Wie ein Tatort sieht die Schlossparkschule Stadthagen wirklich nicht aus. Sie macht, im Gegensatz zu vielen anderen Schulen, einen sauberen, gepflegten, fast spießigen Eindruck. Und sie vermittelt ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Regelmäßig dreht hier ein älterer Streifenpolizist seine Runden, Herr Lichtblau mit Namen, von den Schülern Blaulicht genannt. Am Eingang der Haupt- und Realschule wacht ein Hausmeister in einer verglasten Pforte, von hier aus hat er alles im Blick – den Schulhof, die davon abgehenden Altstadtgassen und nach drinnen den langen Flur. Der an eine Toilettenwand gekritzelte Satz "Ich ficke alle Deutsche" wirkt in dieser scheinbar friedlichen Umgebung nicht bedrohlich, nur geschmacklos.

Doch der Schein einer heilen Welt in der Schlossparkschule trügt. Über ein Jahr, vielleicht sogar über mehrere Jahre, so genau weiß das im niedersächsischen Stadthagen am Rande des Weserberglandes niemand zu sagen, bestimmten hier Prügel und Gewalt den Schulalltag. Weder der Hausmeister in seinem Glaskasten noch die gut 40 Lehrer wollen gesehen haben, welchen Terror Schüler ausübten, mit welcher Angst die meisten Schüler jeden Morgen zum Unterricht kamen.

Wer an der Schlossparkschule in Stadthagen Geburtstag hatte, dem wurde ins Gesicht geschlagen oder in den Rücken getreten. 36 Schüler stehen nun vor Gericht, die meisten sind Türken. Die Geschichte einer misslungenen Integration

Das Ausmaß der juristischen Nachforschungen zeigt, wie allgegenwärtig die Gewalt an der Schlossparkschule im Schaumburger Land war: Gegen 65 Kinder und Jugendliche, die meisten davon Hauptschüler, hat die Staatsanwaltschaft im benachbarten Bückeburg wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt – das heißt gegen jeden dritten männlichen Hauptschüler Stadthagens, einer Kreisstadt mit 23000 Einwohnern. Noch nie wurde so umfangreich an einer Schule in Deutschland ermittelt, noch nie landeten so viele Schüler vor Gericht. Gegen 10 wurde Anklage vor dem Jugendschöffengericht des Stadthagener Amtsgerichts erhoben, weitere 26 müssen sich vor dem Jugendrichter verantworten. Die übrigen Verfahren wurden eingestellt – gegen Auflagen oder mangels Tatverdachts oder weil die Betreffenden unter 14 Jahre alt und damit zur Tatzeit noch nicht strafmündig waren. Um der Masse der Verfahren Herr zu werden, bewilligte das Justizministerium in Hannover dem Amtsgericht Stadthagen vorübergehend eine zusätzliche halbe Richterstelle.

Fast alle Beteiligten "des Falles" Schlossparkschule sind schweigsam oder inzwischen verstummt. Man redet nicht gern über den Skandal. Schulleiter Rudolf Krewer sagt, er wisse gar nicht, welche Schüler im Einzelnen betroffen seien, das herauszufinden sei jetzt Sache der Justiz. Er wolle es auch gar nicht wissen – "die Schüler sollen ja wieder integriert werden".

Die Kommissarin, die die Ermittlungen führte, mag keine Auskunft geben. Die Direktorin des Amtsgerichts, wo nun Dutzende von Schülern angeklagt sind, darf es nicht; die Verfahren sind nichtöffentlich. Und der Bürgermeister sorgt sich um den Ruf seines beschaulichen Residenzstädtchens, der auf Dauer Schaden nehmen könnte.

Sie halten sich fast alle bedeckt in Stadthagen, weil es nicht mehr nur um die Prügelorgien geht, sondern um Fundamentaleres: um das Zusammenleben von Deutschen und Türken in der Stadt. Und dieses Verhältnis ist ziemlich belastet, seit sich die Prügelgeschichte als eine Integrations- oder, zutreffender: Desintegrationsgeschichte entpuppte. Denn die Mehrzahl der Schläger an der Schlossparkschule waren Türken oder türkischstämmige Jugendliche. Einheimische deutsche Schüler spielen nur als Opfer eine Rolle, nicht als Täter. Auch jene dritte Gruppe derjenigen, die sowohl Opfer als auch Täter waren, besteht nur aus Türken.

Die Opfer haben immer noch Angst, als Zeugen auszusagen