Gegenaufklärung
Wolfram Siebeck gibt gern zu: Noch nie waren die Menschen so umfassend aufgeklärt wie heute. Und doch ist es viel wichtiger, ein naturbelassenes Nahrungsmittel mit der Zunge erkennen zu können, als zu wissen, was Gen-Tomaten im Körper von Versuchstieren anrichten
Woran mangelt es, wenn wir uns zu Tisch setzen? An Manieren? Wohl kaum. Hamburger essen wir ja nicht zu Hause. Vielleicht an Butter? Manchmal. Vor allem bei Anhängern der Diätisten-Sekte. Fehlt nicht auch die richtige Einstellung zum Genuss? Die bedingungslose Hingabe an ein saftiges Steak und sahnigen Wirsing? In der Tat. Aber am dringendsten fehlt uns die Aufklärung. Aufklärung – das wissen wir hier im alten Europa sehr wohl – ist eine der wichtigsten Zutaten in unserem Abendland genannten Eintopf. Davon, fordern die Optimisten, kann es gar nicht genug geben, während die Pessimisten nur müde abwinken: Macht den Kohl auch nicht fett, die Menschheit ist und bleibt wahnsinnig.
Ich vermute, dass Aufklärung wie eine Überdosis Kümmel wirkt. Wie sind wir in den vergangenen Jahren aufgeklärt worden! Zucker sei schlecht für die Zähne, Schokolade schlecht für die Verdauung, und Zigarren ruinierten die Gardinen. Man klärte uns über unseren Cholesterinspiegel auf und wie man ihn tunlichst senken solle, die Schädlichkeit von Kartoffelchips wurde uns ebenso vor Augen geführt wie die verfetteten Kinder des Nachbarn. Über chemische Schweinemast wurden wir aufgeklärt, über Tierfutter aus Kadavern und den Zusammenhang zwischen sitzender Lebensweise und Herzinfarkt.
So wurden wir zu den aufgeklärtesten Konsumenten, die es je gegeben hat.
Gleichzeitig wurden wir ängstlich wie Schoßhunde im Gewitter. Als Neu-Hypochonder frequentieren wir die Krankenhäuser bis zum Ruin der Ersatzkassen. Wo unsere Urgroßväter eine angekettete Taschenuhr mit sich herumtrugen, sitzt bei uns der Blutdruckmesser. Also: Wir sind überaufgeklärt.
Nur ziehen wir keine Konsequenzen aus unserer modernen Bildung. Wir boykottieren nicht die Lieferanten und bestrafen nicht die Verursacher. Reeder, die ihre verrosteten Öltanker an unseren Küsten zerbrechen lassen, landen nicht am Galgen, Biochemiker, die uns im Dienste skrupelloser Nahrungsmultis fragwürdigen Produkten ausliefern, nicht im Gefängnis. Und wir – das ist nun wirklich das Schönste an der ganzen Geschichte –, wir sterben nicht wie die Fliegen, wir werden immer älter.
Also Schluss mit der Aufklärung! Ich muss nicht auch noch erfahren, dass Lachse demnächst graues Fleisch haben werden, weil es sich fast ausschließlich um Zuchtlachse handelt, und die hatten bisher ihr rotes Fleisch von einem Medikament, das ihrem Futter beigemischt wurde. Da dieses Futter wahrscheinlich Krebs verursacht, ist es nun europaweit verboten worden.
All das gehört zur Aufklärungswelle, der wir ausgesetzt sind wie die Halligen dem Blanken Hans. Bei jener Gelegenheit kam auch noch zur Sprache, dass der ominöse Farbstoff bisher ebenfalls benutzt wurde, um Eidotter dunkelgelb zu färben. Der Verbraucher habe es so gewollt, sagt man. Ich weiß, was der Verbraucher will: Er will nichts mehr davon hören. Vor allem nicht hinterher, wenn er den betreffenden Farbstoff bereits kiloweise geschluckt hat. Denn das wissen wir sowieso: Sie lügen alle. Und wer nicht lügt, der verschweigt Dinge, die uns misstrauisch machen würden. Die Moral von der Geschicht’? Trau keinem Verfallsdatum nicht.
Und keinem Funktionär, ob er nun seine Landespolitik erklärt oder die Harmlosigkeit unserer Nahrungsmittel beteuert.
Andererseits ist auch deren Gefährlichkeit nicht bewiesen. Sie probieren an Mäusen aus, ob eine Gentomate der Gesundheit mehr schadet als eine Gartentomate. Aber Frau Hoffmann, meine Katze, erwähnen sie nicht. Die schadet Mäusen mehr als eine Kiste voll Tomaten, egal, ob die ein Kleingärtner gezüchtet hat oder das Labor.
Im Übrigen sind wir keine Mäuse. Nicht einmal Katzen sind wir. Wenn ich sehe, welch kleine Portion Kalbsleber es braucht, damit Frau Hoffmann auf den Teppich kotzt, während ich unbeschadet dreimal so viel davon essen kann, wird mir klar, dass wir von Mäusen und Katzen nichts lernen können. Die einen werden von den anderen gefressen.
Nun gut, das praktizieren wir seit Jahrtausenden in ständiger Verfeinerung und mit immer subtilerer Begründung. Daran hat auch die Aufklärung nichts geändert. Also ist sie überflüssig.
Was wir statt ihrer brauchen, ist eine Wiedererweckung unserer Geschmacksnerven. Dazu gehört die Fähigkeit, die gebratene Brust eines Batteriehuhns und die Brust eines Mistkratzers auf der Zunge unterscheiden zu können. Auch sollte niemand (wie unsere Pisa-geschädigten Kinder) Dosenerbsen den frischen vorziehen wollen oder Fischstäbchen einem frischen Fischfilet. Der Kunstgeschmack einer ultrahocherhitzten Milch sollte als das erkannt werden, was er in Wirklichkeit ist: als künstlich.
Den größten Anteil an unnatürlichen Bestandteilen in unserer Nahrung stellt der Zucker. Tiefkühlpizzas, Fertigsaucen, Milchprodukte, alle Arten von Fast Food und Konserven wären ohne hohe Zuckermengen kaum verkäuflich. Die Süße der Nahrung löst nicht nur bei Babys großes Wohlbefinden aus, auch die Zunge eines Erwachsenen lässt sich durch einfachen Zuckerzusatz täuschen. Was ihr wie eine Leckerei vorkommt, ist lediglich ein kosmetischer Bluff. Genau so tückisch ist das Überbacken mit klebrigen Industriekäsen, das nur dazu dient, die unzureichende Qualität eines Billiggerichts zu kaschieren.
Qualität zu erkennen ist schwierig, weil es so wenig Qualität gibt, an der Konsumenten sich ausrichten können. Das betrifft nicht nur AldiKunden, sondern auch die Benutzer der Bundesbahn und der Telekom. Wenn also Aufklärung Not tut, dann bei der Identifizierung schlechter Qualität. Nicht aus Sorge um unsere Gesundheit, sondern weil wir den Anblick unserer verfetteten Kinder leid sind.
Und weil wir den Antiamerikanismus bekämpfen wollen, der durch US-Junk-Food, diesen weltweiten Geschmackszerstörer, auf die Dauer nur angestachelt wird.
- Datum 27.02.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.02.2003 Nr.10
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