Wie soll man sich heute an die Stalin-Zeit erinnern? Ein beliebtes Verfahren ist der Versuch, hinter die propagandistische Fassade zu blicken, um die schreckliche Wirklichkeit zu entdecken. Die historische Aufarbeitung dieser Realität hat nach dem Tod Stalins begonnen, und sie ist bei weitem noch nicht abgeschlossen. Man kann sie getrost ihrem langsamen Gang überlassen, in der berechtigten Erwartung, dass sie noch vieles an Verbrechen und Grausamkeiten an den Tag bringt, was bis heute verborgen blieb. Eine solche Aufarbeitung der Vergangenheit übersieht aber meistens etwas - nämlich die Fassade selbst. Gerade die visuelle Kultur des Sozialistischen Realismus Stalinscher Prägung ist aber sehr interessant. Sie gehört bereits in eine Zeit, in der die globale kommerzielle Massenkultur von heute zum Durchbruch gelangte. Damals erhielt sie ihre Funktion, die sie nach wie vor ausübt. Die offizielle Kultur der Stalin-Zeit war ein Teil der globalen Massenkultur und lebte von den Hoffnungen, die diese Kultur weltweit weckte.

Die äußere Ähnlichkeit der Kunst der Stalin-Zeit mit der gleichzeitigen amerikanischen Massenkultur fällt ins Auge. Die meisten sowjetischen Filme in den dreißiger bis fünfziger Jahren unterscheiden sich kaum von Hollywood-Musicals. Für die ästhetische Ähnlichkeit sorgt eine tiefe innere Verwandtschaft zwischen der westlich-kommerziellen und der sowjetisch-ideologischen Massenkultur: Für beide war die Werbung stilbildend. Nur wurde im Westen für unterschiedliche Produkte geworben, während im stalinistischen Russland nur für ein Produkt geworben wurde. Das Land produzierte ja auch nur ein einziges Produkt - den Kommunismus.

Die Kultur der Stalin-Zeit war nichts anderes als eine große Werbekampagne, die das Ziel hatte, für den Aufbau des Kommunismus zu trommeln. Die kommunistische Werbung - deswegen ist sie der westlich-kommerziellen Werbung auch näher als der Propaganda der Nazis - richtete sich an keine abgegrenzte Zielgruppe. Die kommunistische Werbung rief die ganze Menschheit dazu auf, das Produkt Kommunismus zu erwerben - wie heute die Menschheit aufgerufen wird, Coca-Cola oder Big Macs zu kaufen.

Eine Eigenart bestand allerdings darin, dass Produkt und Werbung fürs Produkt identisch waren. Vor allen Dingen musste die Unterscheidung zwischen dem Kommunismus und dem Nichtkommunismus künstlerisch sichtbar gemacht werden. Aber wie? Unter Stalin wurden unzählige Diskussionen über die Frage geführt, wie die sowjetischen Menschen - aber auch Kühe, Schweine oder Maschinen, die ein glückliches kommunistisches Leben führten, "richtig" dargestellt werden sollten, damit der Unterschied zu den nichtsowjetischen Menschen, Kühen, Schweinen und Maschinen ins Auge fiel, die im Kapitalismus ausgebeutet wurden.

Die Antwort konnte nur sein: durch Werbung. Oder durch eine Kunst, die aussah wie Werbung, jedenfalls nicht durch Kunst, die inhaltliche Differenzen zum idealisierten Bild vom Leben in der Sowjetunion riskierte. Dazu eine Geschichte, in der Stalin persönlich als Spezialist für kommunistische Lifestyle-Werbung auftritt. In den dreißiger Jahren sollte in einer der zahlreichen Datschen Stalins ein Sitzungssaal für angereiste Parteifunktionäre eingerichtet werden. Der Innenarchitekt schlug vor, die Sessel mit echtem Leder zu beziehen. Stalin war unzufrieden: Ein Bolschewik sitzt doch nicht wie ein Bourgeois auf echtem Leder! Vielmehr solle Lederimitat verwendet werden, um die kommunistische Bescheidenheit zu unterstreichen. Den Einwand des Architekten, in Russland koste echtes Leder viel weniger als Imitat, das man für teure Devisen aus dem Westen importieren müsse, wischte Stalin weg: Für den Lifestyle der kommunistischen Bescheidenheit durften keine Ausgaben gescheut werden.

Die unendlichen Diskussionen der Stalin-Zeit über die "richtige" Darstellung kommunistischen Lifestyles erinnern durchaus an unsere zeitgenössische Lifestyle-Werbung, die ja auch nicht primär für ein Produkt, sondern für ein Lebensgefühl wirbt, das mit dem Produkt verbunden ist. Diese Analogie zwischen kommerziellem Kitsch und totalitärer Kultur in den dreißiger und vierziger Jahren haben schon Clement Greenberg oder Theodor W. Adorno beobachtet und darum ihre Hoffnungen auf die künstlerischen Avantgarden gerichtet, die in ihren Augen Widerstand gegen die kommerzielle wie gegen die totalitäre Kultur leisteten. Man fragt sich allerdings, ob Greenberg und Adorno mit ihrer Einschätzung richtig lagen. Zumindest lässt die Geschichte der russischen Avantgarde daran zweifeln.

Das Ziel der radikalen Kunst-Avantgarden bestand nämlich von Anfang in nichts anderem, als das Kunstwerk eben zum Lifestyle zu erheben - und zwar möglichst zum Lifestyle der gesamten Gesellschaft. Man kann die künstlerische Avantgarde am treffendsten als einen Versuch bezeichnen, die Diktatur des Kunstkonsumenten durch eine Diktatur des Kunstproduzenten zu ersetzen. Die Einbeziehung des Betrachters in das Kunstwerk stellt somit das eigentliche Projekt der Avantgarde dar. Dieses Projekt ist von Anfang an totalisierend oder, wenn man so will, totalitär.