „nicht sonderlich an Fußball Interessierte“, hat sich seit über einem Jahr jedes Heimspiel im Stadion angesehen. Kann sie mal nicht zu einem Auswärtsspiel, lässt sie sich die Zwischenresultate (die noch weniger als die Endresultate im Vordergrund der Arbeit standen) per SMS durchgeben.

Auch ihre Studenten, sagt Schmidt-Lauber, hätten, versunken in ihre Arbeit, plötzlich mitgefiebert und Fanlieder intoniert. Da stellt sich dann doch die Frage, ob unter solchen Bedingungen nicht die wissenschaftliche Objektivität tangiert sein könnte. Wie glaubwürdig sind Resultate, wenn ein Führungstreffer den Beobachter erblinden lässt?

Da solche Phänomene in der Volkskunde nicht unbekannt sind, wird in den Seminaren die Rolle eines „Observers“ besetzt. Damit also die Forscherdaten nicht verloren gingen, auch wenn die Objektivität im Eimer war, observierte Brigitte Stargardt im Hexenkessel ihre tobenden Komilitonen: „Auch deren Gefühle werden nun wissenschaftlich analysiert, die Emotionen als Quelle genutzt“, sagt sie. Den vom Beobachteten unbeeinflussten Beobachter gebe es nämlich nicht. Daher wird die „Interaktion zwischen diesen beiden Polen“ analysiert: „Das macht die neue Objektivität aus.“ Selbst für den Dauerkarteninhaber ist dies eine neue Erkenntnis.

Der Autor verpasst kein Heimspiel von St. Pauli

 
Service