Tunesien: Und aus Lehm ward das Kamel
Der »Große Süden« Tunesiens ist ein Ruinenfeld der Natur. Das Gestein zwischen Wüste und Salzsee platzt und zerbröckelt unter den Sohlen des Wanderers
Die Karawane soll spurlos verschwunden sein. Draußen auf dem Schott el-Djerid, einem riesigen Salzsee im tunesischen Süden, sei sie auf geheimnisvolle Weise verloren gegangen. Dies berichtet der arabische Gelehrte Sidi al-Tijani zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Tausend Kamele samt Treiber – einfach weg, entrückt, verpufft wie ein flüchtiger Gedanke. Ihr Schicksal wurde nie aufgeklärt.
Wie scheue Weggefährten begleiten der Schott el-Djerid und der Schott el-Gharsa die Wanderer, die seit Tagen das wüstenhafte, bis zu tausend Meter hohe Bergland um die Salzseen durchstreifen und immer wieder kurze Blicke auf eine flache Scheibe erhaschen, weit unten, vage, unermesslich wie ein Ozean, in Wahrheit jedoch ein gigantischer Riss in der Erdkruste, eine abflusslose Senke, aufgefüllt mit gelösten Salzen, Gips und anderen Sedimenten, die aus dem Gebirge dort hinuntergeschwemmt werden. Nach Regenfällen sind große Teile des Schotts überflutet. Doch jetzt ist das Wasser verdunstet. Salze blühen auf und überbacken die Ebene mit einer braunen Kruste, während in der Ferne eine bizarre Winterlandschaft flimmert – wie eine Art Eis aus glitzernden Salzkristallen.
Was geschah mit den tausend Kamelen und ihren Treibern? Haben sie sich verirrt? Sind sie verdurstet? Eingebrochen? Versunken in metertiefen Salzsümpfen? Während man sich noch fragt, wie der Tross dort draußen abhanden gekommen sein mag, verschwindet der Schott plötzlich selbst, schiebt sich hinter scharfkantigen Fels, mit jedem Schritt ein Stück weiter, bis er fort ist. Für die Wanderer wird er stundenlang unsichtbar bleiben.
»Es gibt keinen Weg. Weg ensteht im Gehen«, sagt der Dichter
Tunesien ist vor allem für seine Sandstrände und sein mediterranes Klima bekannt, doch im von der Sahara geprägten, sonnenverbrannten »Großen Süden« ziehen sich Gebirgs-, Steppen- und Wüstenlandschaften bis an die algerische Grenze. Der Ausgangspunkt dieser Tagesetappe, die Bergoase Tamerza mit ihrer verlassenen Ruinenstadt, den zerflossenen Mauern und weiß getünchten Kuppeln der Heiligengräber, liegt schon weit zurück. Zwar glaubt man, dann und wann noch das Rauschen zu hören, das der Wind in den Palmkronen der Oase erzeugt, ein Geräusch wie von einer fernen Brandung, doch hier oben ist es still. Kein Wind. Keine Palme. Überhaupt keine Pflanzen. Von ein paar widerspenstigen Rosmarinsträuchern abgesehen, die geizig mit ihrem Duft umgehen, in dieser sonst geruchlosen Öde.
Abderrahman, der Wanderführer aus der Gegend von Tozeur, hat zwei Jahre in Saudi-Arabien gearbeitet, spielt leidenschaftlich gerne Billard und spricht hervorragend Deutsch. Unermüdlich geht er durch das zerklüftete Massiv der Neguetberge voran. Um Wege kümmert er sich nicht. Er zeigt auf einen Punkt in der Ferne, auf einen spitzen Fels oder einen Sattel, und lacht und läuft einfach los. Seine Idee vom Gehen scheint frei von Wegen. Er meidet sie, als seien sie Hindernisse. Auf diese Weise wandernd, kommt einem der spanische Dichter Antonio Machado in den Sinn, der schrieb: »Wanderer, es gibt keinen Weg. Weg entsteht im Gehen.«
Gehen also – vorbei an schroffen, zerfurchten Berghängen, bizarren Gipsformationen, zerstäubten grüngelben Mergelhaufen und schwarzen Felszähnen aus freigelegten Achaten. Unter den Schuhsohlen zerbricht getrocknete Erde wie Tonscherben. Alles in diesem Ruinenfeld der Natur zeugt von Vergänglichkeit; Vergänglichkeit des Gesteins, das platzt und bröckelt; Vergänglichkeit des Menschen, der hier entlangkommt. Das Geröll dehnt und staucht den eigenen Schatten bis zur Unkenntlichkeit, und die Vorstellung wächst, man habe etwas für immer zurückzulassen, die vertraute Welt, Autobahnen, Supermärkte, Computermonitore. Ein befreiendes und zugleich bedrückendes Gefühl.
Bei einem Halt unter einer vorspringenden Felswand ertönen sonderbare Geräusche. Gabi, die Geschäftsfrau aus München, hat ihr Handy hochgeladen und schaut gespannt auf das Display. Sie lächelt. »Wir haben Verbindung«, sagt sie erleichtert. Es klingt wie »Gott sei Dank, wir sind noch da«.





