Will Lightman, der Protagonist in Nick Hornbys Roman About A Boy, ist ein rechter Taugenichts. Er geht keiner geregelten Arbeit nach, sondern lebt von den Rechten an einem Weihnachtslied, das sein verstorbener Vater komponiert hat. Immer, wenn das Lied zur Adventszeit aus den Beschallungsanlagen der Kaufhäuser dudelt, klingelt es auch in Wills Kasse. Die Tantiemen sind üppig genug, um ihm ein zumindest finanziell sorgenfreies Leben zu ermöglichen. (1) Digitale Konfektion: Inhalte wie Musik, Filme oder Texte werden für den Vertrieb per Internet aufbereitet: Sie werden digitalisiert, komprimiert (MP3, MPEG…) und verschlüsselt. (2) Schaufenster im Netz Die verschlüsselten Daten liegen auf einem Server zum Download bereit. (3) Schlüssel gegen Geld: Der Nutzer erwirbt einen Schlüssel zur einmaligen, mehrmaligen oder unbegrenzten Nutzung der Inhalte. (4) Jederzeit, überall…: Mit dem Schlüssel kann der Nutzer die Musik hören oder den Film betrachten, und zwar auf unterschiedlichen mobilen oder festen Abspielgeräten. Der Schlüssel ist an die Person gebunden, nicht ans Gerät

Diese nie versiegende Geldquelle verdanken Leute wie Will (oder Michael Jackson, dem die meisten Beatles-Songs gehören) dem Urheberrecht – auch wenn sie eigentlich nicht die Urheber der entsprechenden Werke sind. Treffender beschreibt es der englische Ausdruck Copyright: Es geht um das Recht, Kopien von einem Lied, Buch oder Bild anzufertigen. Dieses Kopierrecht ist im Moment in der Diskussion, weil durch Computer und Internet die Welt der Lizenzen und Tantiemen aus den Fugen geraten ist. Es wird milliardenfach kopiert, ohne dass die, denen die Rechte gehören, einen Cent sehen. Nun wollen die Medienkonzerne die rechtliche und technische Grundlage dafür schaffen, dass auch in Zukunft die Nutzer für den Genuss von Filmen, Texten und Musik zahlen. Das so genannte Digital Rights Management (DRM) soll den Raubkopierern das Handwerk legen, indem Filme und Musik verschlüsselt werden und nur dem zugänglich sind, der einen entsprechenden Schlüssel gekauft hat. Kritiker befürchten allerdings, dass die DRM-Systeme, zusammen mit einer neuen Computerarchitektur, zu einer totalen Überwachung und Gängelung der Nutzer führen.

Die Diskussion entzündet sich vor allem am Paragrafen 95a des neuen Urheberrechtsgesetzes, das bereits die erste Lesung im Bundestag passiert hat. Danach soll es strafbar sein, Sperrmechanismen für digitale Medien zu umgehen. Bislang hatte der Käufer einer CD oder Videokassette nämlich das Recht, für seinen privaten Gebrauch Kopien anzufertigen – für den CD-Spieler im Auto oder im Wochenendhaus, aber auch für Freunde. Im deutschen Urheberrecht wurde das 1965 ausdrücklich festgeschrieben. Hinter dem Streit um den scheinbar nebensächlichen Paragrafen steckt mehr – nämlich der Konflikt zwischen dem "geistigen Eigentum" und der Freiheit der Information.

Dass die Urheberschaft an Gedanken, Erfindungen und Kunstwerken ein Eigentum von ganz besonderer Art begründet, formulierte schon der amerikanische Präsident Thomas Jefferson: Eine Idee sei ein Ding, "das weniger als alle anderen für den exklusiven Besitz geeignet ist". Ganz allein besitzen könne ein Individuum eine Idee nur so lange, wie es diese für sich behält. Einmal in die Welt entlassen, wird sie zum Allgemeingut – trotzdem besitzt ihr Erfinder nicht weniger.

Erst Ende des 18. Jahrhunderts setzte sich, ausgehend von den USA, die Überzeugung durch, dass man den Klau von Ideen beschränken müsse. Das Copyright war eine Ausnahme von der generellen Regel des freien Austauschs von Informationen. Ursprünglich sah das amerikanische Recht eine bescheidene Frist von 14 Jahren vor, innerhalb der der Autor sein Werk exklusiv vermarkten konnte. Danach sollte es der Allgemeinheit frei zur Verfügung stehen. Die Dauer dieser Frist wurde in allen Ländern seitdem immer wieder verlängert – längst dient das Copyright nicht mehr dazu, dem Künstler seinen Broterwerb zu sichern. Inzwischen ist es die Geschäftsgrundlage für die "Content-Industrie". In Deutschland ist ein Kunstwerk noch 70 Jahre nach dem Tod des Autors geschützt. In den USA galt bis 1998 ein Zeitraum von 75 Jahren nach der Entstehung des Werks, dann wurden noch einmal 20 Jahre draufgelegt – eine "Lex Disney", denn die ersten Comics aus der Unterhaltungsfabrik drohten 2003 an die Allgemeinheit zu fallen. Eine Mickymaus-Abbildung, für die niemand zahlt? Offenbar ein Horror.

Bevor aus dem Computer eine universelle Medienmaschine wurde, funktionierte das System zu aller Zufriedenheit: Die Verbraucher kauften Schallplatten, CDs und Bücher zu Preisen, die von der Industrie vorgegeben wurden. Im privaten Bereich machte man Kopien, die immer mit einem Verlust an Qualität verbunden waren. Und selbst für diese Kopien sammelten die Verwertungsgesellschaften der Autoren noch Tantiemen ein – in Form von Abgaben auf Fotokopierer und leere Tonbandkassetten.

Durch Computer und Internet geriet dieses Gefüge durcheinander. Denn digitale Daten lassen sich beliebig vervielfältigen, auch die tausendste Kopie ist vom Original nicht zu unterscheiden. An allem aber hat irgendjemand die Rechte – an den Bildern von Star Trek, an Songtexten, an Comics. Das Internet ist, vom Standpunkt der Urheber aus gesehen, ein reines Sodom und Gomorrha. Seit die Musikfans nicht nur ein paar Kassetten verschenken, sondern in Tauschbörsen plötzlich ihre Musik an Millionen "Freunde" in aller Welt verteilen, hat die Branche ein Problem. Einige dieser Rechteinhaber reagieren inzwischen immer häufiger mit Klagen.

Dem eigentlich erlaubten privaten Kopieren schieben die Plattenfirmen schon heute manchmal einen Riegel vor, indem sie ihre CDs mit einem Kopierschutz versehen. Die Scheiben können dann von Computern nicht gelesen, also nicht kopiert, aber auf dem Rechner auch nicht angehört werden. Natürlich gibt es immer wieder pfiffige Tüftler, die diesen Kopierschutz umgehen. Aus diesem eher sportlichen Wettrüsten zwischen den Content-Anbietern und den Hackern soll jetzt ein Straftatbestand werden. Das geplante Urheberrecht stellt sich auf die Seite der Anbieter und gibt ihnen das Recht, die Verwendung ihrer Produkte nach dem Verkauf beliebig einzuschränken.