Kriegsgegner Alter Protest in neuen Klamotten

Von Robbie Williams bis Herbert Grönemeyer - die Popstars sind gegen den Krieg. Doch schmal ist der Grat zwischen Engagement und Friedenskitsch

Es sind Tage der Wiederkehr und der Koinzidenzen. Am vergangenen Wochenende stellte Dieter Süverkrüp in Berlin sein Lebenswerk als CD-Box vor, und siehe, nicht nur die Unverdrossenen gaben sich die Ehre. Er sei neugierig, ließ der ergraute Protestliedverfasser verlauten, „ob man die eingebauten Zeitzünder noch ticken hören“ könne.

Auch die Deutsch Amerikanische Freundschaft ist wieder da. Das Elektronikduo, dessen vor 20 Jahren gewählter Name wie eine bestellte Ironie auf die aktuelle Weltlage wirkt, kehrt derzeit mit einem Stück Tanzmusik zurück, das sich im Untertitel Antiamerikanisches Lied nennt und im Wesentlichen aus einer Zeile besteht: „Wenn der Sheriff reiten geht, reiten alle mit“.

Das neue Madonna-Album wurde leider nicht pünktlich zu den weltweiten Friedensdemos fertig. Informationsstand bei Redaktionsschluss war, dass es American Life heißen und natürlich auf aktuelle Gestimmtheiten reagieren wird. Noch hat kein Normalsterblicher das Video zur jüngsten Verwandlung zu Gesicht bekommen, doch eingeweihte Kreise wollen bereits wissen, was darin zu sehen ist: eine Granaten werfende Madonna im Kampfanzug, dazu abgerissene Gliedmaßen und blutüberströmte Kinder – ganz eindeutig die mit Abstand rüdeste Attacke, die bislang auf den amerikanischen Präsidenten und seine Kriegspläne geritten wurde.

Die Liste der Artisten gegen den Krieg ließe sich zwanglos fortsetzen: nicht nur um die Dauerempörten Wecker, Wader und Mey, auch um den ein oder anderen Britpopper; um Michael Stipe von R.E.M., Sheryl Crow, Elton John, um Dustin Hoffman und den alten Pete Seeger. Erst seit dem 15. Februar allerdings, dem Tag, an dem das Massenmedium Straße sich wieder ins Gedächtnis rief, ist kein Halten mehr. Kaum waren die erschöpften Demonstranten zu Hause angelangt, da geriet die Verleihung des deutschen Schallplattenpreises Echo auch schon zur TV-Friedensshow, mit den No Angels, Herbert Grönemeyer und der Handtasche von Esther Schweins („No War“) in tragenden Rollen. Unbemerkt von der Öffentlichkeit habe sich eine Politisierung neuen Stils ereignet, war in den Tageszeitungen zu lesen. Mancher wollte in Robbie Williams’ Version von Give Peace a Chance gar den jüngsten radical chic ausgemacht haben.

Das Stück zum Nein fehlt noch

Kehrt also der Protest in die Popkultur zurück? Wie immer, wenn unvorhergesehene Ereignisse Erklärungsnotstand hervorrufen, haben solche Deutungen etwas Halluzinatorisches. Noch lässt sich nicht sagen, ob die vielen, die dem Frieden eine letzte Chance geben wollten, Vorboten eines neuen Mainstreams sind, gar eine dauerhafte Friedensbewegung bilden werden. Noch weniger existiert eine einheitliche Ästhetik des Widerstands. Von durchsichtigen Versuchen abgesehen, auf den peace train aufzuspringen, gibt es keine wirklich signifikanten Gesten, keine Band der Stunde, kein mehrheitsfähiges Stück zum Nein, bloß ein weites Feld von Stimmungen, Zitaten und Reprisen. Die schiere Zahl von Kriegsgegnern höchst unterschiedlicher Couleur ist eine Projektionsfläche, auf der sich mehr die Hoffnungen und Befürchtungen ihrer Exegeten abzeichnen als die Protestkultur der Zukunft. Und doch kommt das Unbehagen am Kurs von Bush und Rumsfeld nicht aus heiterem Himmel.

Zum einen gehört es auf unverzichtbare Weise zur Mythologie der Popkultur, dass sie vom Nicht-einverstanden-Sein handle. Es nützt nichts, Gymnasiasten von heute vorzurechnen, wie mittelprächtig das Ergebnis meist war, wenn Künstler sich allzu sehr dem Tagesgeschäft verschrieben, dass etwa Bob Dylan sich bereits in den frühen Sechzigern von seiner engagierten Phase verabschiedete und zum rockenden Existenzialisten wandelte – bis heute hält sich die Vorstellung, Jimi Hendrix’ kreischende Gitarre habe den Vietnamkrieg beendet. Eine Sehnsucht nach Geschichte drückt sich darin aus, die mit den Kränkungen und Materialermüdungen, die die Popkultur seit ihren heroischen Zeiten durchmachen musste, nicht kleiner geworden ist, vielmehr als wiederkehrender Phantomschmerz jede neue Generation befällt. Greil Marcus, der amerikanische Poptheoretiker, hat es in einem schönen Satz gesagt: Der Wunsch nach Revolte sei für die Jüngeren wie „das Jucken eines Körperteils, der ihnen vor der Geburt amputiert wurde“.

Zum Anderen ist der ironische Gestus, der die Popkultur der letzten Jahrzehnte begleitete, nicht erst seit dem 11. September in eine Krise geraten. Schon in den Neunzigern gab es unverkennbare Anzeichen von Überdruss an Pop als Lifestyle, an immer weiteren Verfeinerungen und Distinktionen der einzelnen Stile, die mit notorischem Augenzwinkern gereicht wurden, um ihren Adepten doch stets nur einen minimalen Vorsprung vorm gemeinen Popvolk zu bescheren. Wozu noch dem jeweils neuesten Trend hinterherlaufen, wenn der Einsatz teurer kommt als der erzielte Distinktionsgewinn? Wenn Dandys wie Bild-Leser wissen, dass es sich bloß um ein großes Spiel mit wechselnden Moden handelt? Die Jahre seit Punk, der nach Popzeitrechnung letzten großen Erschütterung, haben den Typus des „zynischen Untertans“ hervorgebracht, eines großen Durchschauers gesellschaftlicher wie medialer Rituale, der sich nichtsdestotrotz oder gerade deswegen in der Unabänderlichkeit der Verhältnisse kommod eingerichtet hat. Mit der Globalisierung allerdings, mit sinkenden Zukunftschancen und Terrorangst, zieht die Suche nach einem authentischen, unkorrumpierten Sound Kreise.

Die (Wieder-)Geburt des Uncoolen begann im Schatten von Krisengipfeln und Börsencrash. Das Comeback von Toni Negri ist ebenso ein Indiz dafür wie die überraschende Popstarwerdung der Globalisierungskritikerin Naomi Klein oder der Aufstieg des singenden Vagabunden Manu Chao. Erstere hat den modemüden Kindern der Postmoderne mit ihrer Kampfschrift No Logo! die Einsicht zurückgebracht, dass ihre coolen Turnschuhe in den Sweatshops der Dritten Welt zusammengenäht werden, Letzterer ist selbst in Krisengebieten unterwegs, gibt Konzerte, die Kundgebungen ähneln, und unterhält freundschaftliche Beziehungen zu den Rebellen von Chiapas.

Längst hat der neue Ton die urbane Intelligenzija erreicht. Blumfeld etwa, die deutsche Band, dessen Sänger Jochen Distelmeyer seine Texte einst aus den zermürbend selbstreflexiven Schlaufen einer „Ich-Maschine“ generierte, wandelte sich über Nacht zur Diskurs-Schlagercombo für alle Popkonsumenten guten Willens. Testament der Angst heißt das Album, mit dem Distelmeyer, die Risiken des Unterkomplexen bewusst in Kauf nehmend, gegen die „Diktatur der Angepassten“ mobil machte: „Ihr habt die Welt längst aufgegeben, für Medien, Märkte, Merchandise!“ Der eigentliche Star der neuen Aufrichtigkeit allerdings, zumindest was das Inland anbelangt, heißt Herbert Grönemeyer.

Grönemeyer ist der Wilhelm Meister des Betroffenheitspop. Er bezieht seine Glaubwürdigkeit aus dem Gestus eines Mannes, der die Stilwindungen der Neunziger durchlaufen hat, um geläutert daraus hervorzugehen. Frühzeitig hat er den alten Deutschrockstiefel gegen ein paar zeitgemäße Sneakers eingetauscht, ist aus dem Ruhrgebiet nach Berlin und von dort nach London gezogen, hat mit Elektronikern zusammengearbeitet, sich einmal sogar von angesagten DJs remixen lassen – und ist doch bis heute unverkennbar für alle „der Herbert“, die ehrliche Haut. Wenn die Leerformel vom Künstler, der sich „selbst treu geblieben“ ist, je auf jemanden zugetroffen hat, dann auf Grönemeyer.

Kein anderer als er bringt es derzeit fertig, von der Showbühne herab ein „Jahrhundert der Menschlichkeit“ auszurufen und dafür nicht Gelächter, sondern Tränen echter Rührung zu ernten. Niemand, nicht einmal Pastor Schorlemmer, predigt den Deutschen so schön, sie sollen fahren lassen alles schnöde Besitzstreben, die innere Teilung endlich überwinden und aufeinander zugehen, auf dass die Welt ihren Frieden finde. Grönemeyer ist der Volkstribun der Stunde, und dass er noch keine eindeutigen Worte zur Irak-Frage gefunden hat, überrascht: Vielleicht ahnt er, dass er denen, die er geißelt, den Politpopulisten und Berufsflosklern, auch ein wenig ähnlich sieht? Erinnert er nicht manchmal sogar an seinen sinistren Gegenspieler Dieter Bohlen? Herbert bleibt Herbert, das gilt auch umgekehrt: Um in Grönemeyer die Lichtgestalt zu sehen, für die seine Fans ihn halten, können die großen Durchschauer dieser Welt nicht anders, als sämtliche geschmackskritischen Augen zuzudrücken.

Gedrängel auf Seiten der Guten

Das nämlich ist das Problem der neuen Aufrichtigkeit, bei Grönemeyer wie bei anderen: Sie muss ihre Evidenz gegen die Übermacht der Reprisen und Déjà-vus behaupten. Schmal, so schmal der Grat zwischen überzeugender Popgeste und Friedenskitsch! Noch einen Schritt weiter hinein ins Reich der Floskeln – und schon wird das ironische Augenzwinkern wieder provoziert werden. Wie könnte es auch ausbleiben angesichts des allgemeinen Gedrängels, das auf der Seite der Guten eingesetzt hat? Deutschland sucht schon wieder einen Superstar! Jeder will plötzlich von jeher ein Friedensengel gewesen sein, gibt seinem neuesten Produkt noch schnell ein paar Botschaften mit auf den Weg, vom singenden Schauspieler bis hin zur jungen Garde der Retortenstars. Letzte Meldung: die Jeans-for-Peace-Aktion der Stuttgarter Band Fool’s Garden. Sarah Connor, Bro’Sis und andere haben Antikriegsautogramme „auf eine ausgefallene Wrangler-Retro-Jacke“ geschrieben, die übers Internet meistbietend versteigert wird, der Erlös geht an Unicef. So stellt die Fonoindustrie sich Widerstand vor: alter Protest in neuen Jacken.

Ein wenig „Zynismus“ wird also auch in Zukunft vonnöten sein – als Peinsack- und Bullshit-Detektor. Vielleicht hat die neue Internationale der Friedenssucher aber auch von der Love Parade gelernt und lässt alle Kindlein zu sich kommen, ganz gleich, ob naiv oder schlau oder bemüht oder bloß abgebrüht, einfach, um alle Mittel auszuschöpfen. Wie gesagt: Es gibt Platz für viele in dieser Bewegung von Einzelnen, die ihrem ersten Hit entgegenfiebert. Die zwei Techno-Ledermänner von der Deutsch Amerikanischen Freundschaft können sich Chancen auf ein paar Stimmen im Rammstein-Lager ausrechnen. Ein Süverkrüp-Revival ist der Menschheit nicht ernsthaft zu wünschen. Wir warten auf Madonna. Wann eine Stimmung mehrheitsfähig geworden ist, hat sie noch stets am besten gewusst.

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 10/2003
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