Dichter Dran Ja zu Saddam?

Elena Lappin ist not amused über die Londoner Friedensdemo

Eigentlich wollte ich darüber schreiben, was geschah, als vor ein paar Wochen London unter zwei Zentimetern leichtem Schnee begraben lag. Es war eine Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes: Der Verkehr brach praktisch zusammen, die Schulbusse meiner Kinder kamen gegen Mitternacht nach Hause, und vorher schickten sie mir lauter SMS, getippt mit kältestarren Fingern: »HUNGRIG«, »VERZWEIFELT«, »BUS RUTSCHT HÜGEL RUNTER«, »ICH LIEBE DICH!«. Aber als sie endlich eintrafen, hatten sie ein Abenteuer erlebt: Sie hatten mitgeholfen, den schweren Mercedes von Arsene Wenger, dem Manager des Fußballvereins Arsenal, eine vereiste Straße bergauf zu schieben, und ein Autogramm von ihm bekommen, sie hatten eine unter Londonern unübliche Solidarität erfahren, und das alles dank der Unfähigkeit ihrer Stadtverwaltung, die Straßen zu streuen. »So muss es damals beim Blitz gewesen sein«, sagte mein Sohn sehnsüchtig.

Aber sobald der Schnee geschmolzen war, geschahen andere, weitaus wichtigere Dinge in London. Etwa der große Friedensmarsch, bei dem viele interessante Menschen sprachen, darunter: die talentierte Rap-Pazifistin Miss Dynamite; der Exparlamentsabgeordnete Tony Benn, der kürzlich Saddam Hussein so freundlich interviewt hat, wie es sich Michael Jackson vergeblich gewünscht hätte; sowie unser Bürgermeister Ken Livingstone, der sich sorgte, welche Auswirkungen ein Krieg gegen Irak auf den Londoner Tourismus haben könnte (oder sagte er »Krieg gegen Chirac«?).

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Was unseren radikalen Bürgermeister jedoch am meisten beschäftigte, war weder Irak noch Chirac, sondern die Staugebühr, die er zwei Tage nach dem Marsch einführte. Von nun an müssen wir alle fünf Pfund pro Tag bezahlen, wenn wir mit dem Auto in die Londoner Innenstadt fahren wollen. Gegen die Absicht, den Verkehr zu reduzieren, ist nichts einzuwenden, außer dass sie die Klassenunterschiede forciert: Die Reichen können die Gebühr problemlos bezahlen und sich freuen, über leere Straßen zu fahren; die Armen können sich die Gebühr nicht leisten und verzichten auf ihre schlecht bezahlten Stellen in der Innenstadt. Vielleicht sehen wir demnächst eine riesige Arbeitsplatzflucht in verschiedene Stadtrandgebiete, meine ruhige kleine Vorstadt etwa…

Was mich wieder auf den Schnee, den Friedensmarsch und, qua historischer Ursache und Wirkung, auf den Blitz bringt: Das Wetter kann ich Livingstone nicht vorwerfen, aber da dieser Schnee seit mindestens einem Monat präzise vorhergesagt worden war, werfe ich ihm sehr wohl vor, dass er uns nicht vor dem unnötigen Desaster bewahrt hat. Als ich mir nun die euphorischen Demonstranten im Fernsehen anschaute, zusammen mit meiner irakischen Nachbarin Mona, die vor Jahren aus ihrem Land floh und immer hoffte, sie könne bald zurückkehren und die überlebenden Mitglieder ihrer Familie wiedersehen, stellte ich betrübt fest, dass in dem Meer von »NEIN ZUM KRIEG«-Spruchbändern kein einziges »NEIN ZU SADDAM« zu sehen war. Die größte Demonstration in der Geschichte Englands fand, so schien mir und auch Mona, auf Glatteis statt.

 
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