forensik Bestseller aus dem vollen Faultank

Beim Schreiben ihrer Bücher schöpft die Krimiautorin Kathy Reichs aus der Erfahrung ihres Berufslebens. Als forensische Anthropologin untersucht sie verstümmelte, verkohlte und verfaulte Leichen

In ihrem Labor in Montreal, wo sie als forensische Anthropologin arbeitet, stapeln sich die Toten in Pappkartons, ein ganzer Lagerraum voll Knochen. Jenseits des Labors aber lauern die Neugierigen, die Reporter, die flüchtigen Bekannten auf Cocktailpartys, Voyeure sie alle, wenn sie mit leuchtenden Augen nach Details haschen, je blutrünstiger, desto besser.

Der Tod folgt Kathy Reichs wie ein aufdringlicher Verehrer, den sie einfach nicht abschütteln kann. Sie sitzt im Wohnzimmer ihrer Villa in Charlotte, North Carolina, an einem grauen Wintermorgen. Vor sich ein lustig knackendes Feuer, die eine ihrer Katzen schlafend zu ihren Füßen, die zweite zusammengerollt auf dem weichen Ledersofa. Sie hat ein Blech Kekse in den Ofen geschoben, süß und schwer zieht der Geruch durchs Haus. Geradezu demonstrativ erscheint diese geballte Häuslichkeit, so als wolle sie sagen, seht her, mein Leben ist doch ganz banal. Sie hat ihr Gesicht in Züge höflicher Langeweile arrangiert, sie kennt die Fragen ja schon, die Lust der Welt am Tod der anderen. Ja, sie brauche einen unverwüstlichen Magen, bestätigt sie brav, faules Menschenfleisch stinkt und sieht auch nicht schön aus, vor allem dann nicht, wenn sich die Maden daran gütlich tun. Scheinbar entspannt kuschelt sie sich in den Sessel. Nur ihre bestrumpften Zehen auf dem Hocker verraten ihre Ungeduld. Wie der Schwanz einer gereizten Katze zucken sie hin und her.

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Der Erstling wurde zum Erfolg

Es ist – im Guten wie im Lästigen – ihr Schicksal, dass sie den Glanz einer Vorabendfernsehserie verkörpert. Sie ist Forensikerin, eine jener Forscher also, die Leichen studieren, in ihrem Fall besonders die Verstümmelten, die Verbrannten und die Verfaulten, bei denen selbst der Gerichtspathologe ratlos ist. Sie tut dies als Frau, eine Seltenheit in der Branche, ist zudem attraktiv noch als Mittfünfzigerin, wenn sich die Krähenfüße auch tiefer furchen als auf den weichgezeichneten Publicityfotos. Und zu allem Überfluss umgibt sie noch die unwiderstehliche Aura des Erfolgs, seit sie 1994 begann, ihre Erfahrungen in Kriminalromane rund um die erdichtete Knochendetektivin Tempe Brennan umzuwandeln. Bereits ihr Erstlingsroman Tote lügen nicht wurde ein internationaler Bestseller.

Seither können die Medien gar nicht genug bekommen von dem dramatischen Kontrast zwischen ihrer gepflegten Biederkeit und ihren unappetitlichen Ausflügen in die Tabuzone des Todes. Sie sehe aus wie ein Tantchen im Pelzfräckchen, staunen die einen, nein, wie eine Parfümverkäuferin, hauchen die anderen, wäre da nicht, so gruselt man sich wohlig, die Selbstverständlichkeit, mit der sie Gebeine in der wohl manikürten Hand wiege „wie einen Keramikuntersetzer“. In ihrem Labor, so lernt der Leser, steht ein Großofen, in dem sie die Leichen köchelt, bis sich das Fleisch von den Knochen löst. „Wie eine durchgedrehte Chefköchin“, murmelte ein australisches Magazin verschwörerisch. Schlimmer aber findet Reichs Überschriften, die sie als „Dr. Tod“ vorstellen. „Ich bin es müde, immer mit dem Tod assoziiert zu werden“, sagt sie und zuckt mit den Zehen. Ein Greuel gar sind ihr Fotografen, die sie zwingen, mit einem Knochen zu posieren, gewöhnlich einem Schädel. Da steht sie dann, einen unergründlichen Blick in den bernsteinfarbenen Augen, die Lippen zu einem missbilligenden Lächeln zusammengepresst, und hält das Gebein des Anstoßes in der Hand, als würde sie es am liebsten werfen.

Dennoch: Sie fragt nicht nach Mitleid. Sie würde es auch nicht bekommen. Die Toten haben sie reich gemacht. Ihre Bücher werden in 29 Sprachen übersetzt, wie sie mehrfach einfließen lässt. Vor einem Jahr zog sie mit ihrem Mann, einem Anwalt, in ein Viertel von Charlotte, in dem die Häuser so groß sind wie Dorfschulen und die Gärten professionelle Pflege ausstrahlen. Offiziell ist sie Professorin an der Universität von North Carolina, doch vom Lehren lässt sie sich schon lange entschuldigen. Auch ihre forensischen Dienste für das US-Militär kündigte sie, um Zeit für das profitable Schreiben zu haben. Nur nach Montreal fährt sie wie gehabt alle paar Wochen, studiert dort im Auftrag der Provinz Quebec Einschusslöcher in Schädeln und Messermale an fauligen Gebeinen. Auch dem gerichtlichen Leichenbeschauer in North Carolina hilft sie. Dieser Tage gibt es wenig zu tun. Die Kälte verschreckt die Radler und Wanderer. Flüsse und Boden sind gefroren. Was auch immer dort vor sich hin rotten mag – Opfer von Serienmördern, Sadisten oder unglücklichen Umständen–, wird erst das Frühlingstauen an den Tag bringen.

Sie hasst die Kälte, das lässt sich in vielen Artikeln nachlesen. Dennoch hegt sie keine Absichten, ihre berufliche Pilgerei in den eisigen Norden aufzugeben. Auch kühler Geschäftssinn steckt dahinter: Schließlich birgt jeder zerfallene Torso, der ihr dort auf die Stahltrage gelegt wird, potenziell den Keim eines neuen Bestsellers. Würde sie schreiben, wenn sie keine Forensikerin wäre?, fragte eine Reporterin im vergangenen Sommer. „Hätte ich dann Interessantes zu berichten?“, schoss Reichs zurück.

Denn alle ihre Bücher beruhen auf wahren Fällen. Der Frauen verstümmelnde Serienmörder in Tote lügen nicht? Sie half sein reales Vorbild zu überführen. Der Bikerkrieg in Lasst Knochen sprechen? Wie ihre Romanheldin Brennan sortierte Reichs einst die Fleischklumpen, nachdem sich zwei Motorradfahrer versehentlich selbst mit einer Bombe in die Luft gesprengt hatten. Skrupel hat sie deshalb keine. „Ich ändere die Details und verwende nur, was auch in Zeitungen oder Gerichtsakten steht.“ Selbst im Wohnzimmer beantwortet sie Fragen, als stünde sie unter Eid. Konzentriert starrt sie auf die Lippen des Sprechers, dann flackert ihr Blick ins Leere, während sie ihre Antwort zurechtlegt. Diese kommt klar, präzise, punktgenau. Ihr Tonfall ist überzeugt, die Sprechgeschwindigkeit mitschreibefreundlich, Lächeln im Service nicht inbegriffen.

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